In einer weitläufigen Fabrikhalle stehen zahlreiche aufgereihte historische Textilmaschinen. 4 min
Die Tuchfabrik Crimmitschau lockt mit einer neu zugänglichen Dauerausstellung. Bildrechte: Carolin Büscher
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Bisher war die Tuchfabrik in Crimmitschau nur durch Führungen zu besichtigen. Nach jahrelanger Vorbereitung zeigt eine Ausstellung neben historischen Spinn- und Webmaschinen eine Zeitreise durch die Mode der DDR.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 18.05.2024 10:15Uhr 03:40 min

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Textil- und Stadtgeschichte Neue Dauerausstellung in der Tuchfabrik Crimmitschau zeigt Mode der DDR

19. Mai 2024, 03:00 Uhr

Am Sonntag eröffnet zum Museumstag die neue Ausstellung in der Crimmitschauer Tuchfabrik. Erstmals ist die Fabrik nun auch ohne Führung zu besichtigen. Herzstück der Ausstellung ist neben den historischen Spinn- und Webmaschinen eine Zeitreise durch die Mode der DDR seit den 50er-Jahren. Es wird deutlich, wie eng die Textilproduktion und die Geschichte der Stadt miteinander verwoben sind.

  • In der Crimmitschauer Tuchfabrik ist nun eine neue Ausstellung dauerhaft zugänglich.
  • Eine Zeitreise durch die Mode der DDR seit den 50er-Jahren ist neben den historischen Spinn- und Webmaschinen das neue Herzstück der Schau.
  • Das Museum berücksichtigt auch die enge Verbindung von der Textilproduktion mit der Stadtgeschichte.

Bisher war die Tuchfabrik nur bei Führungen zu besichtigen. Nach jahrelanger Vorbereitung und Quellenarbeit gibt es nun die Möglichkeit zu einem Museumsrundgang, der die Geschichte des Hauses und der Textilproduktion in einen größeren Kontext bettet. Seit 200 Jahren gilt Crimmitschau als "Tuchstadt". 1885 wurde hier die wichtige Tuchfabrik der Gebrüder Pfau gegründet, bis 1990 war sie in Betrieb.

Crimmitschau war eine sogenannte "Volltuchfabrik", wie es sie nicht häufig gab. "Hier ist wirklich alles gemacht worden", erklärt Museumsleiter Philip Kardel. "Von der Anlieferung der Fasern übers Spinnen und Weben bis zur Ausrüstung der fertigen textilen Fläche. Mit dem Weben war ja sozusagen noch nicht das Ende erreicht, sondern man musste es noch Färben, Waschen, Rauen, Scheren – und was man alles machen kann mit einem fertigen Stück Tuch."

Hier ist wirklich alles gemacht worden. Von der Anlieferung der Fasern über's Spinnen und Weben bis zur Ausrüstung der fertigen textilen Fläche.

Philip Kardel, Museumsleiter

Ein Mann mit kurzen, grauen Haaren, blauem T-Shirt und Jeans steht vor einer historischen Textilmaschine aus Holz.
Philip Kardel leitet das Museum in der alten Tuchfabrik in Crimmitschau. Bildrechte: Carolin Büscher

Tuchfabrik zeigt Textilgeschichte in der DDR

Es beginnt mit Hanf, Kokos und Polyester – der ganzen Bandbreite der textilen Rohstoffe. In der neuen Dauerausstellung der Tuchfabrik Crimmitschau kann man die Fasern zunächst fühlen – und dann erfahren, wie sie verarbeitet wurden. Und wie es den Menschen ging, die hier jahrelang an den Maschinen standen.

Kreisförmig sind schmale, hohe Infotafeln zu den Stoffen Polyester, Polyamid, Viskose, Kokos, Hanf und vielen anderen angebracht.
Der Ursprung der Textilien ist auch der Beginn der Ausstellung in der Tuchfabrik Crimmitschau. Bildrechte: Carolin Büscher

Die großen Spinn- und Webmaschinen wurden um zahlreiche Exponate ergänzt. Etwa durch das neue Herzstück der Ausstellung: Eine Zeitreise durch die Mode der DDR seit den 50er-Jahren.

In Crimmitschau wurden beispielsweise die ersten Versuche gestartet, eine ostdeutsche Jeans-Produktion aufzuziehen. Aber auch Raritäten aus Privatbesitz sind hier zu entdecken: Etwa ein aus Markisenstoff genähter Mantel, oder Pullover, die nach dem Vorbild der Fernsehmoderatorinnen Carmen Nebel und Birgit Schrowange gestrickt wurden.

