"Hätte gerne weitergemacht" Claudia Dalbert und ihre schwierige Zeit als grüne Umweltministerin

12. August 2021, 19:34 Uhr

Claudia Dalbert befindet sich auf einer Art Abschiedstour. Bei einem Festakt des Bauernbundes wurde am Donnerstag deutlich: Dalbert hat sich während ihrer Ministerinnenzeit kaum neue Freunde gemacht, aber viel Respekt verschafft. Sie selbst ist stolz darauf. Und die Landwirte blicken auch mit Sorge auf ihre Nachfolge.

Thomas Vorreyer
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Wenn Claudia Dalbert über ihren Job spricht, dann versucht sie in diesen Tagen oft zu lächeln. "Eine Ministerin", sagt sie, "müsse Kompromisse für viele suchen." Widerstand sei da nicht immer das schlechteste Zeichen. So zumindest blickt Sachsen-Anhalts amtierende Landesministerin für Umwelt, Energie und Landwirtschaft auf die letzten Jahre zurück.

Seit klar ist, dass die CDU die Grünen in einer neuen schwarz-rot-gelben Koalition durch die FDP ersetzen will, befindet Dalbert sich quasi auf Abschiedstour. Der Termin beim Bauernbund Sachsen-Anhalt, der an diesem Donnerstag im Magdeburger Parkhotel sein 30-jähriges Bestehen feiert, ist einer ihrer letzten öffentlichen Termine als Ministerin.

Erster Protest kam bereits, bevor Grüne Dalbert Ministerin war

Claudia Dalbert und die Landwirte, das ist eine lange Geschichte voller Spannungen, die die Landespolitik in den letzten Jahren mitgeprägt haben. Dalbert kommt nicht aus der Landwirtschaft oder Agrarwissenschaft. Sie ist studierte Psychologin, lehrte lange in Halle. 2008 stieg sie zur Landesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen auf. Mit Dalbert als Spitzenkandidatin zog man drei Jahre später wieder in den Landtag ein. Nach der Landtagswahl 2016 wurde sie die einzige grüne Ministerin der Kenia-Koalition. 

Doch noch bevor ein Koalitionsvertrag geschlossen war, zogen Landwirte und Waldbesitzer auf den Domplatz vor dem Landtag. Sie wollten Dalbert als Ministerin verhindern, ein Plakat zeigte den durchgestrichenen Kopf der Politikerin. Der Landwirtschaft drohe eine "grün-ideologische Bevormundung", hieß es. Dalbert erinnert sich an diese Demonstration noch sehr lebhaft.

Ministerpräsident Reiner Haseloff sagt über Dalbert, man habe stets "sehr konstruktiv und sachlich zusammengearbeitet". Er wolle mit ihr in gutem Kontakt bleiben. Der CDU-Politiker ist gekommen, um den scheidenden Präsidenten des Bauerbundes, Kurt-Henning Klamroth, mit der Ehrennadel des Landes auszuzeichnen. Auch der Bauernbund hatte einst die Demo gegen Dalbert unterstützt. Für die Ehrung wurde Klamroth aber von Dalbert vorgeschlagen. Es hat sich einiges getan.

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Erfolge beim Arten- und Klimaschutz, Streit um Tourismusprojekte und einen Beratervertrag

Dass sich alle folgenden Bauern-Demonstration nicht mehr gegen sie persönlich gerichtet haben, wertet Dalbert als Erfolg für sich. Stolz ist sie vor allem auf "ihren" Umweltschutz. Auf die sogenannte Artensofortförderung etwa, mit deren Geldern über 400 Kleinstbiotope geschützt werden. Oder das neue Nationale Naturmonument entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Dieses grüne Band schütze nicht nur die Natur, sondern erinnere auch "an die Lebensleistung jener Menschen, die diese Grenze zu Fall gebracht haben".

