Reformpädagogik Montessori-Schule Leipzig: Von der Freiarbeit zum staatlichen Abitur

12. Januar 2023, 18:53 Uhr

Mit Freiarbeit zum Abitur, das ist das Konzept des Leipziger Maria-Montessori-Schulzentrums. Während in den unteren Klassenstufen viel Freiraum gelassen wird, laufen die Montessori-Elemente in der Oberstufe langsam aus. Der Andrang auf die Schule ist groß. MDR SACHSEN hat mit Lehrern, Eltern und Schülern über ihre Erfahrungen gesprochen.

Wenn es für die Schüler im Bischöflichen Maria-Montessori-Schulzentrum Leipzig heißt "ab ins Büro", dann ist das kein Versehen. Hier im Stadtteil Grünau wird anders gelernt als an den meisten Schulen sonst. "Es ist cool für die Kids", erzählt Schulleiter Sebastian Heider, "wenn sie sagen können, 'wir gehen ins Büro'. In der fünften und sechsten Klasse gibt es Lernbüros." Dort geht es um Deutsch, Mathe und die beiden Naturwissenschaften Geographie und Biologie.

Schulleiter Sebastian Heider erklärt das Konzept: "Wir kauen kein Wissen vor, sondern befähigen Schüler sich Wissen anzueignen. Mit Hilfe von Quellen, Büchern und auch Mitschülern. Wir fungieren als Lernbegleiter und Lernberater." Die Ausgestaltung der Lernbüros fiel nicht vom Himmel, so Heider: "Die Aufgaben, Übungen und das Anschauungsmaterial haben wir zwei Jahre lang intensiv entwickelt." Und das offenbar erfolgreich: "Das Konzept wird sehr gut angenommen", so Heider.

"Jeder entscheidet selbst, was er macht"

Im Lernbüro arbeiten Oberschüler und Gymnasiasten gemeinsam. Sie sollen selbstständig und motiviert lernen, Pädagoge Heider nennt es "freudbetont. Jeder entscheidet selbst, was er macht, mit wem und wie. Im besten Fall spüren die Schülerinnen und Schüler: Wann ist bei mir ein Fenster offen, um gut zu lernen?". Tut sich einer schwer, dann bekomme er Hilfe vom schnelleren Schüler. Es gebe auch ein Patensystem, in dem sich ältere Schüler um jüngere kümmern. Am Ende des Schuljahres müsse jeder alle wesentlichen Inhalte bearbeitet haben.

Eltern sagen häufiger, irgendwie habe ich gehört, dass hier so ein guter Geist herrscht, dass sich Kinder hier wohl fühlen. Das freut mich, denn wir gestalten Lebenszeit zusammen.

Sebastian Heider Leiter des Maria-Montessori-Schulzentrums Leipzig

Freiarbeit in der Pinguin-Klasse

Freiarbeit ist eines der Kennzeichen des Montessori-Schulzentrums, die vor allem in den jüngeren Klassenstufen stattfindet. Klassischen Frontalunterricht gibt es hier zwar auch, aber in deutlich geringerem Umfang. In den Klassenstufen 1 bis 4 werden Deutsch, Mathe und Sachkunde in altersgemischten, genau eingeteilten Gruppen unterrichtet. Die Gruppen tragen Namen wie Tiger, Mäuschen, Pinguine oder Regenbögen. Die elfjährige Schülerin Klee mag die Freiarbeit: "Dort können wir selbstständig arbeiten und unsere Stärken und Schwächen erkunden."

Nur etwas für Eltern, die vertrauen

Diese Art des Lernens setze "großes Vertrauen der Eltern voraus", weiß Schulleiter Heider. Sie müssten aushalten, dass das eigene Kind etwas langsamer ist. "Aber sie müssen auch daran glauben, dass das Kind es hinbekommt."

