Mehrere Menschen während eines Prozesses am Landgericht Erfurt
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Landgericht Erfurt "Wir sind die Mafia von Ilmenau": Mutmaßliche Bande soll für Angst und Schrecken gesorgt haben

25. Januar 2024, 17:32 Uhr

Eine mutmaßliche Jugendbande soll über Monate Passanten in Ilmenau beraubt und misshandelt haben. Nun müssen sich die fünf 18 bis 22-Jährigen vor dem Landgericht Erfurt verantworten. Sich selbst bezeichneten sie als "Mafia von Ilmenau".

Sie sind noch jung. Die beiden Jüngsten waren während der Taten noch keine 18, die Älteren sind jetzt 20 und 22 Jahre alt. Alle fünf sollen zu einer Bande gehören, die im Frühjahr und Sommer Passanten in der Ilmenauer Innenstadt, an der Eishalle und auf dem Unicampus überfallen hat. Nun wird ihnen seit Donnerstag vor dem Landgericht Erfurt der Prozess gemacht.

Eine Stunde lang liest die Staatsanwältin beim Prozessauftakt am Erfurter Landgericht vor, was den jungen Männern zur Last gelegt wird: räuberische Erpressung, schwerer Raub, Bedrohung, Nötigung, gefährliche Körperverletzung, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Sachbeschädigung. Fast alles gemeinschaftlich begangen. Die Staatsanwältin dröselt auf, wer wann mit wem was getan haben soll - und welche Straftat damit verwirklicht ist.

Das klingt sehr sachlich, und doch bekommt man eine Ahnung, wie viel Angst diese Überfälle und Angriffe bei den Opfern ausgelöst haben. Die Verletzungen werden in der Anklage beschreiben: Schnittwunden im Gesicht, Prellungen und Hämatome am ganzen Körper, Abwehrverletzungen an den Fingern, wochenlange Kopfschmerzen.

Das rote Haus des Landgerichts Erfurt.
Der Prozess gegen die Jugendbande aus Ilmenau wurde am Donnerstag am Landgericht Erfurt eröffnet. Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Opfer mit dem Tod gedroht

Die Angeklagten sollen ihre Opfer umringt, mit dem Tod bedroht und beleidigt haben. Sie sollen mit Messern und einer Art Dorn auf die wehrlosen Menschen losgegangen sein. Sie sollen sie umgerissen und dann auf sie eingetreten haben, auch ins Gesicht. Sie sollen Taschen und Beutel durchsucht, eine Kette geraubt haben. Mögliches Motiv: Sie suchten Cannabis oder brauchten Geld dafür.

Auch Todesdrohungen sollen sie ausgestoßen haben - für den Fall einer Anzeige. Und der Jüngste soll bei einer Attacke gerufen haben: "Wir bringen Dich um, wir sind die Mafia von Ilmenau!"

Arabischsprechende Studenten eilten dem Mann zu Hilfe

Die Angeklagten stammen aus vier verschiedenen Ländern, die Opfer auch. Die Staatsanwältin beschreibt den Angriff auf einen Ilmenauer, der auf einen Freund wartete, sich anfangs nicht wehrte und nur sagte, er wolle keinen Stress. Er wurde umgerissen und mit Fäusten und Tritten attackiert. Arabischsprechende Studenten eilten dem Mann zu Hilfe. Einer der jugendlichen Angreifer soll sie angebrüllt haben, warum sie dem Deutschen zu Hilfe kämen, arabische Männer müssten doch zusammenhalten. Es sei ihm egal, welche Hautfarbe jemand habe, antwortete einer der Helfer. Er wurde so schwer attackiert, dass er mit einem Rettungswagen in Krankenhaus kam und genäht werden musste.

Zu keinem der Vorwürfe wollen die Angeklagten etwas sagen. Vier sitzen in Untersuchungshaft. Einer der Angeklagten, der nur selten bei den Überfällen dabei gewesen sein soll, kommt aus der Freiheit.

Wären sie erwachsen, müssten die jungen Männer bei einem einzigen schweren Raub mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe rechnen. Doch alle sind noch Jugendliche oder Heranwachsende - für sie gilt das Jugendrecht, dem der Erziehungsgedanke zugrunde liegt.

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Ein Mann und eine Frau stehen nebeneinander und sehen in die Kamera
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Angeklagten drohen mehrjährige Haftstrafen

Die Richter hatten sich im Vorfeld Gedanken um mögliche Strafen gemacht. Gegen volle Geständnisse der Angeklagten kann sich die Kammer - je nach Tatbeteiligung - Strafen zwischen einem Jahr und sechs Jahren vorstellen. Die Verteidiger lehnen das nicht ab, sie wollen nur nichts dazu sagen, weil die Staatsanwaltschaft diesem Deal nicht zustimmt.

Drei Opfer vertritt eine Anwältin im Prozess. Sie hat gegen drei Angeklagte Schmerzensgeldansprüche geltend gemacht. Gegen einen nimmt sie den Antrag wieder zurück. Nach ihr vorliegenden Unterlagen des Familiengerichts war der betroffene Angeklagte während der Taten bereits 18 Jahre - nur dann ist ein Schmerzensgeldanspruch möglich. Das verhandelnde Strafgericht aber hat andere Unterlagen - und den Angeklagten rechtsmedizinisch untersuchen lassen. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass der zur Tatzeit noch keine 18 war, sagt das Gutachten. Und das sei für die Strafrichter bindend, sagt die Vorsitzende Richterin.

An den nächsten beiden Verhandlungstagen werden Polizeibeamte gehört werden. Vorläufig letzter Verhandlungstermin soll der 10. April werden.

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MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 25. Januar 2024 | 13:00 Uhr

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