Jury-Empfehlung Chemnitz im Freudentaumel - Sachsen-Metropole wird Kulturhauptstadt 2025

Jahrelang hat Chemnitz auf diesen Moment hingearbeitet - am Mittwoch war es soweit: Sachsens drittgrößte Stadt setzt sich gegen seine Mitbewerber durch und wird Kulturhauptstadt Europas 2025. Es gab lautstarken Jubel und Freudentränen.

Barbara Ludwig (SPD), Oberbürgermeisterin von Chemnitz, jubelt nach der Bekanntgabe der europäischen Kulturhauptstadt.
Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig ist überwältigt - die Mühen der vergangenen Jahre wurden nun belohnt. Bildrechte: dpa

Chemnitz soll Deutschland als Europäische Kulturhauptstadt 2025 vertreten. Eine entsprechende Empfehlung verkündete die europäische Auswahljury am Mittwoch in Berlin. Chemnitz setzte sich damit in der Endrunde gegen die weiteren Bewerber Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg durch.

Kulturhauptstadt Chemnitz
Am Mittwochabend wurde mit einem Feuerwerk auf dem Theaterplatz gefeiert. Zudem traten ein Chor sowie Tänzer und Musiker der Oper auf. Es erklang Beethovens "Ode an die Freude". Bildrechte: Harry Härtel

Ludwig: Chemnitz kann vielfältige Stadtgemeinschaft zeigen

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig zeigte sich im Interview unmittelbar nach der Entscheidung total überwältigt. "Dieser Titel ist für Chemnitz die große Chance, viel zu geben und viel zu bekommen", erklärte die scheidende Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig nach der Bekanntgabe. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang an die rechtsextremen Demonstrationen und Ausschreitungen, die die Stadt im August 2018 international in die Schlagzeilen gebracht hatten. Chemnitz könne durch den Titel zeigen, dass es nicht nur für "Bilder von Nazi-Aufmärschen" stehe, sondern "eine aktive, vielfältige Stadtgesellschaft im internationalen Austausch" sei, betonte Ludwig. "Der Titel wird der Stadt einen Schub geben."

Wir sind glücklich und überwältigt. Das wird der Stadt so gut tun.

Barbara Ludwig Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz

Jury-Vorsitzende Sylvia Amann: Europa braucht gerade jetzt Solidarität

Die Entscheidung wurde per Livestream auf einer Pressekonferenz der Kulturstiftung der Länder übertragen. In Chemnitz verfolgten Verantwortliche und Kulturschaffende die Entscheidung bei einem Public Viewing in der Stadthalle und im Kraftverkehr Chemnitz. Die Anspannung war deutlich spürbar, bis die Vorsitzende der Jury, Sylvia Amann, den Zettel mit der Aufschrift "Chemnitz" in die Kamera hielt. In Chemnitz brach lautstarker Jubel aus. Den Beteiligten standen Freudentränen in den Augen. In den Armen liegen konnte sich aufgrund der Corona-Regeln leider niemand.

Die Jury-Vorsitzende Sylvia Amann forderte Chemnitz und auch die unterlegenen Bewerber auf, Kunst und Kultur in den Mittelpunkt zu stellen und als Teil der Lösung der aktuellen Probleme zu verstehen. "Europa braucht jetzt mehr denn je ein Klima der Offenheit und der Solidarität", sagte Amann. Kunst, Kultur und das Engagement auf städtischer Ebene könnten dies leisten.

20 Millionen Euro vom Freistaat

Bewertet wurden die Kandidaten anhand der 100-seitigen Bewerbungsbücher, der digitalen Stadtbesuche und der finalen digitalen Präsentationen der Städte. Der Titel Kulturhauptstadt ist zugleich ein großes Konjunkturprogramm für Stadt und Region. Der Freistaat Sachsen wird der Stadt Chemnitz bis 2025 insgesamt 20 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

Kretschmer: Macher-Mentalität der Chemnitzer war mitentscheidend

Als einer der ersten gratulierte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Der Titel sei für Chemnitz eine große Chance, sichtbarer und Impulsgeber zu werden. "Denn Chemnitz steht auch dafür, wie wichtig es ist, die Gefahr von Spaltungen zu überwinden und aktiv für unsere europäischen Werte und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzutreten", sagte Kretschmer.

Ich freue mich riesig für diese wunderbare Stadt und die hier lebenden Menschen. Ich bin mir sicher: Die Macher-Mentalität der Chemnitzer war mitentscheidend dafür, dass es am Ende geklappt hat.

Michael Kretschmer Ministerpräsident von Sachsen

Klepsch: Lichtblick in schwierigen Zeiten

Barbara Klepsch, Ministerin für Wissenschaft, Kultur und Tourismus.
Barbara Klepsch Bildrechte: Barbara Klepsch

Die sächsische Kulturministerin Barbara Klepsch sieht im Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 für Chemnitz eine Riesenchance für ganz Sachsen. "Nicht nur die Stadt Chemnitz ist glücklich, sondern der gesamte Freistaat ist glücklich, die Region ist glücklich", sagte Klepsch nach der Bekanntgabe der Entscheidung, die sie gemeinsam mit der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig per Livestream in der Stadthalle verfolgt hatte.

