Wölfin in der Rhön Wolf-Hund-Mischlinge müssen getötet werden

Seit zweieinhalb Jahren ist eine Wölfin sesshaft in der Region um den Dermbacher Ortsteil Zella im Wartburgkreis. Lange war von ihr wenig zu spüren. Doch seit Juli hat sie immer wieder Nutztiere angegriffen und große Verunsicherung ausgelöst. Inzwischen ist der Grund klar: Die Wölfin hat Nachwuchs. Weil es sich um Wolf-Hund-Mischlinge handelt, müssen sie demnächst getötet werden. Anschließend könnte sich die Lage wieder entspannen, hofft man im Umweltministerium.

Wolf im Unterholz
Eine Wölfin hat in der Thüringer Rhön fünf Wolfshybriden - Wolf-Hund-Mischlinge - zur Welt gebracht. Diese sollen geschossen werden. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO/STAR-MEDIA

Auf einem Foto von der Nacht auf Montag sind vier Welpen zu erkennen - in verschiedenen Grau- und Schwarztönen. Schwarz aber sind Wölfe eigentlich nicht, sagt Umweltstaatssekretär Burkhard Vogel. Zwei Fachstellen haben dem Ministerium in dieser Woche bestätigt, dass es sich bei den insgesamt fünf Jungtieren um Hybride handelt, eine Mischung aus Wolf und Haushund. Aus Mangel an Partnern der eigenen Art hat sich die Wölfin offensichtlich mit einem freilaufenden Hund gepaart.

Wolf-Hund-Mischlinge sollen geschossen werden

Für den Nachwuchs bedeutet das: Er muss laut Gesetz "entnommen" werden, damit er sich nicht fortpflanzt und die Wolfspopulation genetisch gefährdet. Weil die Tiere mit zwölf Wochen aber schon zu alt sind, um in einem Gehege in Gefangenschaft zu leben, sollen sie getötet werden.

Wer sie erschießen wird, stimmt das Ministerium derzeit gemeinsam mit Thüringen-Forst und dem Landesamt für Umwelt ab. Beim streng geschützten Wolf darf das nicht jeder Jäger tun, sondern nur, wer damit beauftragt wird.

Auffällig viele Nutztier-Risse

Anzeichen für Nachwuchs gab es schon seit Mitte Mai. Da tauchte ein Foto auf, ebenfalls von einer Wildkamera, auf dem sich die Wölfin auf dem Rücken in der Sonne wälzt. Deutlich sichtbar waren die Zitzen und das geschwollene Gesäuge. Es gebe keine Hinweise auf Nachwuchs, hieß es dazu vom Umweltministerium, es könne auch Scheinträchtigkeit sein.

Keine Hinweise, das wurde auch noch Anfang August wiederholt, nachdem sich innerhalb kurzer Zeit die Zahl der Nutztier-Risse auffällig erhöht hatte - ein weiteres Indiz für Nachwuchs, wie Staatssekretär Vogel am Freitag einräumte. "Wenn die Wölfin allein ohne ein Rudel ihre Jungen aufziehen muss, dann verliert sie die natürliche Scheu vor siedlungsnahen Bereichen und vor Menschen und geht dort auf Weidetiere."

Wenn die Wölfin allein ohne ein Rudel ihre Jungen aufziehen muss, dann verliert sie die natürliche Scheu vor siedlungsnahen Bereichen und vor Menschen und geht dort auf Weidetiere.

Umweltstaatssekretär Burkhard Vogel

Gerissenes Dammwild: Ein totes Kalb liegt auf einer Wiese.
In der Vergangenheit kam es in der Rhön vermehrt zu Wolfsrissen bei Damwild. Bildrechte: Martina Hauck

Die Angst bleibt

Als erstes in diesem Jahr hatte es am 8. April das Damtiergehege der Familie Hübner in Kaltenlengsfeld getroffen. Drei Tiere wurden getötet. Der Schock des Anblicks der toten und verletzten Tiere ist dem Ehepaar noch immer anzumerken. Das vergisst man nicht, sagt Rosemarie Hübner.

Auch die übrigen sechs Tiere hätten Kratzer und Bisswunden gehabt. "Die Angst bleibt, und die Tiere sind total verschüchtert." Die Wölfin hatte sich offenbar unter dem rund zwei Meter hohen Wildzaun hindurchgegraben. Die Entschädigung vom Land ist zugesagt, aber bisher noch nicht ausgezahlt, berichten sie.

