Aktion Glanz statt Hetze , bei der im Gedenken an die Opfer der NS-Zeit sogenannte Stolpersteine gereinigt werden.
In Gedenken an Werner Heymann und das Ehepaar Lewin-Heymann werden in Magdeburg drei Stolpersteine verlegt. Bildrechte: imago images/Future Image

Gegen das Vergessen Neue Stolpersteine für Magdeburg

10. Dezember 2023, 14:30 Uhr

In Magdeburg werden am Sonntag drei weitere Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Werner Heymann und das Ehepaar Lewin-Heymann. Angehörige der Familie sind extra aus Großbritannien angereist.

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In Magdeburg werden am Sonntag drei weitere Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Juden, die von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet worden. Am Nachmittag werden die Steine in der Anhaltstraße 9 in den Boden eingelassen, vor dem ehemaligen Wohnort von Werner Heymann und dem Ehepaar Lewin-Heymann. Drei Enkelkinder von Heymann sind extra aus England nach Magdeburg gekommen, um an der Zeremonie teilzunehmen.

Steine der Erinnerung

Die sogenannten Stolpersteine sind kleine quadratische Pflastersteine mit einer Messingplatte. Darauf ist der Schriftzug "HIER WOHNTE" mit Namen und Geburtsjahr von Naziopfern eingraviert sowie Ort und Zeit von Deportation und Tod.

Wer waren die drei Personen?

Werner Heymann

Werner Heymann wird am 18. April 1908 in Magdeburg geboren und lebt dort bis zur seiner Flucht vor dem NS-Regime. Heymann hat zwei jüngere Brüder, Gerhard und Lothar. Letzterer wird nur einen Monat alt. Mit Gerhard wächst er zusammen am Knochenhauerufer 38 auf. In der Nähe betreiben die Eltern Max und Henriette Heymann ein Geschäft für Herren- und Knabengarderobe. Der Vater stirbt 1926.

Werner Heymann wird Kaufmann und arbeitet ab 1931 im jüdischen Warenhaus "Gebrüder Barasch" in der Seidenabteilung. 1933 zieht er zusammen mit seiner Mutter in die Anhaltstraße 9. Zwei Jahre später flieht Heymann aus Magdeburg aus Angst von der Gestapo nach Großbritannien. Kurz danach werden Kollegen von ihm verhaftet.

Heymann überlebt den Holocaust und findet in Manchester eine neue Heimat. 1937 heiratet er Gertrude Massel. Er stirbt im Alter von 64 Jahren. Nachfahren seines Sohnes Michael Heyman (1943-2009) leben noch heute in Manchester.

Henriette "Etty" Lewin

Henriette "Etty" Lewin, geborene Heilbronn, stammt aus einer niedersächsisch-englischen, jüdischen Kaufmannsfamilie. Sie wird am 31. August 1884 in Liverpool geboren und zieht 1908 mit ihrem damaligen Ehemann Max Heymann nach Magdeburg. Mit ihm bekommt sie die Söhne Werner, Gerhard und Lothar.

Nach dem Tod ihres Mannes 1926 bleibt Etty Lewin vorerst in Magdeburg und führt in der Anhaltstraße das Herren- und Knabengarderoben-Geschäft weiter. Sie heiratet noch zwei Mal, zuletzt 1936 den jüdischen Kaufmann Benjamin "Benno" Lewin.

Dieser wird nach den Pogromen im November 1938 verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert. Etty Lewin flieht im April 1939 nach England zu ihren Söhnen. Der Versuch, ihren Mann nachzuholen, scheitert. 1942 erhält sie eine letzte Nachricht vom ihm. Sechs Jahre später verstirbt Etty Lewin.

Benjamin "Benno" Lewin

Benjamin "Benno" Lewin wird am 6. März 1881 in Silale geboren, im heutigen Litauen. Wann seine Familie nach Deutschland kommt und wo er vor 1936 gelebt hat, ist nicht bekannt. 1936 heiratet Lewin Henriette Warschauer (verwitwete Heymann) und wohnt mit ihr in Magdeburg.

Am 10. November 1938 wird Lewin verhaftet und in das Magdeburger Polizeigefängnis gebracht. Von dort verschleppen ihn die Nationalsozialisten ins KZ Buchenwald. Mit einem Transport am 13. Juli 1942 wird er "in den Osten" deportiert. Vermutlich ging dieser Transport ins Konzentrationslager Auschwitz.

Die Informationen stammen aus dem Stadtarchiv und Standesamtsarchiv Magdeburg und dem Archiv der Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg und wurden auf der Internetseite der Stadt zusammengefasst bereitgestellt.

Die Idee zu den Stolpersteinen hatte der Kölner Künstler Gunter Demnig. Seit 1997 hat er in ganz Europa Tausende davon verlegt. In Magdeburg sind es inzwischen mehr als 700. Das Verlegen übernimmt die Arbeitsgruppe "Stolpersteine für Magdeburg". Sie finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

Mehr zu jüdischem Leben in Sachsen-Anhalt

MDR (Cynthia Seidel, Ingvar Jensen)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Dezember 2023 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

hilflos vor 10 Wochen

Das Verlegen von Stolpersteinen finde ich eine außerordentlich wichtige und gute Idee, um Gedenken hautnah zu erleben. Mir geht es so, dass man irgendwie den Geist der ehemaligen Hausbewohner spürt. Meist existieren keine Bilder und oft nicht einmal deren Lebensgeschichte. So ist mir aber das Schicksal des Kaufhausinhabers Goldstein aus Merseburg in Erinnerung

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