Auf zwei blauen Kleiderständern hängen ein schwarzes und ein weißes Kleid in einer blauen Ausstellungsvitrine.
In den 1960er-Jahren zählt die Heinz Bormann KG in Schönebeck bei Magdeburg zu den wenigen "Stardesignern" der DDR. Auch das Erfurter Unternehmen Hilde Knoch KG produziert aufwändige Damenmode. Bildrechte: Carlo Böttger

Ein echter Glücksfall für die Tuchfabrik und nun auch die Besucherinnen: Der letzte Produktionstag 1990 wurde gefilmt. So lassen sich nun alle Produktionsschritte des Standortes heute noch historisch genau nachvollziehen.

Eine Stadt der Textilien

Die Ausstellung zeigt mit dem Textilarbeiterinnenstreik von Crimmitschau auch einen weiteren wichtigen Aspekt der Geschichte des Hauses. 1904 streikten die Arbeiterinnen für bessere Arbeitsbedingungen. Die Ausstellung bebildert das Ereignis zugänglich mit einer Graphic Novel.

eine alte Maschine aus dunklem Holz ist zu sehen, an der Wand dahinter hängen mehrere in Blautönen gehaltene Bilder im Comicstil.
Wandgestaltung der bekannten Berliner Comiczeichnerin Kitty Kahane in Form einer Graphic Novel mit Motiven des Textilarbeiterinnenstreiks Bildrechte: Carlo Böttger

Letztendlich ist Textilgeschichte auch immer gleich Stadtgeschichte.

Philip Kardel, Museumsleiter

Es wird deutlich: Die Stadtgeschichte ist in Crimmitschau eng mit der Geschichte der Textilindustrie verwoben. Dieser Zusammenhang ist dem Museum besonders bewusst – und wichtig, sagt Philip Kardel. "Wir präsentieren nicht nur die textile Geschichte der Stadt und der Region, sondern dezidiert auch die Stadtgeschichte. Es gibt kein stadtgeschichtliches Museum in Crimmitschau und letztendlich ist Textilgeschichte auch immer gleich Stadtgeschichte hier."

in einer gelben Ausstellungsvitrine sind verschiedene Exponate zu sehen, die durch Fäden miteinander verbunden sind.
Crimmitschau gehört um 1900 zum hochindustrialisierten Kern Mitteldeutschlands. Dieser erstreckt sich vom westlichen Sachsen bis ins heutige Thüringen, reicht im Norden bis nach Leipzig, im Süden bis nach Oberfranken. Zentrum aber ist die Textilmetropole Chemnitz, das "sächsische Manchester". Bildrechte: Carlo Böttger

Langer Weg bis zum fertigen Museum

Der Rundgang der Tuchfabrik schafft es, den Bogen über Arbeitsbedingungen und DDR-Geschichte bis in die verbliebene Textilproduktion in der Region heute zu spannen. Genug Material und Geschichtswert gab es die ganze Zeit. Bereits vor zehn Jahren standen die Pläne, eine Dauerausstellung einzurichten. Und doch hat es sich gezogen.

Neben Pandemie- und Finanzierungsumständen sieht der Oberbürgermeister von Crimmitschau, André Raphael, auch in der Biographie der Einwohnerinnen und Einwohner einen Grund – denn die Tuchfabrik ist auch schmerzhafte Erinnerung. "Viele Menschen in Crimmitschau haben ihre eigene Lebenssituation mit dem Niedergang der Textilindustrie in Crimmitschau erlebt."

Fäden laufen in einer Holzkonstruktion zusammen.
Dieser in der Ausstellung befindliche Webstuhl ist das älteste Stück aus dem Besitz der Unternehmerfamilie Pfau. Bildrechte: Carlo Böttger

Ein Meilenstein für die Tuchfabrik dann 2020: Sie nimmt an der BOOM-Landesausstellung in Zwickau teil, anlässlich 500 Jahren Industriekultur in Sachsen. Die Ausstellung gab so etwas wie die Initialzündung – neben reichlich Zuspruch kam es in dem Zuge auch erst dazu, dass weitere Fabrikräume zugänglich gemacht wurden.

Gut Ding wollte also Weile haben in Crimmitschau – nun erstrahlt in dem beeindruckenden Fabrikgebäude mit den hohen Fenstern ein gut kuratierter Rundgang. Crimmitschau ist nicht nur um ein Kultur-Angebot reicher: Hier geht es vor allem auch um die Stadtgeschichte. Und um die der vielen Bürgerinnen und Bürger, die mit der Volltuchfabrik im wahrsten Sinne des Wortes – verwoben sind.

Ein mächtiges, helles Gebäude mit großen Fenstern steht auf einer Wiese. Ein hoher Baum verdeckt einen Teil des Hauses.
Die Tuchfabrik in Crimmitschau lädt schon von außen mit ihrem historischen Fabrikgebäude ein. Bildrechte: Carolin Büscher

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2024 | 10:15 Uhr

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