Parlamentspräsident Szymon Hołownia
Szymon Hołownia: Einst moderierte er eine Talentshow im Fernsehen – nun "moderiert" er die Parlamentssitzungen und macht sie zu einem YouTube-Hit. Bildrechte: IMAGO / newspix

Polen Warum viele Polen plötzlich wieder Lust auf Politik haben

18. Dezember 2023, 15:11 Uhr

Die Polen haben einen neuen Unterhaltungshit, der alle Rekorde der Popularität bricht. Die neue Plattform heißt im Volksmund "Sejmflix" und hat einen eigenen Superstar, den neuen Parlamentspräsidenten, in Polen Sejm-Marschall genannt. Er punktet mit seiner Schlagfertigkeit und hat schon so manchen aggressiven PiS-Abgeordneten entschieden und zugleich äußerst charmant, witzig und unterhaltsam geerdet.

Aleksandra Syty
Bildrechte: Aleksandra Syty/MDR

"Meine Damen und Herren, decken Sie sich gut mit Popcorn ein, denn ich vermute, dass es viel Action und viel Aufregung geben wird, aber unterm Strich auch viel Gutes dabei rauskommen wird" – ermunterte der Parlamentspräsident die Wähler, die Sejm-Sitzungen zu verfolgen. Und diese simple Werbung hat inzwischen Wunder bewirkt.

Seit der neu gewählte Sejm, also die Unterkammer des polnischen Parlaments, tagt, ist das Interesse der Wähler an seinen Sitzungen so groß wie nie zuvor. Sie werden bereits regelmäßig von 1,4 Millionen Zuschauern verfolgt. Hauptursache für diesen plötzlichen Popularitätszuwachs sind die brillanten Sprüche des neuen Parlamentspräsidenten (Sejm-Marschall), Szymon Hołownia, die im Handumdrehen zu viralen Social-Media-Hits werden.

Der bislang unattraktive Parlamentskanal auf YouTube legt rasant zu: Seit Mitte Oktober ist die Zahl der Abonnenten von ca. 40.000 auf mehr als 400.000 gestiegen – ein Spitzenwert unter den europäischen Parlamentskanälen, der Deutsche Bundestag hat zum Vergleich nur 120.000 Abonnenten, und das in einem Land mit mehr als der doppelten Einwohnerzahl Polens. Viele Kommentatoren erklären dieses Phänomen mit dem "Hołownia-Effekt", dem Politikstil des neuen Parlamentschefs.

Hołownia: Vom Showgeschäft in die Politik

Der 47-jährige Sejm-Debütant Hołownia durchläuft einen Schnellkurs im Politikersein. Noch vor drei Jahren war er ein angesehener Journalist, progressiv-katholischer Kolumnist und Buchautor, der sich in Charityprojekten für Afrika und für die psychische Gesundheit von Kindern engagierte. Richtig bekannt wurde er aber als langjähriger Moderator einer beliebten Talentshow im polnischen Fernsehen.

 Casting für die TV-Show MAM TALENT auf dem Schlossplatz in der Warschauer Altstadt.
2013: Szymon Hołownia (links) als Moderator beim Casting für eine beliebte Talentshow in der Warschauer Altstadt. Bildrechte: IMAGO / Eastnews

Erst zur Präsdentschaftswahl 2020 wechselte er in die Politik, kandidierte für das höchste Amt im Staat und kam auf Platz drei. Die dabei gewonnenen Sympathisanten waren ein gutes Startkapital, um eine eigene Partei zu gründen: Polen 2050. Heute ist sie Teil der demokratischen Koalition, die gemeinsam die Parlamentswahl in Polen gewann und aller Voraussicht nach die nächste Regierung stellen wird.

Hołownias Stil ist eine Mischung aus Predigt und Stand-up und sein raffinierter Humor, Charme und seine Beredsamkeit stehen ihm genauso gut wie seine maßgeschneiderten Anzüge. Nun ist er nach dem Präsidenten zum zweitwichtigsten Amtsträger im Land geworden. In Vertrauensrankings hat er Präsident Andrzej Duda aber bemerkenswerterweise bereits überholt.

