Dr. Silva Bülow, Chefärztin Geriatrie Harzklinikum, schaut nach einem Patienten 4 min
Vor allem alte Menschen benötigen oft weiterhin Pflege, nachdem sie im Krankenhaus waren. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sozialdienste überfordert Als Pflegefall aus dem Krankenhaus entlassen: "Hier spielen sich Dramen ab"

05. März 2024, 10:43 Uhr

Wenn Menschen nach einem Aufenthalt im Krankenhaus weiter Hilfe brauchen, müssen sich die Sozialdienste der Kliniken um Pflegeplätze kümmern. Diese Pflegefälle gibt es in Sachsen-Anhalt häufig, doch ambulante Dienste und Einrichtungen haben oft keine freien Kapazitäten. Sowohl für Angehörige als auch für die Krankenhäuser ist die Situation oft äußerst schwierig. Eine "Heimfinder"-App wie in NRW wird nur bedingt als Lösung empfunden.

Daniel Salpius schaut freundlich
Bildrechte: MDR/Tilo Weiskopf

Klemens Broß ist im sachsen-anhaltischen Gesundheitssystem wohl eher die Ausnahme. Der Senior wurde mit unentdecktem Diabetes ins Krankenhaus aufgenommen. Seine Therapie braucht Zeit, doch genau die haben Kliniken meist nicht. Patienten wie er verlassen das Krankenhaus oft als Pflegefall und brauchen weiterhin medizinische Versorgung sowie Hilfe im Alltag. Im Harzklinikum in Quedlinburg stemmt man sich gegen diesen Automatismus – so gut es eben geht.

"Herr Broß wird hier so fit gemacht, dass er nicht ins Pflegeheim muss", erklärt Chefärztin Silva Bülow. Sie leitet die Geriatrie (Altersmedizin) am Harzklinikum. Auf der Station werden betagte Patienten neben Ärzten und Pflegern unter anderem auch von Physio- und Psychotherapeuten oder auch Logopäden betreut. "Hier sind viele Professionen am Patienten dran, damit sie hinterher keine Pflege benötigen", so Bülow. Doch auch sie und ihre Station stoßen an Grenzen. Dann es braucht eben doch Pflege, die zu organisieren für Angehörige und auch Krankenhäuser extrem fordernd ist.

Jeder vierte neue Pflegefall in Sachsen-Anhalt war zuvor im Krankenhaus

Pflegebedürftigkeit nach einem Krankenhausaufenthalt ist ein zunehmendes Problem – insbesondere in Sachsen-Anhalt, dem Land mit dem bundesweit höchsten Altersdurchschnitt (47,9 Jahre laut statistischem Bundesamt). 2022 ging hierzulande jedem vierten neuen Pflegefall eine stationäre Behandlung im Krankenhaus voraus. Das haben Hochrechnungen der Barmer Krankenkasse ergeben. Rund 820 Betroffene sind es laut Pflegereport monatlich gewesen, das macht fast 10.000 im Jahr. Und die Fälle nehmen zu.

Zu den Top-Ursachen für eine Krankenhauseinweisung mit anschließender Pflegebedürftigkeit gehören nach Angaben der Barmer Krankenkasse dabei Herzinsuffizienz – landläufig auch als Herzschwäche bezeichnet – sowie Oberschenkelhalsbrüche.

Wenn Patienten nach solchen oder anderen Erkrankungen weiterhin Hilfe benötigen, werden sie zum Fall für die Sozialdienste der Krankenhäuser. Ihnen kommt über das gesetzlich vorgeschriebene Entlassmanagement dann die Aufgabe zu, die Versorgung der Pflegebedürftigen über ambulante Pflegedienste oder stationäre Pflegeeinrichtungen sicherzustellen. Was einfach klingt, gestaltet sich in der Praxis nicht selten als Ding der Unmöglichkeit.

Sozialdienste am Limit: Keine freien Pflegeplätze

Catherine Wagner und Diana Sauerzapf vom Sozialdienst des Harzklinikums telefonieren und klappern teilweise bis zu 20 Pflegeeinrichtungen und -dienste ab, um einen einzigen Patienten oder eine Patientin unterzubringen. Das fresse enorm viel Zeit und personelle Ressourcen. Seit im Jahr 2017 das Entlassmanagement eingeführt wurde, musste im Harzklinikum der Sozialdienst von anfangs zwei auf mittlerweile 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgestockt werden. Doch oft genug seien dennoch alle Bemühungen vergebens, da einfach keine Pflegeplätze frei seien.

