Landgericht Stendal
Am Landgericht Stendal findet der Mordprozess um die getötete Kezhia statt. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Mordprozess Gerichtsmediziner: Stiche ins Herz brachten 19-jährige Kezhia zu Tode

von Bernd-Volker Brahms, MDR SACHSEN-ANHALT

02. Dezember 2023, 14:58 Uhr

Im Prozess um die getötete Kezhia stand der 43-jährige Angeklagte Tino B. nach zahlreichen Zeugenaussagen eher als notorischer Lügner da. Nun stützt ein Gerichtsmediziner mit seinen Aussagen vor dem Landgericht Stendal zumindest den Ablauf des Tötungsgeschehens so, wie ihn der Mordangeklagte bereits vor einigen Wochen vor Gericht dargelegt hatte. Er will die Frau im Affekt getötet haben.

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Freitagmittag im Gerichtssaal 218 des Landgerichts Stendal: Voller Nüchternheit beschreibt der Gerichtsmediziner Dr. Thomas Rothämel von der Medizinischen Hochschule in Hannover den Zustand der Leiche der 19-jährigen Kezhia aus Klötze. Das muss im krassen Gegensatz zu der wilden Tat gestanden haben, mit der die junge Frau am 4. März zu Tode gebracht worden ist. 32 Schnittwunden, von denen sechs ins Herz gingen, ließen die Frau am Ende "von innen und außen verbluten", wie es der 62-jährige Gerichtsmediziner sagte. Der Experte spricht von einem "traumatischen Herzinfarkt".

Er gehe mit seiner 35-jährigen Berufserfahrung davon aus, dass die Stiche in sehr schneller Abfolge gesetzt worden seien, sagt der Experte. Anhand der Schnittverletzungen, die bis zu 13,2 Zentimeter tief in den Oberkörper eingedrungen sind, gehe er von einem "kleineren Schnittwerkzeug aus", bei dem der Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht umgegriffen habe.

Nachdem Richter Ulrich Galler dem Experten eine Zeichnung eines Obstmessers gezeigt hatte, die der Angeklagte als Tatwaffe gezeichnet hatte, bestätigte Thomas Rothämel, dass mit einem solchen Messer die Wunden zugefügt sein könnten.

Ein wegen Mordes angeklagter Mann (2.v.l) wird zu Prozessbeginn in den Gerichtssaal gebracht.
Der Angeklagte hat vor Gericht ein Geständnis abgelegt. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Leiche am Rande einer Kiesgrube gefunden

Die Leiche von Kezhia H. aus Klötze war am 16. April am Rande einer Kiesgrube im niedersächsischen Bahrdorf (Landkreis Helmstedt) entdeckt worden. Fünf Tage später hat Rechtsmediziner Rothämel von der Medizinischen Hochschule Hannover die Leiche mit zwei Kollegen sowie in Anwesenheit von drei Polizisten aus Stendal und Salzwedel obduziert.

Insgesamt fünfeinhalb Stunden hatte er sich den Leichnam angesehen und auch teilweise seziert, der fünf Wochen lang vergraben gelegen hatte. Neben den Stichwunden sei ein Benzingeruch auffällig gewesen und dass Teile der linken Körperhälfte Brandspuren aufwiesen.

Opfer mit Benzin übergossen

Der Angeklagte hatte in seinem fünfeinhalb Seiten langen Geständnis dargelegt, dass er die Getötete mit Benzin übergossen und angesteckt habe. Der Anblick habe ihn geschockt und er habe das Feuer schnell wieder gelöscht. Auf Nachfrage des Richters sagte der Experte, dass er nach lesen des Geständnisses keine Hinweise gefunden habe, die mit dem Zustand der Leiche nicht vereinbar gewesen wären. Das gilt auch für den Tathergang.

Laut Tino B. habe die junge Frau auf dem Beifahrersitz seines VW-Crafter gesessen. Er sei über die Beifahrertür gekommen. Kezhia habe ihn an der Latzhose zu sich herangezogen und habe "ein Kind" von ihm haben wollen. Als sie mit einem Messer hantierte habe er Rot gesehen. Das habe ein Trauma ausgelöst, heißt es im Geständnis. Er sei wie im Tunnel gewesen, habe "irgendwie zugestochen".

Befund bringt Staatsanwaltschaft in Schwierigkeiten   

Für Thomas Rothämel, der den Obduktionsbericht zwei Stunden lang detailliert im Gerichtssaal vorträgt, sind alle Stichverletzungen von 1 bis 32 durchnummeriert. Der Gerichtsmediziner richtet sich in seinem Stuhl aufrecht auf und zeigt mit dem Finger, wo sich die einzelnen Stichverletzungen am Körper der Toten befunden haben. Um die Stichrichtung zu demonstrieren, nimmt er ab und zu einen Kugelschreiber zur Hilfe. Er spricht vom spitzen, vom stumpfen und vom steilen Winkel.

Später geht er alle Organe durch und kann "keine eindeutigen Abwehrverletzungen" bestätigen. Außerdem gebe es keinen Hinweis auf "eine eingenistete Schwangerschaft". Auch Spermaspuren waren nicht zu finden, außer auf einer Decke, mit der die Leiche eingewickelt worden war. Dieser Befund bringt die Staatsanwaltschaft in Schwierigkeiten, da sie bei ihrer Anklage eindeutig geäußert hatte, dass es "vor oder während der Tat zu einem einvernehmlichen Geschlechtsverkehr" gekommen sei.

Prozess wird am 14. Dezember fortgesetzt

Während des haarkleinen Sezierberichtes im Gerichtssaal sitzt der Angeklagte Tino B. die meiste Zeit wie versteinert auf seinem Platz, den Kopf vergraben hinter seinen Händen, eingerahmt von seinen beiden Verteidigerinnen. Gelegentlich vernimmt man ein leises Schluchzen. Er greift einige Male zu seinem Taschentuch. Als sich die Verfahrensbeteiligten bei Richter Galler vorne im Gerichtssaal noch einmal Fotos von verschiedenen Stichverletzungen ansehen, bleibt Tino B. auf seinem Platz einsam sitzen. In einiger Entfernung wachen von jeder Seite Justizbeamte, die für die Sicherheit im Gerichtssaal zuständig sind.

Nach einem fast sechsstündigen Gerichtstag werden ihm um kurz nach 14 Uhr die Handschellen angelegt, es geht zurück in die JVA Burg. Am 14. Dezember wird der Prozess fortgesetzt. Dass Gericht hat noch 15 weitere Verhandlungstage bis zum Februar angesetzt.

MDR (Bernd-Volker Brahms, Oliver Leiste)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01. Dezember 2023 | 16:30 Uhr

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