Vierte Corona-Welle bricht alle Rekorde Rumänien: Die Pandemie der Ungeimpften

Rumänien verzeichnet aktuell einen Zuwachs von Corona-Neuinfektionen um 60 Prozent – eine der höchsten Zunahmen in der EU. Viele Intensivstationen sind bereits an ihre Kapazitätsgrenze gelangt. Die vierte Corona-Welle könnte in Rumänien zu einer Pandemie der Ungeimpften werden, denn das Land gehört bei der Impfquote gegen das Coronavirus zu den Schlusslichtern in der EU. Wegen der hohen Fallzahlen hat nun das Robert Koch-Institut das Land als Hochrisikogebiet eingestuft.

Eine im weißen Schutzanzug gekleidete Frau steht am Fenster und schaut nach draußen
Eine im weißen Schutzanzug gekleidete Frau steht am Fenster eines Krankenhauses in Bukarest. Bildrechte: dpa

Hausarzt Gindrovel Dumitra hat in diesen Tagen Covid-19-Patienten, die sich weigern, trotz akuter Erkrankung in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden: "Sie haben Angst, auf den voll ausgelasteten Intensivstationen nicht richtig versorgt zu werden und bleiben deshalb lieber zu Hause." Der 52-jährige Arzt Dumitra aus der 9.000-Seelen-Gemeinde Sadova im Süden Rumäniens kann darüber nur den Kopf schütteln: "Das wird zu mehr Toten führen, schon jetzt gerät die Lage außer Kontrolle."

Bukarest einer der Hotspots Europa

Wieder einmal verzeichnet Rumänien einen spürbaren Anstieg von Corona-Neuinfektionen, zuletzt lag der Tageswert bei rund 11.000 – eine neue Höchstzahl seit Februar 2020, als der erste Corona-Fall im Land bekannt wurde. Die Hauptstadt Bukarest gehört mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 589 (Stand Freitag) derzeit zu den Hotspots in Europa.

Das wird wohl vorerst auch so bleiben, zumindest geht davon der rumänische Gesundheitsministers Attila Cseke aus. Er rechne damit, dass die landesweiten Fallzahlen bis Mitte Oktober auf das Doppelte steigen werden, erklärte er Mittwochabend dem Fernsehsender Digi24. Nach Angaben des Nationalen Gesundheitsamts kursiert im Land inzwischen vorrangig die Delta-Variante, die als deutlich ansteckender und leichter übertragbar gilt als die vorherigen SARS-CoV-2-Virusvarianten. "Zudem hat die Regierung im Sommer eine Euphorie verbreitet, dass die Pandemie vorbei sei, die sich nun bitter rächt", meint Hausarzt Dumitra.

Mann im Arztkittel telefoniert - Der rumänische Hausarzt Gindrovel Dumitra
Hausarzt Gindrovel Dumitra impft seit Monaten seine Patienten in seiner Praxis in Sadova, er leistet viel Überzeugungsarbeit. Bildrechte: Annett Müller-Heinze/MDR

Ein Sommer der Unbeschwerten

In der Tat war es für viele Menschen ein unbeschwerter Sommer angesichts verschwindend geringer Infektionszahlen. An der Schwarzmeerküste genossen einheimische Touristen unbekümmert ihren Urlaub. Im September durfte im siebenbürgischen Klausenburg-Napoca eines der europaweit größten Pop-Festivals stattfinden: Rund 65.000 Zuschauer waren zum Untold-Festival zugelassen, die ausgelassen und dicht gedrängt feierten – Bilder, die man schon lange nicht mehr gesehen hatte. Immerhin sollten die Besucher einen Impf- oder Testnachweis beim Eintritt vorlegen.

Jubelnde Menschenmasse bei einem Konzert
Jubelnde Menschenmasse beim Untold-Festival am 11. September in Cluj-Napoca. Bildrechte: imago images/NurPhoto

Angeschlagener Regierungschef Citu

Auch die national-liberale Regierungspartei PNL trug am vergangenen Wochenende noch unbeirrt eine Großveranstaltung aus, trotz bereits deutlich steigender Fallzahlen. Etwa 5.000 Parteifunktionäre waren zur Kampfabstimmung über den Parteivorsitz gekommen, die Premierminister Florin Citu für sich entscheiden konnte. Als Regierungschef aber ist der 49-Jährige deutlich geschwächt, nachdem Anfang September der Juniorpartner USR-Plus die Koalition verließ – nach Streitigkeiten um die Verteilung von regionalen Fördermitteln. Citus Kabinett mit dem Ungarnverband UDMR besitzt derzeit im Parlament keine Mehrheit mehr. Am kommenden Dienstag muss es sich einem Misstrauensvotum im Parlament stellen. "Eine angeschlagene Regierung ausgerechnet in einem für das Land so schwierigen Moment", schrieb der rumänienweit bekannte Journalist Dan Tapalaga diese Woche im Nachrichtenportal G4Media.

Mann hebt die Hand und winkt an einem Rednerpult, dahinter die Sterne der EU-Flagge - Rumänischer Premier beim Parteitag der PNL am 26. September in Bukarest.
Am vorigen Wochenende wurde der rumänische Regierungschef Florin Citu zum Parteichef der nationalliberalen PNL gewählt. Bildrechte: imago images/Xinhua

Schlusslichter in der EU-weiten Impfkampagne

Auch der Nachbar Bulgarien meldet gerade steigende Infektionszahlen – beide osteuropäischen Staaten sind bei den Corona-Schutzimpfungen die Schlusslichter in der EU.

