Brutalität und Schulungslücken Polen: Todesfälle nach Polizeieinsätzen häufen sich

Cezary Bazydlo
Bildrechte: Cezary Bazydlo | MDR

Polizisten, die auf einem Festgenommenen knien und ihn buchstäblich erwürgen – solche Bilder glaubte man bislang nur aus den USA zu kennen. Man hat dabei sofort George Floyd und seinen tragischen Tod vor Augen. Doch nun ist auch die polnische Polizei wegen ähnlicher Vorfälle in Verruf geraten. Drei junge Männer sind in den vergangenen Monaten bei oder nach Polizeieinsätzen gestorben. Die Angehörigen sprechen von Mord.

Polizisten
Polens Polizei verliert massiv an Ansehen. Erst das brutale Vorgehen gegen Protestierende bei Antiregierungsdemos, jetzt drei Todesfälle nach Polizeieinsätzen, bei denen die Beamtem offenbar unangemessen brutal vorgingen. Bildrechte: imago images / Eastnews

Die Bilder aus der Bodycam eines Polizisten sind verstörend – vor allem wenn man bedenkt, dass die Beamten hier keinen Schwerverbrecher vor sich haben, sondern einen depressiven jungen Mann, den sie vor einem Selbstmord retten sollten: Mit gezückter Pistole dringen sie in seine Wohnung in Breslau ein, stürzen sich mit Knüppelstöcken auf den knapp bekleideten Hausherren, drücken ihn brutal zu Boden, treten auf Arme und Hände, schlagen zu – alles von wüstem Geschrei begleitet.

Tod nach Polizeieinsatz

Der junge Mann ist offenbar in Panik und ruft andauernd nach Hilfe. Er wird schließlich überwältigt. Ein Beamter droht ihm, er werde wegen Widerstands gegen Polizisten im Knast landen – doch stattdessen "landet" er auf dem Friedhof. Nach dem Einsatz erleidet er zweimal einen Herzstillstand und wird zweimal wiederbelebt, zunächst erfolgreich. Einige Stunden später, am frühen Morgen des 2. August 2021, stirbt er aber im Krankenhaus – mit nur 29 Jahren.

Der Fall von Łukasz Łągiewka sorgt in Polen für Aufsehen. Die Angehörigen werfen der Polizei Arroganz, Aggressivität und übermäßige Gewalt vor. Łukasz litt seit längerem unter Depressionen. In den letzten Tagen isolierte er sich zunehmend. Als er schließlich begann, merkwürdige SMS-Nachrichten zu verschicken – "Entschuldige Mutti" und "Es ist besser so" –, glaubte die Familie, dass er sich umbringen will, und verständigte die Polizei. Doch der Einsatz eskalierte.

Ich habe den Notruf 112 gewählt und um Hilfe gebeten, weil ich Angst um meinen Sohn hatte. Stattdessen kamen Verbrecher, die ihn vor meinen Augen misshandelten und schlugen.

Artur Łągiewka, Vater von Łukasz

Schwarze Serie von Todesfällen

Dabei ist der Tod von Łukasz Łągiewka nur einer von drei ähnlich gelagerten Fällen – alle drei in Niederschlesien. Der 34-jährige Bartek Sokołowski aus der Kleinstadt Lubin kam ebenfalls bei einem Polizeieinsatz oder kurz danach ums Leben. Bartek war drogenabhängig. Trotz mehrerer Entzugskuren bekam er das Problem nicht in den Griff, die Angehörigen bemühten sich um eine Zwangseinweisung.

Am Morgen des 6. August ist Bartek wieder "drauf". Seine Mutter wählt den Notruf, weil sie sich mit ihrem Sohn nicht mehr Rat weiß. Sie hofft, dass er ins Krankenhaus kommt, doch auch dieser Polizeieinsatz läuft aus dem Ruder. Auf Videoaufnahmen sieht man, wie zwei Beamte Barteks festhalten. Es hat den Anschein, als würde einer von ihnen seinen Hals oder Kopf mit dem Knie abdrücken – zweifelfrei kann man das nicht feststellen, dafür ist die Auflösung zu schlecht. Wenig später hört Bartek auf, sich zu bewegen. Die Polizisten übergeben ihn an Rettungssanitäter – angeblich noch lebendig, doch die Aussagen des Rettungsteams widersprechen dem. Trotz zweier Obduktionen gelingt es nicht festzustellen, ob Bartek noch während des Polizeieinsatzes oder erst danach starb.