Der Titel sei gerade in einer für Kunst- und Kulturschaffende schwierigen Zeit ein Lichtblick. Zugleich betonte sie, dass die Landesregierung ihre 20-Millionen-Zusage einhalten werde.

Kulturhauptstadt Europa 2025 Zeitgleich mit Slowenien ist Deutschland berechtigt, für das Jahr 2025 eine Europäische Kulturhauptstadt zu bestimmen. In Slowenien ist unter anderem noch Ljubljana, die Partnerstadt von Chemnitz, im Rennen. Die Entscheidung soll im Dezember verkündet werden.

Am Mittwoch hat die Jury Chemnitz für die Ernennung zur deutschen "Kulturhauptstadt Europas 2025" empfohlen. Die Empfehlung der Jury muss von Bund und Ländern noch in eine formelle Ernennung umgewandelt werden.

Jüngste Europäische Kulturhauptstadt aus Deutschland war Essen mit
dem Ruhrgebiet (2010). Ausgezeichnet wurden davor auch schon Weimar (1999) und West-Berlin (1988).

12 Kommentare

Martin H vor 5 Wochen

Ein sehr guter Tag für die Region Chemnitz. Meinen Glückwunsch an alle, die sich engagiert haben und dies noch tun werden. Kunst ist halt so eine Sache... irgendwie ist alles Kunst oder eben nix, je nachdem was einem gefällt. Und Chemnitz hat eigentlich eine ganze Menge von beiden. Vielleicht nicht alles im Stadtzentrum, wie sonst üblich aber das liegt nur bedingt an den Menschen die gerade hier leben.
Werbung macht die DB zwar in der Stadt für ihr tolles Unternehmen aber leider fährt seit Jahren kein Zug mehr von denen hier am Hbf außer die Erzgebirgsbahn nach Cranzahl oder Olbernhau. Außerdem verstehen die nicht einmal warum sie einen Tunnel zum Bahnsteig braucht, deswegen musste die Stadt auch den Tunnel in Richtung Sonnenberg bauen.
Vielleicht ist aber auch die Freude nach außen nicht so groß, weil man in Chemnitz eher mit einer Absage gerechnet hat. Jeder normale Chemnitzer wird sich aber freuen und vermeintlich schon am Programm basteln... hoffentlich :-)

T.S. vor 5 Wochen

Da Frau Ludwig ,wie nicht anders zu erwarten, sich wieder auf die "Ereignisse" von 2018 beziehen muss und diese aus ihrem Zusammenhang reißt ,muss hier nochmal darauf hingewiesen werden, dass den Ereignissen ein Tötungsdelikt vorausgegangen war. Einer der Täter ist immer noch auf der Flucht und somit weiterhin eine Gefahr für Andere.
Der überwiegende Teil der Menschen die damals auf der Straße waren sind Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt,die ihre Anteilnahme und Angst zum Ausdruck bringen wollten.
Gruppierungen,die diese Tat für sich und ihre Zwecke benutzten gab es unbestritten.
Diese Zusammenhänge auseinanderzureisen und politisch zu missbrauchen steht auch einer Bürgermeisterin nicht zu.
In Anbetracht vieler und nicht zuletzt der aktuellen Ereignisse in Paris und Nizza ziehe ich den Hut vor den Menschen,die damals wegen der"Sache" und unpolitisch auf der Straße waren.
Ich hoffe,die neue gewählte Stadtführung nimmt sich aller Probleme dieser Stadt an. Für ein friedliches Chemnitz

AufmerksamerBeobachter vor 5 Wochen

Man sollte vlt. mal daraufhinweisen, das es nicht um den Anschluß, sondern um die WIEDERaufnahme des Fernverkehrs geht!! Bis 92 hielten in Chemnitz Dutzende Fernzuege pro Tag (München, Aachen,Duesseldorf, Berlin, Warschau, Rostock, Goerlitz etc).

Es gibt jetzt keine Ausreden mehr, den Flughafen wird man wohl nicht wieder aufmachen, aber vlt bringt es ja die Mitte-Dtl-Verbindung voran. Haupthindernis ist zwar dort die Elektrifizierung, aber Berlin via DD ist ICE tauglich gebaut und koennte auch sofort elektrisch ueber Riesa/Elsterwerda oder Jueterbog gefahren werden. Ein Boost fuer einen Vollausbau nach Leipzig waere auch faellig. Man wird Niemandem verkaufen koennen, 2025 in Hof, Elsterwerda oder Goessnitz umzusteigen und mit einem Regionalbahngezuckel in die Kulturhauptstadt anzureisen!!

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