Ein Mann mittleren Alters mit Bart und runder Sonnenbrille und Weste hält ein Mikrofon und lehnt sich singend zur Seite. Im Hiuntergrund sind weitere Sängerinnen zu sehen. 7 min
Rosa Falkenhagen, Nahuel Häfliger (vorne), Dascha Trautwein Bildrechte: Candy Welz

Rezension John Lennon wird am DNT Weimar mit grandiosem Theaterabend gefeiert

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Theaterkritiker

01. Dezember 2023, 10:40 Uhr

Kurz vor seiner Ermordung am 8. Dezember 1980 gab John Lennon einem New Yorker Radiosender sein letztes Interview. Mit Zitaten aus diesem Gespräch und anderen Texten Lennons sowie fast 20 seiner größten Songs feiert das Nationaltheater Weimar den Ex-Beatle. "Across the Universe" heißt der zweistündige Abend, der in der Redoute gespielt wird – eine Spielstätte, die ab 2027 das Ausweichquartier des Theaters wird. Es ist ein grandioser Abend mit einer sehr heutigen Botschaft, sagt unser Kritiker.

Aufgerüschte Stoffbahnen an der Hinterwand, auf denen "Across the Universe" steht. Davor ein Klavier, ein Schlagzeug, ein paar Stühle. Die Bühne sieht ein bisschen aus, als fände darauf gleich eine Jugendweihe statt. Es ist nicht leicht, den sozialistischen Charme der Redoute, dem ehemaligen "Haus der Offiziere", unterzukriegen. Dem Team um Regisseur und Intendant Hasko Weber gelingt es innerhalb weniger Minuten. Am Ende wird das Publikum vor der Bühne stehen und mitwippen, mitklatschen, mitsingen.

Musikalisch volle Punktzahl

Keine Kunst angesichts der Musik, die John Lennon uns hinterlassen hat, könnte man denken. Aber "Across the Universe" ist weit mehr als nur ein Konzert mit singenden Schauspielern. Erstens, weil die zwei Schauspielerinnen und sieben Schauspieler so großartig musizieren, dass sie damit gut und gerne auf Tournee gehen könnten. Abwechselnd singen sie, und es ist unmöglich zu sagen, jemand von ihnen sei besser oder schlechter gewesen.

Dascha Trautwein ragt dennoch etwas heraus aus einer insgesamt überragenden Show-Kapelle. Vom ersten Augenblick an ist sie ein energetischer Mittelpunkt der Bühne, erst nur im Background, dann beim Vortrag des Lennon-Gedichts vom "Moldy Man" und schließlich als Interpretin von Songs wie "Mother" oder "Come Together". Wäre die musikalische Qualität die A-Note, die Inszenierung bekäme die volle Punktzahl.

Eine Frau mit kurzen blonden Haaren, Lederjacke, runder Sonnenbrille und bunter Hose singt in ein Mikrofon. Im Hintergrund sind weitere Teile einer Band zu sehen.
Dascha Trautwein (vorne) ist energetischer Mittelpunkt der Bühne. Bildrechte: Candy Welz

Als kommentiere Lennon unsere Gegenwart

Aber Theater kann mehr, in diesem Falle vor allem Hasko Weber. Er hat seine Inszenierung überaus raffiniert gebaut, aus Zitaten und Songs, aus Zeitgeschichte und Botschaften, die man durchaus als heutige verstehen kann. Nichts weist explizit darauf hin, und dennoch klingt, was Lennon sagte und sang, als sei er eben nicht vor 42 Jahren erschossen worden, sondern als weile er unter uns und kommentierte unsere Gegenwart.

Er wolle, sagt er einmal, im Gegensatz zu Orwell und vielen anderen keine negativen Visionen verbreiten, sondern positive. Lennon träumte von einer Welt ohne sich anfeindende oder bekriegende Staaten und Religionen. Von einer Welt, in der es keine Rolle spielt, welches Geschlecht oder welche Hautfarbe ein Mensch hat, in der jeder sein kann, was er mag. Die Auswahl der Lennon-Zitate und Songs unterstützt Botschaften wie diese, und zwar – im Gegensatz zu vielen Diskursen der Jetzt-Zeit – unaufgeregt und unterhaltsam.

Zwischendurch wird herumgealbert, und spätestens wenn Marcus Horn (sonst am Schlagzeug) seine kleinen Erläuterungen zu den musikalischen Vorbildern Lennons als tatsächlich waghalsig wirkende Zirkusnummer spielt, die er dann auch noch selbstironisch als Marina-Abramović-Momente des Abends anpreist, verdient sich dieser Abend auch in der B-Note die volle Punktzahl.