Das bestätigt Swantje Hennig-Steuer, die selbst zwei Kinder am Montessori-Schulzentrum hat: "Man muss Vertrauen haben in alle Beteiligten, das ist eines der Kernelemente bei der Montessori-Didaktik. Jedes Kind darf in seiner eigenen Geschwindigkeit lernen. An die Freiarbeit muss man sich da gewöhnen. Dass Kinder auf einem unterschiedlichen Stand sind, das ist ein bisschen verunsichernd." Irgendwie merke man aber, dass es "einen roten Faden gibt, das ist für die Lehrer sehr anspruchsvoll, sie müssen alle im Blick haben." Sie sieht ihre Kinder für das spätere Leben gut vorbereitet: "Ein Kind lernt, sich eines Themas individuell zu nähern. Das ist dann wie im späteren Berufsalltag, da steht ja auch nicht immer einer daneben."

Ab der 7. Klasse nur noch vereinzelt Montessori-Elemente

In den weiterführenden Klassen des Schulzentrums ist das Konzept so aufgebaut, dass es ab der siebten Klasse nur noch vereinzelt Elemente der Montessori-Pädagogik gibt. Schulleiter Sebastian Heider sagt: "In der Oberstufe des Gymnasiums unterscheiden wir uns dann von der Struktur her nicht mehr von den staatlichen Schulen". Die Abschlüsse sind die gleichen wie an anderen Schulen, ob Hauptschule, Realschule oder Gymnasium. Am Ende "haben alle die gleichen Prüfungen. Als staatlich anerkannte Ersatzschule nehmen wir alle Prüfungen auch selber ab", so Heider.

Eine Schülerin, die gerade ihr Abitur macht, lobt die Notenvergabe in dieser Phase: "Die Lehrer sind dabei sehr transparent und man kann mit ihnen offen darüber reden."

Montessori-Pädagogik Die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870 - 1952) entwickelte eine Bildung vom kleinen Kind bis zum jungen Erwachsenen, bei der die Selbstständigkeit im Mittelpunkt steht. Das Prinzip lautet: "Hilf mir, es selbst zu tun."

Als Basis dient eine wertschätzende Erziehung. Dabei werden die Schülerinnen und Schüler vom Lehrpersonal sorgfältig beobachtet. Durch eine vorbereitete Lern- und Arbeitsumgebung ist die "freie Wahl der Arbeit" und damit die "Polarisation der Aufmerksamkeit", auch Montessori-Phänomen genannt, möglich. Dabei geht das Kind in einer Art "Flow" völlig in seiner Tätigkeit auf. Freiarbeit in gemischten Gruppen und Facharbeit in Gruppen, in denen die Kinder gleichalt sind, wechseln sich ab. Der Schultag ist in Blöcke von je 90 Minuten aufgeteilt. Sie werden durch eine lange, je 45-minütige Frühstücks- und Mittagspause unterbrochen. montessori-deutschland.de, montessori-material.de, montessori-leipzig.de, Wikipedia

Ehemalige Schülerin: Selbstständiges Lernen zahlt sich im Studium aus

Trotz der anderen Lernmethoden sei sie sehr gut für das Studium vorbereitet worden, lobt die 20 Jahre alte Studentin Amelie, die am Montessori-Zentrum ihr Abitur gemacht hat: "Am Anfang war das Lernen sehr frei, und das hat mir richtig viel Spaß gemacht. Ich bekam Aufgaben und konnte in meinem eigenen Tempo loslegen. Da hatte ich nicht das Gefühl, dass ich unnötig rumsitze. Und in den Fächern, wo ich nicht so gut war, wie zum Beispiel Kunst, haben mir dann andere geholfen. Insgesamt habe ich an der Montessori vor allem das selbstständige Lernen und das Helfen gelernt. Beides kann ich an der Uni gut gebrauchen."

