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Podcast "Digital leben" Wie Technologien Tod und Sterben enttabuisieren

06. Mai 2023, 08:54 Uhr

Chatbots, die im Stil von Karl Marx oder Aristoteles schreiben, überraschen kaum jemanden mehr. Wenig überraschend auch, dass die Stimmen von lebenden oder toten Prominenten Dinge erzählen, die die Promis selbst nie gesagt haben. Digitale Technologien machen heute vieles möglich; auch dass wir mit den Stimmen von Toten sprechen können. Ist das eine neue Art, sich an geliebte Menschen zu erinnern? Ein gruseliger Gedanke? Oder enttabuisieren solche Technologien Tod und Sterben?

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Klar, einfrieren lassen würde sie sich. Und dann gern in 300 Jahren wieder aufwachen. "Und gucken, wie sieht es aus. Ich bin so wahnsinnig neugierig", sagt Stefanie Oeft-Geffarth. Sie ist die Chefin von Convela aus Halle, einem Unternehmen, das unter anderem Gedenkseiten oder einen Marktplatz für Bestatter betreibt und sich ganz dem Abschiednehmen widmet.

Oeft-Geffarth ist zu Gast in der Mai-Folge des MDR SACHSEN-ANHALT Podcasts "Digital leben". Zusammen mit der 21-jährigen Sterbebegleiterin Ria Timm spricht sie über Technologien und ihre Möglichkeiten. Und eben auch darüber, ob sie sich einfrieren lassen würde. Menschen, die sich damit auseinandersetzen, bezeichnet man als Kryonik. Dass das Einfrieren irgendwann funktioniert, ist eher unwahrscheinlich. "Man muss ja auch den genauen Zeitpunkt finden. Um sich einfrieren zulassen. Man darf ja nicht tot sein," sagt Oeft-Geffarth.

Mit Toten sprechen

Realer – und auch bereits gezeigt – sind digitale Möglichkeiten, um sich an einen Verstorbenen zu erinnern. Schon längst kennen wir Foto-, Ton- oder auch Filmaufnahmen von bereits Verstorbenen. Heutzutage ist es möglich, anhand von Texten oder Stimmen und Methoden der künstlichen Intelligenz noch einen weiteren Schritt zu gehen: Tote schreiben und sprechen lassen. Und zwar in der Art und Weise wie sie tatsächlich geschrieben oder gesprochen haben: mit ihrer eigenen digitalen Stimme, ihrer eigenen Persönlichkeit.

Vom iPhone-Erfinder Steve Jobs existieren Sprachaufnahmen, die Experten so genutzt haben, dass Jobs über völlig neue Dinge spricht. Text-Generatoren können Texte im Stil von Albert Einstein oder Martin Luther King verfassen. Warum also nicht auch aus E-Mails, Text und Sprachnachrichten eines jeden Menschen eine Stimme "destillieren", die quasi unsterblich ist.

Oeft-Geffarth sagt: "Für mich ist das schon seit 20 Jahren eine Vorstellung, dass das kommt. Und deswegen denke ich schon lange darüber nach, wie man seine Persönlichkeit speichern würde." Überhaupt nicht gruselig finde sie es, wenn zum Beispiel eine Sprachassistentin mit der Stimme von Verstorbenen sprechen würde.

"Als meine Oma gestorben ist, hat mein dementer Opa mit ihrer Tasche gesprochen." Menschen würden zu Personifizierung neigen. Es sei möglich, dass die Stimme ihrer Oma, die auf den Kalender zugreifen kann, ihren Opa zum Beispiel an einen Zahnarzttermin erinnern könne. "Ich freue mich wahnsinnig, dass das jetzt alles möglich ist. Jetzt geht's los."

Die Toten Geschichten erzählen lassen

Ihren andern Opa will die Unternehmerin auch sprechen lassen: auf seiner eigenen Beerdigung. "Das ist mein Plan: Mein Opa ist ein großer Geschichtenerzähler und wir sammeln Material, so dass er auf seiner eigenen Beerdigung spricht und seine eigenen Geschichte erzählt."

Sterbebegleiterin Ria Timm sagt, auf ihrer eigenen Beerdigung zu sprechen, fände sie irgendwie sexy. Sie habe schließlich ihre Beerdigung bereits geplant: "Was die Leute anziehen dürfen – nicht schwarz – und was es für ein tolles Menü gibt."

Alles keine abwegigen Gedanken: Der US-Journalist James Vlahos hat bereits vor Jahren die Stimme seines eigenen Vaters so auch nach seinem Tod weitersprechen lassen. Mittlerweile hat Vlahos eine Firma gegründet: HereAfterAI. Und Vlahos’ Vater erzählt nicht nur das, was sein Sohn aufgenommen hat, sondern seine Stimme kann auch Neues erzählen oder auf Fragen antworten – alles im Stil des Verstorbenen. Ist das eine neue Art der Trauerbewältigung? Oder des Erinnerns?