Ein Mann mit lila Hose und ornamentbesetzter Weste steht auf einem Stuhl auf einer Bühne. Im Hintergrund sind Instrumente und weitere Musiker zu sehen.
Marcus Horn erzählt in einer Art Zirkusnummer von John Lennons musikalischen Vorbildern. Bildrechte: Candy Welz

Eine als Konzert verkleidete Friedens-Demo

Zusammengehalten wird er von zwei Gedanken: Liebe und Frieden. Nicht nur auf einer persönlichen Ebene a la "She Loves You". So wie die "Bed-ins" von Yoko Ono und John Lennon ihre Friedenskampagne waren, ihr "Give Peace a Chance" ein im Hotelbett aufgenommener Ruf nach Vernunft, so lässt sich Webers Inszenierung durchaus als eine als Konzert verkleidete Friedens-Demo verstehen.

Nichts daran ist plakativ, scheinbar nichts politisch. Und doch zählt zu den eingesprengten Zitaten aus der Weltgeschichte ausgerechnet jener Satz des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon zum Vietnam-Krieg, der die Sowjetunion ausdrücklich als Großmacht anerkannte und sie eben nicht, wie Barack Obama es mit Russland tat, zur Regionalmacht herabwürdigte. Es gibt ein paar dieser seltenen Theatermomente, in denen es doch ein bisschen wie bei der Jugendweihe ist: man denkt sich seinen Teil, die Gedanken sind frei.

Ein Mann in Anzug und Halbglatze spricht in ein Mikrofon. Hinter ihm beugen sich zwei weitere Menschen vor: Ein Mann mit dunklem, langem Haar und runder Sonnenbrille sowie eine Frau mit einer Perücke mit langem, schwarzem Haar.
Der Lennon-Theaterbabend in Weimar wird zusammengehalten von den Gedanken Liebe und Frieden. Bildrechte: Candy Welz

Lennon lebt!

Man muss es aber auch nicht tun, man kann auch ganz bei John Lennon bleiben, denn im Grunde ist alles an diesem Abend tatsächlich eine Hommage auf diesen Ausnahmekünstler. Bis vielleicht auf den von einer KI geschriebenen und wirklich nicht sehr originellen Text im Programmheft.

Nicht zuletzt kann man auch seinen frühen Tod noch einmal betrauern. Erschossen mit 40, unfassbar. Lennon hatte mit "Double Fantasy" gerade ein neues Album am Start, er sprühte vor Plänen für seine und die Zukunft der Welt. Eine Welt in Frieden. Der Song "Just Like Starting Over" strahlt diesen Optimismus aus, mehrfach wird er angesungen und jeweils durch einen Schuss unterbrochen.

Diese Inszenierung zeigt: Lennon lebt. Sie endet mit dem erst in diesem Jahr erschienenen letzten neuen Beatles-Song "Now and Then" und nicht enden wollendem rauschenden Applaus.

Ein Mann mit kurzem dunklen Haar und runder Sonnenbrille singt in ein Mikrofon. Im Hintergrund sind weitere Bandmitglieder zu sehen, Auf den Bühnenvorhang sind die Worte "Imagine 1971" projiziert.
Alles an diesem Abend ist eine Hommage auf den Ausnahmekünstler John Lennon. Bildrechte: Candy Welz

Aufführungstermine und mehr Infos zum Stück

John Lennon – Across the Universe
Hommage am DNT Weimar

Aufführungstermine:

  • Samstag, 2. Dezember 2023, 19:30 Uhr
  • Samstag, 23. Dezember 2023, 19:30 Uhr, ausverkauft, eventuell Restkarten an der Abendkasse
  • Freitag 5. Januar 2024, 19:30 Uhr
  • Mittwoch, 28. Februar 2024, 20 Uhr
  • Donnerstag, 29. Februar 2024, 20 Uhr


Team:
Tom Götze (Musikalische Leitung)
Hasko Weber (Regie)
Carsten Weber (Dramaturgie)
Andrea Wöllner (Kostüme)
Anja Wandt (Bühne)

Besetzung:
Calvin-Noel Auer
Rosa Falkenhagen
Tom Götze
Fabian Hagen
Nahuel Häfliger
Marcus Horn
Lars Kutschke
Philipp Otto
Dascha Trautwein

Quellen: MDR KULTUR (Matthias Schmidt), Deutsches Nationaltheater Weimar, redaktionelle Bearbeitung: hro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Dezember 2023 | 08:40 Uhr

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