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Zum Hören: Streit um Abriss des Direktorenhauses am Lutherhaus. Bildrechte: imago images / Rainer Weisflog
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MDR SACHSEN-ANHALT Do 13.06.2024 10:20Uhr 00:48 min

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Sanierung des Lutherhauses Geplanter Abriss des Direktorenhauses in Wittenberg sorgt für Zündstoff

13. Juni 2024, 16:52 Uhr

Das Lutherhaus in Wittenberg – das Flaggschiff der Luthermuseen in Sachsen-Anhalt und Teil des Unesco-Welterbes – soll für etwa 16 Millionen Euro energetisch saniert werden. Ärger gibt es nun wegen einer sogenannten Klimaschleuse, weil dafür das angrenzende Direktorenhaus abgerissen werden soll. Darum tobt ein erbitterter Streit, der auch mit dem Nazi-Erbe der Lutherstadt zu tun hat.

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

Eine Schulklasse steht vor dem Wittenberger Lutherhaus. Die Mädchen und Jungen sind ausgelassen, quatschen, machen Fotos. Gleich sind sie an der Reihe, dann geht es auf eine Entdeckungsreise, bei der sie erfahren können, was es mit der Reformation auf sich hat.

Den wichtigsten Originalschauplatz der Reformation – das Lutherhaus – können die Jugendlichen dabei nicht betreten, denn seit Spätherbst vergangenen Jahres ist das renommierte Museum geschlossen. Mehr als das. Es ist völlig leergeräumt, damit es energetisch saniert werden kann. Darum kümmert sich Thomas T. Müller, der neue Stiftungschef der Luthermuseen.

Wir müssen das Haus ertüchtigen, damit uns die Kosten für die Energie nicht um die Ohren fliegen. Das ist für ein Gebäude in solch einem Alter und solch einer Größe sicherlich nachvollziehbar.

Thomas T. Müller Stiftungschef der Luthermuseen

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat er ein großes und kompliziertes Bauvorhaben zu bewältigen. "Wir müssen versuchen, den Eintrag von Feuchtigkeit in das Gebäude zu minimieren. Das war bisher eine problematische Situation, wenn große Reisegruppen kamen. Außerdem müssen wir das Haus ertüchtigen, damit uns die Kosten für die Energie nicht um die Ohren fliegen. Das ist für ein Gebäude in solch einem Alter und solch einer Größe sicherlich nachvollziehbar."

Ein Mann in blauem Sakko und roter Fliege steht vor einem Gemälde.
Für Thomas T. Müller, Stiftungschef der Luthermuseen, ist der Abriss des Direktorenhauses unvermeidlich. Bildrechte: André Damm/MDR

Etwa 16 Millionen Euro stehen der Stiftung für den Umbau zur Verfügung. Für ein gutes und stabiles Raumklima soll alles möglichst luftdicht gestaltet werden: angefangen bei der Dämmung über neue Fenster und Türen bis hin zu einer Klimaschleuse, damit die wertvollen Exponate aus der Zeit Luthers keinen Schaden nehmen. Doch gerade die Klimaschleuse bereitet Probleme, weil ein angrenzendes Gebäude im Weg steht – das sogenannte Direktorenhaus, das Wohnhaus von Oskar Thulin, des ersten Direktors der Lutherhalle.

Abriss effizienter als Umbau

Sein Nachfolger Müller will das Haus nun wegreißen, da ein Umbau zu aufwändig wäre. "Wir müssten das Direktorenhaus auf das gleiche Niveau wie das Lutherhaus bringen. Wir müssten Etagen verschieben, doch das würde statische Probleme verursachen. Außerdem wäre dadurch der Keller aus der Lutherzeit gefährdet, auf dem das Direktorenhaus steht." Dem Abriss, so Müller weiter, soll ein Neubau folgen, der sich dem Eingangsbereich anpasst und ins Klimakonzept eingebettet werden kann. 

Man blickt auf ein beige-farbenes Gebäude, das um die Ecke geht.
Das Direktorenhaus soll einer sogenannten Klimaschleuse weichen. Bildrechte: André Damm/MDR

Derzeit liegt noch keine Baugenehmigung dafür vor. Die Prüfung des Bauordnungsamtes des Landkreises dauert an, obwohl die energetische Sanierung des Lutherhauses schon zu Jahresbeginn starten sollte. "Noch ist nichts abgerissen, noch besteht Hoffnung", sagt dazu Insa Hennen, eine Wittenberger Kunsthistorikerin in der Denkmalpflege. Sie lehnt den Abbruch des Direktorenhauses aus mehreren Gründen ab: "Das Lutherhaus-Ensemble ist ein Zeugnis der Rezeptionsgeschichte. Es hat schon immer An- und Umbauten gegeben. Deshalb gehört für mich auch das Direktorenhaus dazu."

Insa Hennen, die viele Jahre auch für das Lutherhaus gearbeitet hat und für die CDU im Stadtrat sitzt, nennt noch einen weiteren Grund, der nach ihrer Ansicht einen Abriss verbietet. Und der führt in die Zeit des Nationalsozialismus zu Oskar Thulin.

Luther und die Nazis

"Er hat 1933 und 1934 die deutschen Lutherfesttage organisiert und diese waren eine Steilvorlage für deutsche Christen, Luther zu kapern." Denn die Nazis seien von einigen antisemitischen Schriften Luthers begeistert gewesen und wollten den Reformator für ihre Zwecke missbrauchen, ihn instrumentalisieren. Laut Hennen ist das in einer Zeit, als der Judenhass immer ausgeprägter wurde, nicht ganz gelungen. Aber es ist auch heute noch ein äußert heikles Kapitel der Luthergeschichte, sagt die Kunsthistorikerin. Und das müsse aufgearbeitet werden. Ein Abriss des Direktorenhauses wäre da das falsche Signal.

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Stiftungschef Müller will aber von den Abrissplänen nicht abrücken – auch wenn er einräumt, dass Luthers Rolle in der Nazi-Zeit ein wichtiger Forschungsbereich sei. "Doch ist dazu das Gebäude notwendig?", fragt er. "Wir haben das Direktorenhaus denkmalpflegerisch untersucht und dokumentiert. Und vielleicht können wir einige Teile im neuen Gebäude verwenden", sagt der neue Chef der Luthermuseen in Sachsen-Anhalt und wirkt dabei angespannt.

Seinen Start hätte er sich ein bisschen leichter vorgestellt.

MDR (André Damm, Sebastian Gall)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Juni 2024 | 07:30 Uhr

1 Kommentar

Maria A. vor 4 Wochen

Bei aller Begeisterung für das Sanierungsvorhaben - wieso dafür ein Haus abgerissen werden muss - das sorgt für leichtes Unbehagen. Ein anhaltend schaler Nachgeschmack wird aber erzeugt, wenn man dieser Stadt ein "Nazi-Erbe" anhaftet. Wir haben jahrzehntelangen Agitprop der DDR erlebt, inklusive ständiger Aufarbeitung der leidigen Hitlerzeit, aber eine derartige geschichtliche Krümelkackerei, die sich mittlerweile heraus kristallisiert hat, gab es da nicht. Konkret auf Luther bezogen wurden dessen in damaliger und heutiger Sichtweise anrüchigen Aussagen immer dem in diesen Jahrhunderten herrschenden derben Umgangston und, geschichtlich bewiesen, antijüdischen Zeitgeist im mitteleuropäischen Raum, zugerechnet.

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