Ein mobiles Impfteam impft im Juni Rentner in der südrumänischen Gemeinde Bratovoesti.
Ein mobiles Impfteam impft im Juni Rentner in der südrumänischen Gemeinde Bratovoesti. Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

Einen Teil ihrer Impfstoffe von Biontech, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson haben sie inzwischen gespendet oder weiterverkauft, um sie vor dem Verfall zu retten. In Bulgarien waren bis Mitte August gut 15 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Seither haben die Behörden keine neuen Daten mehr bekannt gegeben.

In Rumänien sind dagegen knapp 28 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Das sind zwar deutlich mehr als im Nachbarland, aber weit unter dem, was die rumänische Regierung zu Jahresbeginn als Ziel ausgegeben hatte. Sie wollte bis September gut die Hälfte der Bevölkerung erreichen und ist damit sang- und klanglos gescheitert. Gründe für den Misserfolg der Impfkampagne gibt es viele:

  • Das Vertrauen in den Staat ist in Rumänien verschwindend gering. Eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler beklagt, dass es viele Versprechen gebe, aber nur wenige umgesetzt würden – ganz gleich, welche politische Kraft regiert.
  • Es gibt für Erwachsene keine Tradition einer Gesundheitsvorsorge, die von Staat oder Krankenkasse als Präventivmaßnahme finanziert wird und zu der auch Impfungen gehören.
  • Priester der Rumänisch-Orthodoxen Kirche gelten vor allem in Dörfern vielen noch als Vertrauensperson. Engagierte Fürsprecher der Impfkampagne gab es unter ihnen so gut wie keine.

Ein OP-Saal in einem rumänischen Krankenhaus. Die Aufnahme stammt von 2015
Ein OP-Saal im Krankenhaus von Călărași im Süden des Landes. Die Aufnahme stammt von 2015. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Kollaps des Gesundheitssystems droht

Die bürgerliche Regierung in Bukarest muss nun wiederholt jene Situation verwalten, die sie bei dieser Corona-Welle vermeiden wollte: die erneute Überlastung des staatlichen Gesundheitssystems, das chronisch unterfinanziert und von einem massiven Ärztemangel geprägt ist. Zudem ist in vielen Krankenhäusern die Infrastruktur völlig marode. Kurzschlüsse lösten auf mehreren Intensivstationen zuletzt Feuer aus, Covid-19-Patienten starben in den Flammen. Am Freitag war es in einem Krankenhaus zum dritten schweren Brandunglück innerhalb eines Jahres gekommen.

Auch arbeiten viele Spitäler derzeit am Limit. In dieser Woche meldete die Abteilung für Notfallsituationen im Innenministerium, dass für Covid-19-Patienten von gut 1.400 Intensivbetten noch 54 frei seien. Zwar könnte die Regierung weitere Intensivbetten beschaffen, doch um sie einzusetzen, fehlt das nötige medizinische Personal.

"Die Arbeit ist deprimierend"

Die Stimme von Intensivmediziner Radu Tincu klingt müde am Telefon. Er betreut im Notfallkrankenhaus Floreascu in Bukarest seit vorigem Jahr Covid-19-Patienten. "Es gibt nicht ein staatliches Krankenhaus in Rumänien, das seine ausgeschriebenen Stellen auch alle besetzen kann", sagt Tincu. Tausende Ärztinnen und Ärzte sind seit den 1990er-Jahren ausgewandert, weil sie im Westen mehr Geld verdienen können, oft bessere Karrierechancen und eine modernere medizinische Ausrüstung haben. Für die in der Heimat Gebliebenen heißt das deutlich mehr Arbeit, die sich in der Pandemie noch einmal gesteigert hat. Die rumänische Regierung ließ deshalb im vorigen Jahr das Einstellungsverfahren in staatlichen Krankenhäusern vereinfachen, um schneller Nachwuchs zu rekrutieren. "Einige Neuankömmlinge haben nach zwei, drei Tagen gleich den Dienst quittiert, weil sie den Stress und die Anspannung auf einer Intensivstation gar nicht ausgehalten haben", sagt Tincu.

Mann im Arztkittel - Der rumänische Intensivmediziner Radu Tincu
Der rumänische Intensivmediziner Radu Tincu Bildrechte: Radu Tincu/MDR

Schichtwechsel alle vier Stunden

Aufwendig eingepackt in Schutzanzügen löst sich das medizinische Personal auf der Intensivstation alle vier Stunden ab. "Wir sind inzwischen nicht nur physisch erschöpft, sondern auch psychisch. Die hohe Todesrate bei Covid-19 Patienten geht nicht spurlos an einem vorbei. Im Gegenteil, sie deprimiert einen auf Dauer", erzählt der 39-jährige Arzt. Er hatte auf eine hohe Impfquote im Land gehofft, da die Corona-Schutzimpfungen schließlich einen schweren Krankheitsverlauf verhindern können. Stattdessen kämpft Tincu jetzt um das Leben von Covid-19-Patienten, seit die Fallzahlen im Land wieder dramatisch steigen. Fast alle, sagt er, seien nicht geimpft.

Ein Mann an einem Beatmungsgerät im Krankenhaus in Rumänien
Ein Mann an einem Beatmungsgerät im Krankenhaus in Rumänien. Bildrechte: dpa

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Oktober 2021 | 11:30 Uhr

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