Blick durch eine Allee auf den Eingangsbereich einer Synagoge mit goldenem Stern und hebräischem Schriftzug 6 min
Stammsitz der Jüdischen Gemeinde zu Dresden ist die Neue Synagoge. Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

"Jüdisch jetzt!" in Dresden "Erinnerungskultur ist wichtig, aber nicht alles"

15. April 2024, 13:45 Uhr

Ab Montag geht das international besetzten Symposium "Jüdisch, jetzt!" in Dresden der Frage nach, wie sich jüdische Kultur im Alltag sichtbarer machen lässt. Initiatorin Valentina Marcenaro kritisiert, dass Judentum meisten nur mit Antisemitismus, Holocaust und Israel in Verbindung gebracht wird. Das sollte sich nachhaltig ändern, wünscht sie sich.

Was macht jüdisches Leben in Deutschland aus? Welchen Stellenwert hat die jüdische Kultur innerhalb der Kulturlandschaft und wie lässt sie sich im Alltag nachhaltig erlebbar machen? Diese und andere Fragen werden derzeit in Dresden diskutiert – beim Symposium "Jüdisch, jetzt! - Die Bedeutung jüdischer Kultur für eine demokratische Gesellschaft".

Mangelndes Wissen über das Judentum

Initiator der international besetzten Konferenz ist der Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden e. V., der seit 1996 das gleichnamige Festival organisiert. Die Vorsitzende des Vereins, Valentina Marcenaro, kritisiert das mangelnde Wissen der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland über das Judentum. Sie sagte im Gespräch mit MDR KULTUR, viele Menschen verbänden Judentum nur mit den Themen Antisemitismus, Israel und Holocaust. Jüdische Kultur sei jedoch mehr als nur das. Das gelte es den Menschen zu vermitteln.

Valentina Marcenaro kocht koscher.
Zur Vermittlung eines zeitgenössischen Judentums begiebt sich Valentina Marcenaro vom Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden e. V. mitunter auch in die Küche. Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

"Ich erwarte nicht, dass jeder Mensch sich mit jüdischer Kultur intensiv beschäftigt", so Marcenaro. Das Jüdische und das Judentum werde eine Nische bleiben. "Ich denke aber, dass es interessant ist Themen aus der jüdischen Perspektive zu erfahren oder durch die jüdische Brille zu sehen, weil natürlich jüdische Menschen auch viel zu allgemeinen Themen zu sagen haben."

Erinnerungskultur vs. jüdisches Leben heute

Darüber hinaus möchte Marcenaro ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Erinnerungskultur sehr wichtig, aber nicht alles sei. Statt ausschließlich in die Geschichte zu blicken, sollten die Menschen in Deutschland anfangen, Jüdinnen und Juden nach dem Hier und Jetzt zu fragen, sagt sie. "Niemand fragt: Was denkt ihr? Was ist jetzt eure Interesse? Wie möchtet ihr euch jetzt darstellen, wie möchtet ihr erzählt werden?"

Wir existieren schon so lange und fragen uns deshalb: Warum nur ein kleines Feuerwerk anzünden, das dann wieder weg ist, wenn wir stattdessen in einem eigenständigen Feuer weiterleben könnten?

Valentina Marcenaro, Vorsitzende Jüdischen Musik- und Theaterwoche Dresden e. V.

Gelegenheit dazu bieten Veranstaltungsreihen wie die Jüdische Woche Dresden, die jährlich seit 1996 stattfinden. In diesem Jahr fällt sie allerdings erstmals aus, was Marcenaro mit strukturellen Problemen begründet. Wie vielen anderen Festivals in dem Bereich mangele es der Jüdischen Musik- und Theaterwoche an Nachhaltigkeit. Die Frage sei, wie sich jüdische Einrichtungen wie diese verstetigen ließen: "Wir existieren schon so lange und fragen uns deshalb: Warum nur ein kleines Feuerwerk anzünden, das dann wieder weg ist, wenn wir stattdessen in einem eigenständigen Feuer weiterleben könnten?"

Außenansicht des Areals der Synagoge in Dresden
Die Neue Synagoge Dresden und das Gemeindezentrum befinden sich seit 2001 im Zentrum der Stadt. Bildrechte: picture alliance/dpa | Matthias Rietschel

Jüdische Kultur in Sachsen im Fokus

Wie dieses Feuer entfacht werden könnte, ist eines der Themen des Symposiums "Jüdisch, jetzt!", das noch bis 16. April im Dresdner Kulturrathaus stattfindet. Erkenntnisse daraus sollen in die Weiterentwicklung der Jüdischen Woche Dresden und in das geplante Themenjahr zur jüdischen Kultur einfließen.

100 Jahre nach Gründung des ersten sächsischen Landesverbands der jüdischen Gemeinden soll es unter dem Motto "Jüdisch – Sächsisch – Mentshlich" die reichhaltige jüdische Kultur und Geschichte in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Freistaats sichtbar und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Quelle: MDR KULTUR (Carsten Tesch), Verein Jüdische Musik- und Theaterwoche Dresden e. V., Stadt Dresden
Redaktionelle Bearbeitung: tmk

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. April 2024 | 07:10 Uhr

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