Ein Mann und eine Frau vor einer Hecke.
Rosemarie und Gerald Hübner aus Kaltenlengsfeld: Ihr Damwildgehege wurde im April von einem Wolf angegriffen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

"Tiere gehören zur Familie"

Martina Hauck aus Brunnhartshausen hat drei Monate später Ähnliches erlebt. Nach dem morgendlichen Kontrollgang sei ihr Schwiegervater kreidebleich aus dem Gehege am Ortsrand von Diedorf gekommen: "Ich glaub, der Wolf war drin." Sie fanden sechs tote Tiere, ein weiteres Kalb erst Tage später außerhalb des Geheges, 400 Meter weit entfernt.

Die Tiere gehörten zur Familie, sagt Martina Hauck. Was sie immer noch umtreibt: "Ich konnte sie nicht schützen." Die Wölfin müsse über den Zaun gesprungen oder geklettert sein, denn ringsum wurde keine Stelle gefunden, wo sich das Tier durchgegraben hatte.

Dem Wolf ausgeliefert?

Auch Landwirtin Katrin Dänner aus Kaltennordheim hat schon zwei Wolfsbesuche erlebt, wie sie sagt. Ein neugeborenes Kalb sei im vergangenen Jahr auf der Weide halb aufgefressen worden. Auch auf der Pferdekoppel müsse ein Wolf gewesen sein. Selbst die älteren Tiere seien völlig verstört gewesen.

Ein Pferd sei so schreckhaft, dass Kinder es nicht mehr im Gelände reiten könnten, erzählt Dänner. Wanderreiter hätten ihr gesagt, wenn sie gewusst hätten, dass dort ein Wolf lebt, wären sie nicht gekommen. Sie fühle sich dem ausgeliefert, sagt die Landwirtin - und beklagt, der Wolf werde schöngeredet.

Zwei Frauen stehen vor einem Weidezaun.
Martina Hauck (betreibt mit Schwiegervater Damwildgehege in Diedorf) - mit Damwild - und zusammen mit Katrin Dänner, Landwirtin aus Kaltennordheim Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Getötete Nutztiere im Wochentakt

Im Juli gab es noch einen weiteren nachgewiesenen Wolfsriss in einem Damwildgehege in Oberalba mit sechs toten Tieren, in Kaltensundheim und Schwallungen wurden Schafe angegriffen und getötet. Der Riss eines weiteren Schafs in der Ortschaft Oechsen wurde nach der genetischen Auswertung einem Hund zugeordnet. Der jüngste Riss eines Schafs am 11. August in Georgenzell im Landkreis Schmalkalden-Meinigen sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit Wolf", so das Umweltministerium.

Wolf lieber in der Taiga

Den Wolf sehen weder die Hübners, noch Martina Hauck und Katrin Dänner gern in der Rhön. Sie wolle keinen "Drive-In für Wölfe" errichten, sagt Hauck. Mit dem Wolf habe sie kein Problem, das seien schöne und soziale Tiere. Aber in dem dicht besiedelten Gebiet reibe es sich miteinander, "das wird nicht funktionieren".

Der Wolf habe seine Berechtigung, sagen auch die Hübners, "aber in der Taiga oder in Kanada und nicht hier, wo man von einem Ort zum anderen gucken kann. Da soll der Wolf geschützt werden und unsere Tiere nicht?"

Wolf oder Landschaftspflege?

Der Rhönlandhof in Dermbach, ein Betrieb mit 160 Beschäftigten, hat bisher keine Übergriffe des Wolfs erlebt. Die Sorge ist da, sagt Geschäftsführer Edgar Dänner, "wir befürchten das Schlimmste und hoffen das Beste." 700 Schafe hält die Genossenschaft auf verschiedenen Weiden in der Region, meist sensible Naturschutzflächen.

Ein Mann steht vor einem Fachwerkhaus.
Edgar Dänner, Geschäftsführer der Rhönland e.G. in Dermbach Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Dänner weiß, dass Schafhaltung ohnehin wirtschaftlich schwierig ist. Der Erlös für die Wolle reiche nicht, um denjenigen zu bezahlen, der die Schafe schert, sagt er. Wenn nun Wolfsangriffe dazu kommen? Die Politik müsse sich entscheiden, fordert Dänner: "Will man den Wolf oder möchte man Schafe haben und Naturschutzflächen pflegen?"

Will man den Wolf oder möchte man Schafe haben und Naturschutzflächen pflegen?