Dann kann das Krankenhaus die in akutmedizinischer Hinsicht austherapierten Patienten schlicht nicht entlassen und im Extremfall keine neuen aufnehmen, weil benötigte Betten belegt bleiben.

Für diese Situation hat der Gesetzgeber die "Übergangspflege" geschaffen. Betroffene Patienten haben damit Anspruch auf eine bis zu zehntägige Versorgung im Krankenhaus, wenn eine Pflege im eigenen Haushalt oder eine Kurzzeitpflege nicht sichergestellt werden kann. Die Barmer zahlt nach eigenen Angaben dafür circa 200 Euro pro Tag. Diese Möglichkeit wird allerdings kaum genutzt. Laut Pflegereport gab 2022 bundesweit gerade mal 47 Übergangspflegefälle jeden Monat.

Gescheiterte Übergangspflege? "Wir sind kein Pflegeheim"

Im Harzklinikum wundert das niemanden. So sei das Modell finanziell nicht attraktiv und der bürokratische Aufwand, eine Übergangspflege zu beantragen, derart groß, dass der Sozialdienst das nicht leisten könne, erklärt die Chefärztin der Geriatrie, Silva Bülow. Es müsse detailliert nachgewiesen werden, dass zuvor alle infrage kommenden Pflegeeinrichtungen abtelefoniert worden seien. Zudem bestehe das Problem des Entlassmanagements nach einer Übergangspflege ja weiterhin für das Krankenhaus. Das Problem werde also oft nur herausgezögert.

Überdies erfordere dass Modell zusätzliches Personal und räumliche Kapazitäten – das heißt, eine eigene Station für Übergangspflege. Schließlich müsse man die Betroffenen eigentlich von stationären Akutpatienten trennen. "Aber diese Kapazitäten haben wir hier nicht, wir sind auch kein Pflegeheim, sondern ein Akutkrankenhaus", betont Bülow.

Auch Krankenhäuser mit eigener Geriatrie wie das Harzklinikum können das Problem allenfalls abfedern. Bis zu 620 betagte Patientinnen und Patienten jährlich kann Silva Bülow mit ihrem Team betreuen. Im Unterschied zur Pflege werden die Betroffenen hier therapiert, so dass sie bestenfalls nach dem Krankenhausaufenthalt gar keine Pflege mehr brauchen. Zwischen 6.000 und 17.000 Euro an Kosten fallen auf der Station pro Patient an.

Geld und Personal fehlen: Geriatrie muss immer wieder Patienten ablehnen

Doch nicht jeder kranke, alte Menschen kann auf der Geriatrie aufgenommen werden. Es müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein und es muss sich für das Krankenhaus am Ende wiederum auch rechnen. "Ich habe in der Geriatrie drei Möglichkeiten der Abrechnung, nur eine ist hinsichtlich Kosten und Nutzen sinnvoll", beschreibt Bülow das Problem. "Ich kann also Patienten nicht nehmen, weil ich es nicht abrechnen kann."

Ich kann also Patienten nicht nehmen, weil ich es nicht abrechnen kann.

Silva Bülow Chefärztin für Geriatrie im Harzklinikum

Was es neben einer besseren Finanzierung auch bräuchte, wären mehr Kapazitäten in der Geriatrie. 35 Betten hat die Chefärztin. Vor Corona hatte sie noch doppelt so viele. Doch mit der Pandemie habe man schlicht zu viel Personal verloren.

All das führt immer wieder dazu, dass Bülow Patientinnen und Patienten nicht helfen kann, denen sie rein medizinisch helfen könnte. Sie mache aus Menschlichkeit Ausnahmen, stoße aber oft auch auf verständnislose und wütende Angehörige, wenn sie es nicht möglich machen könne. "Die Leute stehen vor mir und betteln, dass die Mutter noch zwei Tage länger bleiben kann. Hier spielen sich Dramen ab." Patientinnen und Patienten, die sie abweisen muss, landen dann unter Umständen im Pflegeheim und kommen von da teils auch nicht wieder zurück in ihr Zuhause.

Barmer sieht "Heimfinder"-App als Lösung

Aus Sicht der Barmer ließe sich das Problem vergleichsweise einfach lösen. "Derzeit ist der Aufwand, freie Pflegeplätze ausfindig zu machen, unnötig hoch, denn es fehlt in Sachsen-Anhalt an belastbaren Informationen über freie Pflegekapazitäten", erklärt Barmer-Landesgeschäftsführer Axel Wiedemann. Um Transparenz über verfügbare Plätze zu schaffen, müssten Berichts- und Monitoringformate ausgebaut werden. Damit könne auch das Entlassmanagement der Krankenhäuser entlastet werden.

