Lina-E.-Prozess in Dresden Linksextremisten sollen auf Gelände von Chemie Leipzig Straßenkampf trainiert haben

Die Befragung des "Kronzeugen" im Lina E.-Verfahren ist beendet. Nun wird über seine Aussagen gestritten. Derzeit im Fokus: mutmaßliche "Antifa"-Trainings - auch auf dem Gelände von Chemie Leipzig. Die Verteidigung zweifelt an seiner Glaubwürdigkeit.

Eckfahne im Alfred-Kunze-Sportpark
Laut Kronzeuge Johannes D. soll es im August 2019 ein sogenanntes Großgruppentraining in einer Halle neben dem Alfred-Kunze-Sportpark gegeben haben. Bildrechte: imago images/Picture Point

Kronzeuge Johannes D. behauptete vor Gericht, dass im August 2019 ein sogenanntes Großgruppentraining in einer Halle neben dem Alfred-Kunze-Sportpark in Leipzig stattgefunden haben soll - während im Stadion die Regionalligapartie zwischen Chemie Leipzig und Babelsberg 03 lief. Mehr als 50 Personen aus verschiedenen Städten wie Berlin, Magdeburg, Rostock und Bremen sollen dafür extra nach Leipzig gereist sein. Ihr Ziel: Den Straßenkampf mit dem politischen Gegner zu trainieren. So berichtete es der 30-Jährige. Die Teilnehmer in der Kunstrasenhalle haben demnach geübt, wie sie sich effektiv in größeren Gruppen bewegen und ihre Gegner angreifen können, beispielsweise am Rande von Demonstrationen, erklärte er im Zeugenstand.

"Trainings" sollen laut D. außerdem in kleineren Gruppen stattgefunden haben. Unter anderem berichtete er darüber, wie er zusammen mit der Angeklagten Lina E. daran teilgenommen habe. Diese Einheiten sollen vor allem auf dem Gelände des "Black Triangle" sowie in einem alternativen Zentrum auf der Leipziger Gießerstraße stattgefunden haben. Dabei seien gezielte Angriffe auf Rechtsextreme geübt worden – Aussagen, die bislang nicht eindeutig verifiziert sind.

Konkrete Details genannt

Kronzeuge D. war in seinen Aussagen zu den "Trainings" vor Gericht sehr konkret. Zu dem Training in großer Gruppe erinnerte er beispielsweise, wie Teilnehmer während einer Pause in den Funktionsgebäuden des Chemie-Leipzig-Stadions auf Toilette gingen. Damit hätten sie die Aufmerksamkeit einiger Polizeibeamter erregt, die "das merkwürdig" fanden, dass auf einmal eine größere Zahl unbekannter Personen im Sicherheitsbereich des Stadions auftauchte: "Dann haben die szenekundigen Beamten (zivile Beamte, die sich mit der Fußballszene auseinandersetzen – Anm. der Redaktion) verdutzt geschaut, und sich gefragt, was das für Leute sind."

Eine Kontaktperson im Verein habe daraufhin auf die szenekundigen Beamten eingewirkt und ihnen gesagt, dass es sich dabei um Teilnehmer eines Hallenfußballturniers handele, denn die Halle sei zu Spieltagen eigentlich gesperrt, erklärte D. in seiner Befragung weiter.

Verschiedene Aussagen zu Training auf Fußball-Gelände

Mittlerweile wurden vier Zeugen zu diesem vermeintlichen Vorfall gehört. Darunter waren zwei Vereinsmitarbeiter. Ebenso vernommen wurden der Leiter des Stadionsicherheitsdienstes vom Spieltag sowie ein ehemaliger Beamter der Leipziger Polizei. Dieser war jahrelang in die Organisation und Absicherung der Spieltage des Vereins involviert. Weder konnte sich eine der Personen an eine auffällige Gruppe erinnern noch an andere sicherheitsrelevante Ereignisse im entsprechenden Bereich.

Daraufhin legte die Verteidigung nahe, dass die Halle am besagten Spieltag möglicherweise ohnehin von sogenannten Einlaufkindern zum Umkleiden belegt gewesen sei. Das sind Kinder, die zu Spielbeginn mit den Mannschaften aufs Feld laufen. Auch deshalb lud das Gericht jenen ehrenamtlichen Vereinsmitarbeiter vor, der sich um die Organisation dieser Kinder kümmerte. 

Vor Gericht erinnerte er sich: "Wir waren an dem Tag gar nicht in der Halle", sondern die Kinder hätten sich an einem anderen Ort umgekleidet. Das konnte er einem Whatsapp-Chat entnehmen, der vor Gericht vorgelesen wurde: "Die Halle ist morgen zum Spieltag leider zweckentfremdet", stand dort. Für den Senat reichte das offenbar als Bestätigung dafür aus, dass es das Training gegeben haben muss. "Nach der Aussage des Zeugen, liegt doch auf der Hand, dass […] wirklich jemand in der Halle war", sagte der Vorsitzende Richter Hanns Schlüter-Staats.

Polizei hält Training für realistisch

Auch wenn sich der zum Sachverhalt befragte Polizeibeamte an nichts mehr erinnern konnte, hat der MDR aus Polizeikreisen erfahren, dass zuständige Stellen das Szenario eines Trainings in der Halle für absolut realistisch halten, allein aufgrund einer "Schlüssel-Problematik“. Demnach hat eine unüberschaubare Anzahl an Personen einen Schlüssel für die entsprechende Halle. "Um die 50 Personen" sollen dies laut dem Assistenten der Geschäftsführung sein. Auch er wurde vor Gericht vernommen. 