Aggressive PiS, unterhaltsame Retourkutschen

Der neue Parlamentspräsident nutzt bravourös seine Erfahrung aus dem Showgeschäft. Seine guten Umgangsformen und seine Schlagfertigkeit finden bei den Wählern regen Beifall. Die Politiker des scheidenden PiS-Lagers unterzogen ihn schon zahlreichen Stresstests, in der Hoffnung, Hołownia aus der Fassung zu bringen und ihn beispielsweise bei der Unkenntnis parlamentarischer Regeln zu ertappen – doch sie wurden schwer enttäuscht. Hołownia hat das Parlament bislang gut im Griff und weiß, krawallige PiS-Politiker in die Schranken zu weisen. Er blockiert geschickt alle Versuche, die parlamentarischen Abläufe und die Gesetzgebungsverfahren zu behindern.

Parlamentspräsident Szymon Hołownia
Selbst der Vorsitzende der Noch-Regierungspartei PiS und bisherige informelle Staatslenker Jarosław Kaczyński musste von Hołownia lernen, dass er nur noch ein gewöhnlicher Parlamentarier ohne besondere Privilegien ist. Bildrechte: IMAGO / newspix

Dabei lässt er sich von den frechen Possen der politischen Opponenten nicht provozieren, ganz im Gegenteil – immer wieder schafft er es, ihre Angriffe mit einer einzigen spitzen Bemerkung zu neutralisieren oder gar lächerlich zu machen. Damit macht er die PiS-Abgeordneten, die sich in den vergangenen acht Jahren daran gewöhnt haben, dass das Parlament nach der Pfeife der Regierungspartei tanzt, völlig ratlos. Selbst manche PiS-Kollegen konnten sich das Lachen nicht verkneifen.

"Ich ermutige Sie dazu, origineller zu sein. Strengen Sie Ihren Intellekt an. Beleidigen muss man auch können", konterte Hołownia beispielsweise die verbale Entgleisung eines PiS-Abgeordneten, der den Parlamentspräsidenten auf eine allzu plumpe Art und Weise herabsetzen wollte, stattdessen aber selbst zum Spottobjekt wurde.

Kein Wunder also, dass Hołownia von den PiS-Abgeordneten, dem Propagandasender TVP und anderen PiS-nahen Medien scharf kritisiert wird, die ihn als Clown, Komiker oder Showman darstellen und die neuen Sitten im Parlament als Chaos bezeichnen. Doch viele Wähler sehen das offenbar ganz anders, wie der Erfolg des Parlamentskanals auf YouTube sowie Kommentare in den sozialen Medien zeigen.

Szymon Hołownia lacht.
Im Präsidentschaftswahlkampf 2020 fuhr Hołownia in einem auffällig gelben Wohnmobil durchs Land, das in Anlehnung an einen der Warschauer Präsidentenpaläste den Namen "Belvedere auf Rädern" trug. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Denn Hołownias Stil ist nicht nur ungewohnt frisch und spritzig, er steht auch in krassem Gegensatz zu den rauen Sitten der vergangenen zwei Legislaturperioden, in denen eine PiS-Mehrheit das Sagen hatte. Damals war es an der Tagesordnung, die parlamentarische Debatte zu knebeln und die Opposition zu beschimpfen, auch Unsitten wie nächtliche Beratungen bis zum Morgengrauen und das regelmäßige Einbringen von Gesetzesvorlagen in letzter Minute waren ein Markenzeichen der PiS.

Polen wollen politisches Trauma abreagieren

Viele Kommentatoren versuchen, das Phänomen seiner Popularität zu entschlüsseln. Einige erklären es mit dem "Interregnum", das im Moment in der polnischen Politik herrscht – während Noch-Ministerpräsident Morawiecki von der PiS Regierungsaktivitäten vortäuscht, steht das künftige Kabinett von Donald Tusk immer noch in den Startlöchern und kann bis Mitte Dezember nicht loslegen. In dieser Übergangszeit verkörpert der Sejm-Marschall den erfolgten Machtwechsel und zieht die Aufmerksamkeit auf sich.