Derzeit ist der Aufwand, freie Pflegeplätze ausfindig zu machen, unnötig hoch.

Axel Wiedemann Landesgeschäftsführer der Barmer

Als Positivbeispiel nennt die Barmer die App "Heimfinder", die in Nordrhein-Westfalen eingeführt worden ist. In NRW sind die Pflegeeinrichtungen sogar per Gesetz verpflichtet, freie Plätze an die Plattform zu melden.

Für Diana Sauerzapf vom Sozialdienst des Harzklinikums hätte solch ein Tool schon einen Vorteil: Sie würde Zeit sparen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden dann auf einen Blick sehen, dass es keine freien Plätze gebe, was ihnen das Abtelefonieren von Einrichtungen erspare. "Um die Leute allerdings in eine Versorgung zu bekommen, wären vor allem erst einmal zusätzliche Kurzzeitpflegeplätze notwendig und/oder mehr ambulante Pflegedienste."

Landespolitik setzt auf App-Lösung

Mehr Pflegeplätze, mehr Kapazitäten sowie eine bessere Finanzierung der Geriatrie und darauf aufbauend ein verbindliches Meldesystem – das wäre aus Sicht des Harzklinikums also die Lösung.

Wir wollen das Problem angehen.

Anja Schneider Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Landtag

Die Politik strebt auf Anregung der Barmer eine landesweite Heimplatzfinder-App nach nordrhein-westfälischem Vorbild an. "Wir wollen das Problem angehen", sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU, Anja Schneider, im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Es werde bereits ein Antrag entworfen. Dieser sei aktuell in der Abstimmung zwischen Sozial AG, CDU-Fraktion und Koalition.

Das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung stellte sich auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT ebenfalls hinter die Idee. Eine App und ein Internetauftritt, also ein "Heimfinder von Kurzzeitpflegeplätzen" wäre "eine gute Möglichkeit, das Angebot und den Bedarf an Kurzzeitpflegeplätzen zielgenau aufeinander abstimmen zu können", teilt Sprecherin Romy Richter mit.

Eine Hand wird gehalten 32 min
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Datenmeldungen der Pflegeeinrichtungen könnten zunächst auf freiwilliger Basis erfolgen. Danach müsste laut Richter eine rechtliche Verankerung im Gesetz erfolgen. Zudem sei die Finanzierung zu prüfen. "Um diesbezügliche Gespräche zu führen, ist geplant, entsprechende Mittel für den Landeshaushaltsplan 2025/2026 anzumelden."

MDR (David Wünschel, Sabine Falk-Bartz, Daniel Salpius) | Erstmals veröffentlicht am 01.03.2024

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01. März 2024 | 19:00 Uhr

22 Kommentare

astrodon vor 6 Wochen

@Reuter: ... und das, was wir haben, wird nicht geschätzt und immer noch verheizt.
Um mehr Personal zu bekommen müssen die Bedingungen besser werden (siehe meine Ideen an @RalfG). Andererseit muss der Mentalität der Vollversorgung in der Pflege Einhalt geboten werden. Sie wissen sicher, mirt welchem bürokratischen Unfug man sich als Pflegekraft oft stundenlang rumschlagen darf ...

astrodon vor 6 Wochen

@Ralf: Vier-Tage-Woche oder extra "Erholungstage", mind. zwei freie WE / Monat garantiert, anderer Schichtrhythmus. Entbürokratisierung der Pflege hin zu einem Leben, wie es unsere Senioren auch zu Hause geführt haben.
Oder, mein Favorit, Senkung des abschlagfreien Renteneintritts um 1 Jahr pro 5 Jahre Vollzeit in der Pflege.
Ja, das kostet alles und geht mit heutiger Personal- und Nachwuchssituation überhaupt nicht - aber als Ideen finde ich es bedenkenswert. Denn Geld ist zwar wichtig, aber nicht alles.

Reuter4774 vor 6 Wochen

Es gibt keine echte Lösung dafür. Es gibt immer mehr Senioren und immer weniger junge Leute. Also ist doch logisch das es so im Ungleichgewicht nicht funktioniert. Es funktioniert keine Pflege( ambulant oder stationär) ohne Personal. Und genau das haben wir eben nicht.

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