In Dalberts Amtszeit fällt auch ein massiver, wenngleich in seiner Umsetzung umstrittener Zuwachs beim Ökolandbau sowie das Erreichen vorsichtig gesteckter Klimaziele. Gleichzeitig scheiterten mehrere Versuche für ein neues Agrarstrukturgesetz an der Zerstrittenheit der CDU. Und das Land hat seit Jahren mit anhaltender Dürre zu kämpfen. Vor allem die Wälder im Harz sind vielerorts in einem katastrophalen Zustand – trotz einer grünen Ministerin.

Was bleibt: der MDR SACHSEN-ANHALT Wochenrückblick

Ein Justizvollzugsbeamter steht auf einem Flur in der zukünftigen Justizvollzugsanstalt (JVA) Madel in Burg.
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Auf einer Wäscheleine hängen vor schwarzem Hintergrund 6 Stück FFP2-Einweg-Masken. Vorsitzender des Stadtrates Dessau-Rosslau, Frank Rumpf
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Koalition drohte zu brechen

Die stand immer wieder im Mittelpunkt hart geführter Diskussionen, vor allem mit der CDU, manchmal aber auch der SPD. Im Konflikt um ein Tourismusprojekt in Schierke und dadurch gefährdeten Fichtenmoorwald sprach Dalbert von einer "Harz-Mafia". Als die CDU das Grüne Band verhindern wollte, drohte sie mit dem Bruch der Koalition.

Die CDU-Fraktion selbst attackierte Dalbert mehrfach scharf. Beim Streit um die Vergabe eines Beratervertrags erstattete ein Abgeordneter sogar Strafanzeige gegen die Ministerin der eigenen Koalition. Die Anzeige blieb ohne Folgen und Verfahren.

Dalbert: "In der Politik braucht man gute Nerven und einen langen Atem"

Dalbert sagt, sie könne sich an keinen schwerwiegenden Fehler ihrer Amtszeit erinnern. Ob sie die Dauerkonflikte auch angefasst haben, lässt sie nicht durchblicken. In der Politik sei es aber wichtig, Abstand zu halten, so Dalbert. "Man braucht gute Nerven und einen langem Atem." Und wenn gar nichts mehr geht, müsse man eben auf die Rechtslage verweisen.

Eine gewisse Distanz wird auch beim Festakt des Bauernverbandes deutlich. Während Reiner Haseloff vom Rühren der Blutschüsseln an Schlachttagen erzählt, spricht Dalbert über Feldhamster und Rotmilane, wenn sie die Lebenswelt der Bauern beschreiben will. Selbst als die Ministerin über ein Herzensthema des Bauerbundes, das Argrastrukturgesetz, spricht, wird an den Tischen getuschelt. Einen Dank zum Abschied verwehrt man ihr.

Klamroth: "Dalbert hat stets Wort gehalten"

Ex-Bauernbundpräsident, Kurt-Henning Klamroth, will dennoch nichts auf die Grüne kommen lassen. Dalbert habe zwar eine andere Philosophie als viele Bauern, aber sie sei diesen nie mit Klischees begegnet. Vor allem habe sie stets Wort gehalten. "Viele Dinge hätten auch Minister mit anderen Parteibüchern nicht anders machen können", so Klamroth.

Sein designierter Nachfolger, der 35-jährige Kartoffelbauer Martin Dippe aus der Magdeburger Börde, lobt die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Dalbert. Aber auch Dippe wollte, dass die CDU nach der Landtagswahl wieder das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium übernimmt. So sollte Ruhe einkehren. Die Partei wiederum sah im schwachen Abschneiden der Grünen im ländlichen Raum ein deutliches Zeichen für die Rückholaktion.

Ministerin geht schweren Herzens, während Bauern sich um neue Ressortaufteilung sorgen

Nun aber richtet sich der Unmut der Bauern bereits gegen die neuen Koalition in spe. Denn diese will das Ministerium aufspalten und mit Wirtschaft bzw. Wissenschaft zu zwei neuen Häusern verschmelzen. Martin Dippe fürchtet, dass Umwelt und Landwirtschaft dann gegeneinander arbeiten würden. Das zeige das Beispiel der Bundesregierung. "Das braucht unser Berufsstand nicht", so der Bauer.