Zeitmanagement und seine Tücken

Und noch etwas hat Amelie gelernt: das Zeitmanagement. Ein Aspekt, der seine Tücken hat, denn "die Schule ist etwas für Leute, die sich selbst organisieren können. Man lernt das Zeitmanagement, das war gerade in der Corona-Zeit wichtig. Damit kamen einige aber gar nicht klar. Andere haben es dann gelernt."

Eine Mutter hat beide Seiten bei ihren Kindern kennengelernt: "Unser Sohn, der erst mit dem Wechsel zum Gymnasium hierher kam, hatte ganz schön zu kämpfen. Man muss ja Freiarbeit machen - und dabei stark organisiert sein. Das fiel ihm schwer."

Ihre beiden Töchter waren schon in der Grundschule mit dabei, erzählt die Mutter weiter: "Sie kamen damit super zurecht. Sie lernten praktisch alleine, das bekamen sie schon in der Grundschule mit." Doch Rückschläge habe es auch gegeben: "Eine Tochter konnte länger nicht lesen. Aber sie bekam von den Lehrern einfach sehr viel Vertrauen entgegen gebracht. Das gab ihr Selbstvertrauen."

Ist die Schule für jeden geeignet?

Eine der Töchter gibt zu: "Durch die Freiarbeiten in den ersten acht Klassen habe ich das selbständige Arbeiten gelernt. Es kann hier aber auch sehr anstrengend sein. Es wird extrem viel Wert darauf gelegt, dass man sich kreativ mit einem Thema auseinandersetzt." Eine einfache Power-Point-Präsentation reiche da bei weitem nicht. Sie berichtet von einem "Fachübergreifenden Projektfach", zwischen Religion und Gesellschaftskunde, bei dem man einen eigenen Staat gründe.

Grundsätzlich sei die Schule "nicht für jeden geeignet", findet das Mädchen. Das sieht Schulleiter Heider "ausdrücklich anders". Er sagt: "Auch wenn wir an machen Stellen deutlich andere Herangehensweisen haben - aber prinzipiell sind wir eine ganz normale Schule mit ganz normalen Schülerinnen und Schülern. Wir sind in keinerlei Weise eine Spezialschule, haben keine einengenden Sichtweisen, sehen uns nicht als elitär - kurzum: jede(r) soll sich bei uns wohlfühlen können und gut lernen können."

Religion ist Pflichtfach

Neben den pädagogischen Konzepten steht das Christliche im Mittelpunkt. Schulleiter Heider beschreibt es als "naheliegende Verbindung zu Montessori" und als "Schablone, die überall drüber liegt". Religion ist ein verpflichtendes Schulfach. Es gibt Schul-Gottesdienste, einen Seelsorger, einen Raum der Stille.

Amelie erzählt von ihren Erfahrungen: "Ich bin katholisch und im Religionsunterricht gab es viele Diskussionen. Das fand ich gut, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es gibt vier bis fünf Mal im Jahr einen Gottesdienst: Das ist eine Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Es ist kein typischer Gottesdienst, sondern mehr eine kleinere Version davon. Die Predigt ist häufig ein fröhlicher Vortrag. Es ist ein sanfter Einstieg in den Glauben, nicht so, dass es nervig ist, man wird da zu nichts gezwungen."

Die Hälfte der Schüler ist getauft

Laut Heider sind rund 25 Prozent der Schüler evangelisch, rund 25 Prozent katholisch, etwa die Hälfte ist nicht getauft, dazu kommen vereinzelte Schüler mit anderen Religionszugehörigkeiten. Ein katholischer Vater berichtet, dass die christliche Ausrichtung ein Punkt war, der für die Bewerbung sprach. Schulleiter Heider sagt, dass die eine Hälfte der Bewerber die Montessori-Ausrichtung anspreche, die andere Hälfte die christliche Ausrichtung: "Eltern sagen häufiger, irgendwie habe ich gehört, dass hier so ein guter Geist herrscht, dass sich Kinder hier wohl fühlen. Das freut mich, denn wir gestalten Lebenszeit zusammen."