Edgar Dänner, Geschäftsführer des Rhönlandhofs in Dermbach

Wolf nicht das größte Problem der Schäfer

Umweltstaatssekretär Burkhard Vogel möchte beides und ist überzeugt: Es geht zusammen. Das eigentliche Problem der Schäfer sei nicht der Wolf, sondern dass ihre Arbeit besonders schlecht bezahlt werde und geringes Ansehen genieße. Berufsbild und Einkommen müssten gestärkt werden, sagt Vogel. Als einen Schritt nennt er die Schaf-Ziegen-Prämie, die Thüringen seit 2019 für Tiere zahlt, die Biotope beweiden.

Dr. Burkhard Vogel schaut in die Kamera.
Umweltstaatssekretär Burkhard Vogel Bildrechte: Andreas Pöcking/ Thüringer Umweltministerium

Höhere Zäune für Herdenschutz

Dass Landschaftspflege und Wolf zusammengehen, das belegen für Burkhard Vogel die Erfahrungen rund um Ohrdruf im Landkreis Gotha. Mit einem guten Herdenschutz mit Zäunen und speziell ausgebildeten Hunden ließen sich Wölfe erfolgreich fernhalten. Das Ministerium fördert das.

Der Rhönlandhof ist bereits mit höheren Zäunen und stärkeren Weidezaungeräten ausgerüstet. Das helfe bei den Schafen, sagt Edgar Dänner, aber nicht, um Mutterkuhherden mit jungen Kälbern zu schützen: "Wir können ja nicht um eine Wiese mit drei-vier Hektar einen zwei Meter hohen Zaun ziehen!"

Wir können ja nicht um eine Wiese mit drei-vier Hektar einen zwei Meter hohen Zaun ziehen.

Edgar Dänner, Geschäftsführer des Rhönlandhofs in Dermbach

Strom soll Wölfe abhalten

Familie Hübner hat ihr Damwildgehege mittlerweile mit Strom gesichert. Drei Wochen Arbeit, erzählen sie, 40 Prozent der Kosten hätten sie vom Land gefördert bekommen. Und hoffen nun, dass das die Wölfin künftig abhält.

Martina Hauck kann sich schwer vorstellen, wie sie das Gehege in Diedorf besser sichern soll. Den Zaun haben sie von innen beschwert, als Schutz vorm Untergraben. Einen Draht mit Strom in 20 Zentimetern Höhe davor zu spannen - das werde kaum gehen, sagt sie. Zum einen steht der bisherige Zaun schon auf der Grundstücksgrenze, zum anderen gehen dort viele Spaziergänger mit Kindern und Hunden entlang.

Eine Frau steht vor einem Dammwildgehege.
Martina Hauck betreibt ein Damwildgehege in Diedorf. Im Juli hatte ein Wolf mehrere Tiere gerissen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Sorgen um Tourismus

Vor anderthalb Jahren hatte der Dermbacher Bürgermeister Thomas Hugk (CDU) die Nachricht von einer sesshaften Wölfin in der Region kaum glauben wollen. Das hat sich inzwischen geändert. Nach den jüngsten Rissen registriert er eine "Riesenbesorgnis", nicht nur bei Weidetierhaltern. Die Menschen seien verunsichert.

Sorgen macht sich Hugk auch um den Tourismus. Sind Wanderer mit Hund im Wald noch sicher? Wenn weitere Weidetiere gerissen werden, wenn es einen identifizierbaren "Problemwolf" gebe, dann müsse man über Abschuss nachdenken, sagt Hugk. Er bewerte den Schutz von Bevölkerung und Landschaft höher als den für einen einzelnen Wolf.

Ein Mann steht vor dem Schild der Gemeinde Dermbach/Rhön.
Thomas Hugk, Bürgermeister Dermbach (CDU) Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Eine Problemwölfin? Burkhard Vogel vom Umweltministerium geht davon aus, dass sich die Lage wieder entspannen wird, sobald die Jungtiere getötet wurden und die Wölfin sie nicht mehr versorgen muss. Dann werde sich das Verhalten der Wölfin wieder ändern, sie ihre natürliche Scheu zurückgewinnen. Und wenn nicht? "Sollte sich zeigen, dass sie das Verhalten doch fortsetzen würde, dann müssten wir das Ganze noch einmal neu bewerten. Das ist aber momentan noch nicht der Fall."

MDR (rub/fno)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 12. August 2022 | 19:00 Uhr

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