Die Verteidigung gab sich allerdings nicht mit der Schlussfolgerung des Senats zufrieden. "Ich habe hier bisher keinen gehört, der gesagt hat, dass da Personen (im entsprechenden Sicherheitsbereich des Stadions - Anm. der Redaktion) drin waren", konterte Lina E.-Verteidiger Erkan Zünbül auf die Aussage des Vorsitzenden.

Tatsächlich erklärte der für die Kinder zuständige Ehrenamtler auf Zünbüls Frage, was passiert wäre, "wenn dort 20 Leute, die keiner kennt" in den Bereich gekommen wären: "Die wären gar nicht bis dorthin gekommen." Ebenso sei die Halle recht hellhörig, bestätigte er auf Nachfrage. Aus Sicht der Verteidigung ist dies ein wichtiger Punkt, weil er dagegen spricht, dass eine größere Gruppe, die in der Indoor-Halle trainiert, über längere Zeit unbemerkt geblieben sein kann.

Analog dazu erklärte der Einsatzleiter des Sicherheitsdienstes, dass er sich zwar nicht mehr an die konkrete Partie erinnern könne, die Absicherung des Bereiches im Regelfall aber immer gleich sei und mehrere Stufen vorsehe. So seien allein in direkter Nähe zur Halle mindestens vier Sicherheitsleute positioniert. Diese wiederum kontrollieren die Personen an den Zugängen jeweils auf ihre Zutrittsberechtigung. Auch er erklärte auf Nachfrage des Verteidigers, dass in den Einsatzberichten auf jeden Fall notiert worden wäre, wenn eine größere Gruppe ohne Zutrittsberechtigung oder vorherige Ankündigung durch den Verein in dem Bereich aufgetaucht wäre.

Die Beantwortung der Frage, ob ein solches "Großgruppentraining" tatsächlich stattgefunden hat, ist daher gleich aus mehreren Punkten interessant. Einerseits sind die detaillierten Schilderungen D.s einer der wenigen Punkte, an dem sich seine Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen lassen. Andererseits impliziert eine positive Beantwortung die Mitwisserschaft von Leuten mit Verantwortung im Verein. Für das Gericht hat sie außerdem eine tragende Relevanz, weil die Tatsache, sollte sie stimmen, dem Senat einen nicht zu vernachlässigenden Baustein für die Verurteilung einer kriminellen Vereinigung liefern würde.

Verfassungsschutz: Linke Gewalt ist brutaler geworden

Und vor allem hat sie eine politische Dimension – weil derartiges Vorgehen bisher vor allem aus dem rechten Milieu bekannt war. Dass Rechtsextreme Kampfsport trainieren, um Angriffe auf den politischen Gegner zu üben, ist ein schon länger bekanntes Phänomen. Nicht zuletzt seit den Diskussionen über rechtsextreme Kampfsportevents wie "Kampf der Nibelungen" oder "Tiwaz – Kampf der freien Männer".

Ungeachtet dessen hatte schon etwa sechs Monate vor Verfahrensbeginn in Dresden der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, der Wochenzeitung "ZEIT" gesagt, dass nach Beobachtung seiner Behörde linke Gewalt brutaler sowie organisierter werde und sich auch häufiger gegen Menschen richte. "Die Gewalt geht vor allem von kleinen klandestinen Gruppen aus, die sich von ihrem linksextremen Umfeld abgeschottet haben", sagte er damals. Seine Behörde habe in den vorangegangen zwei Jahren versuchte Tötungsdelikte im einstelligen Bereich registriert.

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Ein Blick in die Geschichte

Dabei ist das Phänomen keineswegs neu: Bereits 1991 berichtet das NDR-Politikmagazin "Panoroma" in einem Beitrag über "Antifaschistische Selbsthilfe", die aufgrund zunehmender rechtsextremer Gewalt inklusive Todesopfern und "tatenloser Polizei" notwendig werde. Erwähnt werden auch die in der Szene fast schon legendären Überfälle auf die rechtsextremen Szenegrößen Christian Worch und Thorsten Heise. Letzterer fand damals folgende Worte: "Diese Aktion war brillant ausgeführt, militärisch exakt. Also kann man nur vor Neid erblassen. Die Leute waren vermummt, haben während der ganzen Aktion nicht einen Ton gesagt, bis auf das Kommando dann ganz am Schluss: ‚Los, ab jetzt!‘"

Haldenwangs Vorgänger Eckart Werthebach gibt damals sogar schon eine Erklärung dafür ab und zieht Parallelen zum politischen Straßenkampf in der Weimarer Republik: "Diese Parallelen zeigen sich vor allem dort aus, wo wir eine zunehmende Gewalt der Rechtsextremisten feststellen müssen, die wiederum zu einer Gegenreaktion gegen Gewalt, nämlich dem sogenannten antifaschistischen Kampf der Linksextremisten führt."

Kein Urteil vor Februar

Beispiele wie die Überfälle, die gerade vor dem Oberlandesgericht Dresden verhandelt werden, bilden die Grundlage für stärkeren Verfolgungsdruck der Szene durch die Behörden. Ob das Gericht das Großgruppentraining als gegeben sieht, oder ob dazu noch weitere Zeugen geladen werden, wird sich zeigen. Die Verhandlung wird in den kommenden Wochen fortgesetzt. Seit September 2021 wird am Oberlandesgericht gegen Lina E. und drei weitere Männer wegen der Bildung einer linksextremen kriminellen Vereinigung ermittelt. Bisher wurde 81. Mal verhandelt. Das Gericht geht mittlerweile davon aus, dass es frühestens im Februar zu einem Urteil kommt, wie es zuletzt am vergangenen Mittwoch in öffentlicher Hauptverhandlung erörterte.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Nachrichten Regionalstudio Leipzig | 15. Juni 2022 | 09:30 Uhr

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