Zukunft der Arbeit Vier-Tage-Woche: "In der Pflegebranche gibt es sowas deutschlandweit noch nicht"

21. Januar 2023, 08:37 Uhr

Geht es den Menschen besser, wenn sie einen Tag pro Woche weniger arbeiten? Unter anderem das DRK in Sangerhausen will das probieren und wissenschaftlich begleiten lassen. Im Ausland ist man teilweise schon einen Schritt weiter und macht positive Erfahrungen.

Minutenlang applaudieren die knapp 400 Menschen, als Andreas Claus im Dezember die Neuerung verkündet. Auf der Weihnachtsfeier des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Sangerhausen hat Vorstandsvorsitzender Claus seinen Mitarbeitern gerade erzählt, dass sie demnächst weniger arbeiten sollen und dafür sogar mehr Geld bekommen. Claus will für seine Mitarbeiter die Vier-Tage-Woche einführen. "Für unsere Beschäftigten bedeutet das eine Gehaltserhöhung von 11,2 Prozent", erklärt Claus im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT.

Das DRK betreibt in Sangerhausen mehrere Pflegeeinrichtungen und einen mobilen Pflegedienst. Trotzdem werde keine Arbeit liegen bleiben, die Menschen müssen auch nicht mehr Arbeit in kürzerer Zeit verrichten, macht Claus deutlich. Erreicht werde das beispielsweise durch eine konsequente Digitalisierung der Abläufe im Haus. Möglicherweise werden demnach auch zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, falls das nötig werden sollte.

In der Pflegebranche gibt es sowas, meiner Kenntnis nach, deutschlandweit noch nicht.

Andreas Claus Deutsches Rotes Kreuz Sangerhausen

Erfolg der Einführung soll untersucht werden

Claus sucht derzeit nach eigenen Angaben noch eine Universität, die die Einführung mit einer Studie begleitet. "In der Pflegebranche gibt es sowas, meiner Kenntnis nach, deutschlandweit noch nicht." Die Idee dahinter ist klar: Das DRK Sangerhausen will sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren und so den entscheidenden Vorteil bei der Anwerbung von Fachkräften haben. "Dabei wollen wir nicht nur für die Fachkräfte in der Region ein interessanter Arbeitgeber sein, sondern auch, vor allem wegen des demografischen Wandels, für potentielle Arbeitnehmer aus dem Ausland", erläutert Claus.

Die Vier-Tage-Woche einzuführen sei angesichts des Fachkräftemangels und einer alternden Gesellschaft, in der zukünftig weniger Menschen die gleiche Arbeit leisten müssen, ein durchaus diskussionswürdiger Schritt. Aber Claus und sein Team sind mit ihrer Entscheidung nicht allein, meint der Wissenschaftler Philipp Frey. Auch wenn die Vier-Tage-Woche in der Pflegebranche doch noch etwas Besonderes sei. Schließlich könne man die Heilung einer Verletzung nicht einfach beschleunigen. Frey forscht derzeit am Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse unter anderem zu den Vor- und Nachteilen der Vier-Tage-Woche.

Studie zeigt: Umstellung kommt an

In Großbritannien läuft dazu momentan ein großer Feldversuch mit über 70 Unternehmen und mehr als 3.300 Beschäftigten, der derzeit noch ausgewertet wird. Die Arbeitnehmer dort erhalten zunächst für sechs Monate einen zusätzlichen freien, bezahlten Tag pro Woche. Zur Halbzeit im Spätherbst des vergangenen Jahres antworteten 86 Prozent der befragten Unternehmen, sich die Vier-Tage-Woche auch langfristig vorstellen zu können. 88 Prozent gaben an, das Modell funktioniere gut in ihrem Arbeitsalltag. Daneben gibt es auch Initiativen in Spanien oder in Belgien, erzählt Frey im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. "Es scheint also tatsächlich eine Entwicklung in die Richtung zu geben."

Die Vorteile dieser Entwicklung liegen auf der Hand: Die Mitarbeiter haben einen zusätzlichen Tag für die Erholung, können Einkäufe erledigen oder sich um ihre Familie kümmern. Auch die Unternehmen haben nachweisbare Vorteile: "Eine Firma in Großbritannien hat beispielsweise durch die Einführung der Vier-Tage-Woche binnen drei Monaten ihre Bewerberlage verfünffacht", erläutert Frey. Daneben verbessere sich auch die Mitarbeiterbindung an die Firma. Heißt: Mitarbeiter von Firmen mit einer Vier-Tage-Woche seien seltener bereit, ihren Arbeitgeber zu wechseln. Für Frey ist klar, die Vier-Tage-Woche könnte in vielen Branchen eingeführt werden.

Ich war selbst erstaunt, dass die Feldversuche gezeigt haben, dass die Mitarbeiter dasselbe oder sogar noch mehr in kürzerer Zeit schaffen.