Demonstranten entfernen Metallabsperrung am Sejm
Sinnbild für die neue Bürgernähe des Parlaments unter Hołownia: Menschen entfernen auf eigene Faust Absperrungen, die die PiS vor Jahren rund ums Parlament aufstellen ließ. Hołownia hatte angekündigt, er werde sie entfernen lassen, doch die Bürger kamen den Ordnungskräften in einer spontanen Aktion zuvor. Bildrechte: IMAGO / Marek Antoni Iwanczuk

Der Frischeeffekt sei nicht schwer zu erzielen, meinen einige Beobachter, wenn man bedenkt, wie oft die guten Sitten des Parlamentarismus von den Sejm-Marschällen aus den Reihen der PiS verletzt worden seien. In der Tat, Hołownias Leistung ist unbestreitbar glänzend, aber gerade vor diesem Hintergrund wird die Demokratiekrise der letzten acht Jahre umso deutlicher. Und da bei den letzten Wahlen eine enorme soziale Energie freigesetzt wurde, die sich in der höchsten Wahlbeteiligung in Polen seit der Wende äußerte, wollten sich viele Polen nun von ihrem Trauma aus der PiS-Zeit erholen und sich am Ergebnis ihrer Mobilisierung, d.h. an der Entmachtung der PiS, sattsehen, so eine weit verbreitete Erklärung für die Höhenflüge der "Hołownia-Shows" auf YouTube.

Ein Archivbild eines Protests der Opposition im polnischen Parlament.
2016: Abgeordnete der Opposition protestieren gegen die Willkür der PiS-Mehrheit, die die Rechte der Opposition und der Medien im Parlament beschnitt. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Press

Dr. Mirosław Oczkoś, Spezialist für politisches Marketing, ist der Meinung, dass die Politik schon seit langem de facto ein Zweig der Entertainmentbranche ist und dass die Menschen dort einfach eine Show wollen. Als weitere Erklärung für das gestiegene Interesse am Parlamentskanal zieht er aber auch den Wunsch nach Vergeltung in Betracht: "Wenn jemand eine Weile am Rednerpult spricht und danach von seinem Gegner mit einem einzigen Satz zur Strecke gebracht wird, schmerzt das sehr. Und je größer der Schmerz der PiS-Leute ist, desto größer ist die Freude derer, die die andere Seite bejubeln. Deshalb wird dieser Sejm online verfolgt. Die Menschen reagieren acht Jahre Demütigung ab. Sie wollen sich mit ihren eigenen Augen ein Bild davon machen, wie die Vergeltung aussehen wird. Es mag albern sein, aber so funktioniert die Psychologie der Massen", so der Experte.

Fest steht: Dem "Souverän", also dem Wahlvolk, auf dessen vermeintlichen Willen sich die PiS-Partei in den vergangenen acht Jahren so gerne berief, scheint Hołownias neuer Stil zu gefallen. Bei einer Umfrage der Tageszeitung "Rzeczpospolita" bekam er 57 Prozent Zustimmung und in der Gruppe der jungen Erwachsenen (18-24) sogar 65 Prozent. Bei einer anderen Umfrage im Auftrag des Portals "Wirtualna Polska" gaben 54,5 Prozent der Befragten an, dass Hołownia die Parlamentssitzungen besser leitet als seine Vorgängerin aus den Reihen der PiS, Elżbieta Witek.

Wann sind die Flitterwochen vorbei?

Im Moment steht Hołownia für den Wandel, der im Parlament stattgefunden hat, und baut seine Marke geschickt auf. Bis die Regierung von Tusk antritt, hat er seine fünf Minuten, die er sicherlich gut nutzen wird. Er kann jetzt schon politisches Kapital für den Start in der nächsen Präsidentschaftswahl sammeln, die in etwa eineinhalb Jahren stattfinden wird. Doch die Zeit der Eigenwerbung könnte schon bald zu Ende sein – wenn Donald Tusk endlich die Bühne betritt, der selbst ein Schwergewichtskämpfer ist.

Parlamentspräsident Szymon Hołownia
Hołownia wird vom Oppositionsführer Tusk zu seiner Wahl zum Sejmmarschall beglückwünscht. Bald könnte Tusk ihn aber in den Schatten stellen. Bildrechte: IMAGO / newspix

Erstmal geht die Show aber weiter. Ein Warschauer Kino sagte aufgrund des enormen Zuschauerinteresses für den kommenden Montag, 11. Dezember, sogar eine Sondervorführung an: Die Regierungserklärung von Noch-Premier Morawiecki, der im Anschluss mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit die Vertrauensabstimmung verlieren wird. Popcorn wird dabei sicherlich zur Hand sein – in rauhen Mengen.

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