Das war ein gewöhnlicher Mord. Und jetzt versucht die Polizei, die Schuld auf die Rettungssanitäter abzuwälzen.

Bogdan Sokołowski, Vater von Bartek

Ausschreitungen und brutale Polizeimethoden

Zwei Tage nach Barteks Tod versammeln sich einige Hundert Menschen vor der Polizeiwache in Lubin, um gegen die Brutalität der Beamten zu protestieren – zunächst friedlich, doch dann gerät die Lage außer Kontrolle. Eier, Steine, Flaschen und Molotowcocktails fliegen durch die Luft, Müllcontainer gehen in Flammen auf. Die Polizei setzt Tränengas und Wasserwerfer ein. Rund 60 Demonstrierende werden festgenommen. Auch sie klagen über brutale Methoden: Sie seien auf der Polizeistation mit angelegten Handschellen über den Boden geschleift, beschimpft und getreten worden. Aufklärung über ihre Rechte, Kontakt zum Anwalt, Auskunft an Familien – alles Fehlanzeige. Dies rügt hinterher auch die Folterpräventionsstelle beim Ombudsmann für Bürgerrechte.

Einsatzkräfte der Polizei stehen vor einer Menschenmenge.
Nach dem Tod von Bartek Sokołowski kam es in seiner Heimatstadt Lubin zu gewalttätigen Protesten gegen Polizeibrutalität. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Musste er sterben, weil er Ukrainer war?

Erst im Herbst wurde der Fall des Ukrainers Dmytro Nikiforenko bekannt, der am 30. Juli 2021 in einer Ausnüchterungszelle in Breslau starb. Den Hinweis dazu bekommt ein Journalist der "Gazeta Wyborcza" von einem bekannten Polizisten, der das Handeln seiner Kollegen offenbar nicht gutheißen kann.

Laut Polizei war der 25-Jährige sehr aggressiv, die Aufnahmen einer Überwachungskamera widersprechen aber dieser Darstellung. Wie einen Schwerverbrecher führen die Polizisten Dmytro in die Ernüchterungszelle: in Handschellen, die Hände nach hinten verdreht, den Kopf nach unten gedrückt – wie man es von Festnahmen gefährlicher Mafiosi kennt. Danach wird Dmytro bei jeder kleinsten Bewegung, die er im Vollrausch reflexartig macht, brutal "ruhiggestellt".

Zeitweise drücken ihn bis zu neun Personen gegen den Boden oder das Bett. Immer wieder wird er getreten, mit Fäusten geschlagen, mit Händen und einem Polizeiknüppel gewürgt. Doch plötzlich merken die Einsatzkräfte, dass etwas nicht stimmt – eine panikartige Reaktion folgt: Puls messen, in die Pupillen leuchten, Herzdruckmassage. Ein alarmiertes Rettungsteam setzt die Wiederbelebung fort – ohne Erfolg.

Auch Dmytro hinterlässt trauernde Angehörige. Für September war die Hochzeit mit seiner Freundin geplant. In Polen wollte er das Geld für ihr gemeinsames Haus verdienen – und fand stattdessen den Tod. Viele fragen sich, ob die Polizeibeamten glaubten, sich bei einem Ukrainer mehr herausnehmen zu dürfen.

Mauert die Polizei?

In allen drei Fällen fallen Ungereimtheiten zwischen der Darstellung der Polizei und den Aussagen der Angehörigen auf. Man kann den Eindruck gewinnen, dass Polizei und Staatsanwaltschaft eher an Vertuschung als Aufklärung interessiert sind. So wird die Bodycam-Aufnahme mit dem Einsatz bei Łukasz Łągiewka in einer zensierten Fassung präsentiert und mit Untertiteln, die die Beamten in gutem Licht erscheinen lassen sollen. Nur "ein paar Sekunden" am Ende, in denen Łukasz "beinahe nackt" zu sehen sei, habe man aus Pietätsgründen abgeschnitten, heißt es. Außerdem habe die Staatsanwaltschaft diesen Teil der Aufnahme gesperrt.

Journalisten fanden aber heraus, dass es mitnichten um "ein paar Sekunden" geht, sondern um fast eineinhalb Minuten, also einen erheblichen Teil der knapp fünfminütigen Aufnahme. Und es fehlen ausgerechnet diejenigen Szenen, die das brutale Vorgehen der Polizei belegen – mit verzweifelten Schreien der Angehörigen, etwa "Schlag ihn nicht!" oder "Nicht am Hals packen!".