Philipp Frey Wissenschaftler

Produktivität steigt mit der Vier-Tage-Woche

Schließlich würden Studien zeigen, dass die Produktivität der Mitarbeiter mit der Einführung einer Vier-Tage-Woche spürbar steigt, sagt Frey. Eine wichtige Voraussetzung, denn die Arbeit müsse ja weiterhin getan werden. Dabei sind Experten bislang davon ausgegangen, dass man 50 Prozent der Arbeitszeitverkürzung durch Produktivitätssteigerungen und die andere Hälfte durch zusätzliche Arbeitnehmer erreichen könne. "Ich war aber selbst erstaunt, dass die Feldversuche gezeigt haben, dass die Mitarbeiter dasselbe oder sogar noch mehr in kürzerer Zeit schaffen", erzählt Frey.

Der Grund dafür sei ganz einfach, sagt Frey: Die Einführung der Vier-Tage-Woche sei immer ein längerer Prozess gewesen, in dem sich die Unternehmen mindestens drei Monate vorbereitet haben. Die Zeit haben die Unternehmen demnach genutzt, um sich genau zu überlegen, in welche neuen Technologien könne man investieren, um Arbeitszeit einzusparen. "Aber was viel wichtiger ist, im Idealfall haben sich die Chefs gemeinsam mit der Belegschaft hingesetzt und geschaut, wo man Arbeitszeit einsparen kann", erläutert Frey, "und eines der Ergebnisse ist, dass in fast allen Unternehmen eine Vielzahl von Besprechungen gestrichen worden sind."

Alte Arbeitsabläufe werden überprüft

Die Vier-Tage-Woche kann demnach also auch eine Chance sein, eingeübte Abläufe zu überprüfen und neu zu gestalten. Was es bei der Umstellung von einer Fünf- zu einer Vier-Tage-Woche zu beachten gilt, hat Christine Johannes von der Uni Erfurt untersucht. "Wichtig ist, dass die Geschäftsführung voll und ganz hinter dem Prozess steht, gerade wenn man es beispielsweise mit Kunden zu tun hat, die möglicherweise länger auf Dinge warten müssen oder Arbeit auch mal liegen bleiben könnte, die vorher schneller erledigt worden wäre", erläutert Johannes im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT.

Wichtig ist, dass die Geschäftsführung voll und ganz hinter dem Prozess steht, ...

Christine Johannes Universität Erfurt

Wichtig sei in jedem Fall, wie die Umstellung im konkreten Einzelfall organisiert wird, macht Johannes klar. "Das Risiko ist immer, dass die gleiche Arbeit in kürzere Zeit gepackt wird." Dann reiche die zusätzliche Regenerationszeit trotzdem nicht aus. Ein weiteres Problem: Viele Arbeitgeber würden auch Dankbarkeit für die Einführung der Vier-Tage-Woche erwarten. "Das kann dazu führen, dass die Leute sich kurzfristig mehr reinhängen, weil sie denken 'Oh, der hat mir einen freien Tag geschenkt', jetzt muss ich noch mehr leisten", erklärt Johannes. "Aber das geht halt auch nur für eine begrenzte Zeit."

Start beim DRK Sangerhausen Anfang 2024?

Für DRK-Chef Claus ist klar, dass die Umstellung kein Selbstläufer ist. Schon seit fünf Jahren wird nach seinen Angaben in Sangerhausen daran gearbeitet, die Arbeitsabläufe so zu gestalten, dass die Einführung gelingt. Im Februar sollen die Verhandlungen mit den Gewerkschaften beginnen. Wenn alles gut läuft, will Claus die Vier-Tage-Woche Anfang 2024 starten.

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MDR (Hannes Leonard), dpa

20 Kommentare

Feldmaus am 23.01.2023

Finde ich jetzt komisch, auf der einen Seite wird uns was vom Fachkräftemangel vor gejammert und jetzt will man nur noch 4 Tage arbeiten,da stimmt doch irgendwas nicht. Sind die Arbeitskräfte nicht ausgelastet, wenn sie jetzt die Arbeit in 4 Tagen als sonst an 5 Tagen schaffen?

ElBuffo am 23.01.2023

Wo liest man denn im Artikel etwas von nicht benötigten Arbeitskräften? Der Vorteil des Ganzen soll doch zudem ein freier Tag mehr sein. Ich wüsste da ganz andere Bereich, wo an jedem Arbeitstag nicht allzuviel passiert, als ausgerechnet in der Pflege.
Davon abgesehen steht es selbstverständlich jedem Freigesetzten zu sich zu bewerben wo er mag. Genauso steht es jedem, der Arbeitskräfte sucht, frei Bedingungen anzubieten, die ihm eine ausreichende Zahl an Nachfragern ermöglicht.

ElBuffo am 22.01.2023

Dann fällt das eben bei VW am Band aus. Das DRK in Sangerhausen muss sich davon nicht abhalten lassen. Und wenn es nicht funktioniert, muss man weitersuchen. Die erste Dampflok konnte auch noch keine 300km/h fahren.

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