Baum vor Theater in Erfurt.
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Rathaus Mutmaßliche Übergriffe am Theater öffentlich gemacht: Stadt Erfurt beurlaubt Gleichstellungsbeauftragte

28. Oktober 2023, 13:58 Uhr

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Erfurt ist beurlaubt worden. In der Causa um mutmaßliche Übergriffe von Theater-Mitarbeitern auf sechs Sängerinnen wirft ihr Oberbürgermeister Andreas Bausewein eigenmächtiges Handeln vor. Die Linke äußerte Kritik an der Rathaus-Entscheidung.

Die Stadt Erfurt ist derzeit ohne Gleichstellungsbeauftragte. Nach Angaben der Stadt wurde sie bis auf Weiteres beurlaubt. Hintergrund ist, dass die kommunale Gleichstellungsbeauftragte Mary-Ellen Witzmann mutmaßliche Übergriffe von Theater-Mitarbeitern auf sechs Sängerinnen in einem Zeitungsbericht öffentlich gemacht hat.

Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) warf ihr daraufhin eigenmächtiges Handeln vor. Die Gleichstellungsbeauftragte äußerte sich auf Anfrage aus arbeitsrechtlichen Gründen selbst nicht zur Sache und wird anwaltlich vertreten.

Berliner Anwaltskanzlei soll Vorwürfe aufklären

Um Vorwürfe über sexuelle Übergriffe am Theater Erfurt aufzuklären, beauftragte die Stadtverwaltung eine Berliner Anwaltskanzlei. Diese werde in der kommenden Woche die Arbeit aufnehmen, sagte Kulturdezernent Tobias Knoblich am Freitag. Nach seinen Angaben ist mindestens ein Vorwurfsfall aktuell. Außerdem sei ein Fall aus dem Jahr 2007 bekannt, der formal zwischen den Beteiligten beigelegt worden sei, sagte Knoblich der Nachrichtenagentur dpa. Dabei sei es auch nicht um sexuelle Belästigung gegangen.

Wie Knoblich weiter sagte, soll die Anwaltskanzlei Zahl und Umfang der Vorfälle ermitteln. Sie werde über eine von Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) berufene Kommission angebunden. Auch der Personalrat des Theaters sei darin vertreten, so Knoblich. Die Arbeit der Kanzlei laufe unabhängig und werde nicht von der Stadtverwaltung kontrolliert, sagte Knoblich weiter. Ihr Arbeitsauftrag beziehe sich auch auf Schnittstellen zwischen Theater und Stadtverwaltung. Wenn es hier "Verflechtungen" gegeben habe oder noch gebe, die eine Aufklärung von Vorwürfen verhindert haben sollten, so würden diese ebenfalls untersucht.

Möglichst innerhalb von sechs Wochen sollten deren Untersuchungen demnach abgeschlossen sein. Sollten sich die Vorwürfe als wahr erweisen, werde das auch personelle Konsequenzen nach sich ziehen, sagte Oberbürgermeister Bausewein.

Stadt Erfurt will sich nicht zu Personalfragen äußern

Ein Stadtsprecher gab zudem an, dass sich die Stadt zu Personalfragen derzeit nicht weiter äußern wolle. Nach den Berichten über mutmaßliche sexuelle Übergriffe im Theater Erfurt hatte die Stadt am Dienstag den Sachverhalt der Staatsanwaltschaft Erfurt übergeben. Wie deren Sprecher Hannes Grünseisen mitteilte, werden die Vorwürfe nun geprüft.

Kritik von der Linken

Kritik an der Personalpolitik der Stadt Erfurt kommt von der Linken. Die gleichstellungspolitische Sprecherin der Fraktion Karola Stange stellte die Suspendierung in Frage. Die Vorwürfe könnten nur gemeinsam mit Witzmann und nicht ohne oder gar gegen sie aufgearbeitet werden, sagte Stange.

Erfurter Stadträtin Karola Stange (Linke)
Karola Stange kritisiert die Raushauspolitik. Bildrechte: dpa

"Ohne Partei für eine Seite ergreifen zu wollen, erachte ich ein solches Vorgehen als kontraproduktiv für die wichtige Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten. Weiterhin gerät durch die Suspendierung der eigentliche Grund - die Aufklärung der sexuellen Vorwürfe - in den Hintergrund", sagte Stange.

Laut Stange müssen die im Raum stehenden Vorwürfen zeitnah und gründlich angegangen und mit einem konkreten Ergebnis abgeschlossen werden. Möglicherweise sei es danach auch notwendig, das Gleichstellungsgesetz zu überarbeiten, um die Rechte von Gleichstellungsbeauftragten entsprechend zu stärken und auszubauen, so Stange.

So finden Gewaltbetroffene Hilfe und Rat: Sie sind selbst von körperlicher Gewalt oder einer anderen Form von Missbrauch betroffen oder suchen persönlichen Rat? Die Ökumenische Telefonseelsorge Erfurt berät kostenfrei unter 0800-111 0 111 und 0800 -111 0 222.

Auch die Telefon-Hotline des Opferschutz-Vereins "Weißer Ring" ist täglich von 7 bis 22 Uhr zu erreichen. Anonym und kostenlos unter 116 006. Weitere Kontaktmöglichkeiten finden Sie im folgenden Link:

MDR (jn), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 27. Oktober 2023 | 19:00 Uhr

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