Widersprüchliche Obduktionsberichte

Im Fall von Bartek Sokołowski gibt es wiederum Ungereimtheiten zwischen zwei Obduktionen – der ersten im Auftrag der Staatsanwaltschaft und einer zweiten im Auftrag der Familie. Während der offizielle Obduktionsbericht eine Überdosis Drogen als mögliche Todesursache nennt, ohne es definitiv zu bestätigen, enthüllt die zweite Sektion Spuren, die auf Erwürgen hindeuten: Kehlkopfverletzungen, Blut in Lunge und Bronchien sowie Gehirnveränderungen aufgrund von Sauerstoffmangel – allerdings ebenfalls ohne hundertprozentige Sicherheit; die von Polizei und Staatsanwaltschaft lancierte Drogenthese wird aber ausdrücklich ausgeschlossen.

Möglicherweise versuchten die Behörden, auch dem Ukrainer Dmytro Nikiforenko Drogenkonsum anzudichten. Das legen Aussagen seiner Cousine gegenüber Journalisten der "Gazeta Wyborcza" nahe: "Sie haben sich nur für eine Sache interessiert: ob er Drogen genommen hat. Ich hatte das Gefühl, dass ihnen sehr daran gelegen ist, dass es so wäre."

Zwei Polizisten im Streifendienst
Die Grundausbildung bei der polnischen Polizei wurde während der Pandemie drastisch verkürzt. Das hat offenbar Folgen: Beamte im Streifen- und Präventivdienst sind bei schwierigen Einsätzen offenbar überfordert. Bildrechte: imago images/NurPhoto

Schlecht geschulte Polizisten

Mit der Serie von Todesfällen beschäftigte sich vor kurzem der Innenausschuss des polnischen Parlaments. Erste Erkenntnis: Offenbar sind die Polizisten nicht ausreichend geschult. Diese Einschätzung stützen auch Aussagen von Polizisten und Ärzten, die sich zu den Fällen in der Presse geäußert haben.

Möglicherweise liegt es an mangelhafter Ausbildung. Ich bin der Meinung, dass Polizisten gegenwärtig auf schwierige Einsätze kaum vorbereitet werden.

Andrzej Matejuk, Polens Oberster Polizeipräsident von 2008 bis 2012 onet.pl

Viele erfahrene Polizisten haben sich pensionieren lassen – oder wurden nach dem Machtantritt der PiS zwangspensioniert. Somit fehlen erfahrene Kollegen, die komplizierte Einsätze leiten oder ihr Wissen an den Nachwuchs weitergeben können. Zudem wurde die – ohnehin knapp bemessene – Grundausbildung bei der Polizei in der Pandemie von 144 auf 64 Tage verkürzt. Kein Wunder, dass Polizisten oft gar nicht wissen, wie man mit psychisch labilen Menschen und Drogenkonsumenten umgeht. Es fehlt auch das Wissen, das manche Griffe, etwa am Hals, lebensgefährlich sein können.

Ein weiteres Problem: Es gibt zu wenig Bodycams – auf mehr als 60.000 Beamte im so genannten Präventivdienst, der Einsätze durchführt, entfielen im Jahr 2020 nur 1.000 Kameras. Und selbst diese wenigen werden von den Beamten oft ausgeschaltet – gerade bei Beschwerden heißt es oft, es gebe keine Aufnahmen, der Akku sei leer gewesen.

Polens Polizei verliert an Ansehen

Hinzu kommt schließlich, dass der Dienst bei der Polizei finanziell an Attraktivität verloren hat. Altgediente Polizisten berichten: Weil man die Reihen nicht füllen kann, nehme man inzwischen fast jeden – darunter Bewerber, die vor einigen Jahren bei den damals strengen Persönlichkeitstests durchgefallen wären. Gerade diese Tests siebten Bewerber aus, die zu übermäßiger Aggressivität neigten oder keinen kühlen Kopf bewahren konnten.

Durch die Brutalität der Polizei bei Antiregierungsdemos und durch die jüngsten Todesfälle ist das Ansehen der polnischen Polizei massiv gesunken. Der Leser einer polnischen Zeitung bringt es in seinem Leserbrief gut auf den Punkt: Inzwischen habe er Angst, wenn er Polizisten sehe. Sie könnten ihn schließlich ohne Grund festnehmen und misshandeln. Polizei, dein Freund und Helfer – in Polen gilt das immer weniger.

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Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell Radio | 27. November 2021 | 07:15 Uhr

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