Dreimal so viele Bewerber wie Plätze

Die Bewerberzahlen sind hoch, berichtet Heider: "Wir haben in jedem Jahr in allen aufnehmenden Klassenstufen etwa dreimal so viele Bewerbungen wie Plätze, in der 1. Klasse und in der Oberschule liegen wir sogar darüber."

Wer wird aufgenommen? Die Taufe ist für den Schulleiter ein Argument. Sie ist aber kein Muss. Er schaut auch darauf, dass in seiner Schule der Querschnitt der Gesellschaft abgebildet wird: "Das bedeutet eine ähnliche Zahl von Jungs und Mädchen, eine gute Mischung aus allen sozialen Schichten. Wir wollen weiter attraktiv für Leistungsspitzen sein, in gleicher Weise ist uns aber wichtig, Menschen mit verschiedenen Schwierigkeiten aufzunehmen ebenso wie Kinder mit Behinderung und/oder Integrationsbedarf. Zusätzlich haben wir aktuell knapp 40 Kinder aus der Ukraine."

Bistum Dresden-Meißen als Träger der Schule Die Grünauer Montessori-Schule wurde vor 26 Jahren gegründet, damals noch ohne Gymnasium. Ihr offizieller Titel lautet "Bischöfliches Maria-Montessori-Schulzentrum Leipzig".

Als Träger fungiert das Bistum Dresden-Meißen, das das Schulzentrum teilweise mitfinanziert. Als Schulzentrum ist es möglich, von der Grundschule auf die Oberschule oder das Gymnasium wechseln - ohne Ortswechsel.

Zahlen und Fakten zum "Bischöflichen Maria-Montessori-Schulzentrum Leipzig"

  • Zahl der Schüler insgesamt: 870
  • Zusammensetzung: Grundschule, Oberschule und Gymnasium, 1. bis 12. Klasse
  • Schleifenklasse: Nach der Oberschule besteht die Möglichkeit zum Gymnasium zu wechseln.
  • Schüler pro Klasse im Regelfall 25.
  • Hier unterrichten nach Angaben der Schule 80 Lehrerinnen und Lehrer, es gebe kaum Quereinsteiger
  • Schulgeld: 110 Euro für das erste und 85 für das zweite Kind, mögliche weitere Kinder sind von der Zahlung befreit. Können Eltern das Geld nicht aufbringen, zahlen sie einen verminderten Beitrag oder sind komplett befreit.
  • Ersatzschule in freier Trägerschaft
  • Lehrkonzept: Nach Maria Montessori
  • Andrang: Dreimal so hoch wie es Plätze gibt
  • Auswahlkriterien: Taufe, gleich viele Mädchen und Jungs, gute Mischung aus allen sozialen Schichten, inklusive Kindern mit Behinderung und/oder Integrationsbedarf, Leistungsspitzen
  • Aktuell: Fast 40 Kinder aus der Ukraine
  • Finanzierung: Ca. 75 Prozent Refinanzierung durch den Freistaat Sachsen (wie alle Schulen in freier Trägerschaft in Sachsen), ca. 15 Prozent Schulgeld, ca. 10 Prozent Finanzierung durch das Bistum Dresden-Meißen (Schulträger).
  • Mehr Infos auf der Homepage des Schulzentrums.

Themenschwerpunkt Was bietet Sachsens Schullandschaft?

Themenschwerpunkt: Was bietet Sachsens Schullandschaft?

Wie geht Schule heute? Dieser Frage geht MDR SACHSEN in der Woche vom 9. bis 15. Januar 2023 in einem Themenschwerpunkt nach. Wir besuchen verschiedenen Schulen in Sachsen, stellen Modelle und neue Lernmethoden vor.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 06. Oktober 2022 | 19:00 Uhr

Mehr aus Leipzig, dem Leipziger Land und Halle

Mehr aus Sachsen