Claudia Dalbert pflichtet dem bei. "Die Probleme bedingen einander, die Landwirtschaft braucht die Umwelt", so Dalbert. Das gelte auch andersherum. Lösungen habe es in ihrer Amtszeit immer nur gegeben, wenn am Ende beide Seiten mit am Tisch saßen.

Dalbert selbst verlässt diesen Tisch bald. Sie sei offen für eine neue Lebensphase. Ob diese weiterhin in der Politik spielt, wisse sie noch nicht. Im neuen Landtag hat sie zumindest kein Abgeordnetenmandat. "Ich hätte gerne noch fünf Jahre als Ministerin weitergemacht", sagt sie. Der Entwurf des neuen Koalitionsvertrages sei gerade bei den erneuerbaren Energien ein Rückschritt. Claudia Dalbert will nun genau beobachten, was ihre beiden potentiellen Nachfolger tun.

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Thomas Vorreyer arbeitet seit Herbst 2020 für MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Politik, Gesellschaft und investigative Recherchen. Er ist in der Börde und in Magdeburg aufgewachsen, begann anschließend ein Politikstudium in Berlin. Zuletzt hat er als Redakteur und Reporter beim Online-Magazin VICE.com gearbeitet. In Sachsen-Anhalt ist er am liebsten an Elbe, Havel oder Bode unterwegs.

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Die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der sechs großen Parteien zur Landtagswahl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT/Thomas Vorreyer/Stefan Bernschein

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 12. August 2021 | 19:00 Uhr

10 Kommentare

bove am 14.08.2021

Billiges, infames Grünen-Bashing! Und obendrein falsch!
Oberste Katastrophenschutzbehörde des Landes Rheinland Pfalz ist das Ministerium für Inneres und für Sport. Auf dessen Web-Seite findet sich folgendes:
"Krisenmanagement / Katastrophenschutz:
Der Katastrophenschutz (KatS) ist, als Teil der staatlichen Gefahrenabwehr, nach den Artikel 30 und 70 des Grundgesetzes, Aufgabe der Länder. In Rheinland-Pfalz erfüllen die Landkreise und kreisfreien Städte ihre Aufgaben im Katastrophenschutz als Pflichtaufgaben der Selbstverwaltung. (...) Die zentralen Aufgaben des Landes werden von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion als oberer und dem Ministerium des Innern und für Sport als oberster Katastrophenschutzbehörde wahrgenommen."
Wenn Sie wirklich jemanden für die katastrophalen Geschehnisse verantwortlich machen wollen, werden Sie bei denen fündig, die seit Jahrzehnten einen Umbau hin zu einer nachhaltig agierenden Gesellschaft verhindern. Das sind dann ganz gewiss keine Grünen!

bove am 13.08.2021

Billiges, infames Grünen-Bashing! Und obendrein falsch!
Oberste Katastrophenschutzbehörde des Landes Rheinland Pfalz ist das Ministeriums für Inneres und für Sport. Auf dessen Web-Seite findet sich folgendes:

"Krisenmanagement / Katastrophenschutz

Der Katastrophenschutz (KatS) ist, als Teil der staatlichen Gefahrenabwehr, nach den Artikel 30 und 70 des Grundgesetzes, Aufgabe der Länder. In Rheinland-Pfalz erfüllen die Landkreise und kreisfreien Städte ihre Aufgaben im Katastrophenschutz als Pflichtaufgaben der Selbstverwaltung. (...) Die zentralen Aufgaben des Landes werden von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion als oberer und dem Ministerium des Innern und für Sport als oberster Katastrophenschutzbehörde wahrgenommen....."

Wenn Sie glauben, jemandem die Schuld zuschieben zu müssen, wenden Sie sich am Besten an die, die seit Jahrzehnten einen Umbau hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft verhindern und blockieren. Und das sind dann sicher nicht die Grünen.

Agnostiker am 13.08.2021

Lieber Tacitus, kleiner Nachtrag. Natürlich ist es noch wichtig zu erwähnen, dass nur in Rheinland-Pfalz der Umweltminister für den Katastrophenschutz zuständig ist. Nur um nochmal die Schul der Grünen zu untermauern.

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