Sprechen über Technik – und über Tabus

Unternehmerin Oeft-Geffarth möchte, dass ganz offen über ihre Produkte gesprochen wird, dass man sich nicht überwinden müsse, über Beerdigung und Tod zu sprechen. Natürlich sei das kein schönes Thema, sagt sie. Aber: "Als mein Kind geboren wurde, war ein erster trauriger Gedanke: Jeder Atemzug ist einer weniger. Wir werden mit unserer Endlichkeit geboren. Und diese Endlichkeit zu verdrängen, hilft uns überhaupt, dieses komische Leben zu leben."

Oeft-Geffarth sagt aber, wir bräuchten weniger Verdrängung, dafür mehr professionelle Lösungen. "Die machen es uns nämlich einfacher, uns mit den Dingen auseinanderzusetzen." Dabei sollten professionelle Menschen unterstützen. "Und das sind ganz bestimmt keine Bestatter."

Das Thema würde so weicher werden, glaubt sie – mit Lösungen ohne Hürden und ohne Angst davor zu haben, in eine teure Falle zu tappen. "Der Tod kann weiter ein Tabu sein. Ich habe auch Probleme mit dem Tod. Das gefällt mir gar nicht und macht mich unendlich traurig", sagt Oeft-Geffarth.

Sterbebegleiterin Ria Timm sieht durch einfach zugängliche Lösungen tatsächlich eine Enttabuisierung des Todes. "Es ist gut, dass Menschen gut beraten werden. Und um diese Lösungen zu nutzen, braucht es eine Enttabuisierung", sagt Timm. Gerade erlebe sie eher eine sehr ablehnende Haltung beim Thema Tod.

Oeft-Geffarth glaubt, dass mit Produkten und Technologien, so wie sie sie unter anderem anbietet, die Kultur rund um Tod und Sterben verändern kann: "Wir verschieben das Thema und diskutieren es anders." Ihre Firma biete sie zum Beispiel eine Trauernadel zum Anstecken am Revers oder einen Ring mit der Silhouette des Verstorbenen an. Mittlerweile würden Kunden die Nadeln oder die Ringe auch für andere Anlässe kaufen, an die sie sich erinnern wollen: für Hochzeiten zum Beispiel.

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MDR (Marcel Roth)

4 Kommentare

Shantuma am 07.05.2023

Wie bitte?
Der Tod, sollte als das betrachtet werden was er ist. Das Ende einer Reise.
Was hilft es, wenn man selber nicht mehr ist und die Nachkommen einen digital befragen können.
Einfluss hat man dann nicht mehr.

Es ist eine Spielerei, welche den Menschen eine wichtige Lektion nimmt. Das Loslassen, die Trauer, ja beides sind immens wichtige Dinge, denn ohne jene Erfahrung geht einem mehr verloren als KI auf irgendeine Weise kompensieren kann.

Leider gibt es immer mehr Anzeichen wie degeneriert unsere Gesellschaft wird. Die Achtung vor Menschen geht verloren, da man sie ja über KI, ewig weiter "leben" lassen kann.
Somit vergeht auch der Sinn vom eigentlichen Leben und vom EIGENEM Leben, denn die Gesellschaft kann einfach entscheiden, dass man "weiter lebt". Traurig!

Reuter4774 am 06.05.2023

Erinnerungen an Verstorbene sind wichtig, schön und immer individuell. Allerdings weiter eine künstlich nachgebildete Stimme behalten ist eben kein gesundes Loslassen sondern Verdrängung. Aller Schmerz und alle Trauer gehören zum Tod. Trauerbewältigung und Akzeptanz funktionieren nur, wenn ich nicht für immer an allem festhalte ( Stimme, Gespräche mit Toten...).

weils so nicht unwidersprochen bleiben darf am 06.05.2023

Dass man - in gewissen Weise - daran denken, planen, vorbereiten kann, noch nach dem eigenen Tod präsent zu sein, ist vermutlich für viele tröstlich. Aber auch ein Testament war schon nichts anderes, und eine Messe gelesen haben zu wollen ist vermutlich einer "Enttabuisierung" des Todes weitaus näher, als die Idee, sich am eigenen Grab als "Lebender" zu präsentieren.

Also: Gute Sache - ja.
Beitrag zur Enttabuisierung - Nein!
Im Gegenteil; auf keine Art wird ein ernsthaftes "sich-der-eigenen-Endlichkeit-Stellen" mehr hintertrieben als durch ein illusionäres "zumindest-für-die-andern-Weiterleben". So trickreich das auch immer daherkommen mag.

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