Weimar Entdeckter zweiter Stollen in Steinbruch von KZ Buchenwald ebenfalls leer

Im Steinbruch des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar ist ein zweiter, bislang verborgener Stollen entdeckt worden. Der Zugang zu dem unterirdischen Hohlraum ist bei wissenschaftlichen Untersuchungen auf dem Areal am Montag freigelegt worden. Der Stollen sei innen gut ausgebaut, aber leer, teilte ein Expertenteam nach einer Begehung am Dienstag mit. Der nun entdeckte Stollen befindet sich am Ostrand des Steinbruch-Areals.

Dr. Karin Sczech vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und ein Vertreter der Firma Taubert Kampfmittelbeseitigung stehen in einem im Steinbruch des KZ Buchenwald entdeckten Stollen
Archäologin Karin Sczech und ein Experte vom Kampfmittelräumdienst im Inneren des entdeckten Stollens. Bildrechte: MDR/Holger John

Der Stollen habe zwei Zugänge und sei im Inneren mit Mauerwerk gut ausgebaut, hieß es weiter. Außerdem verfüge er über einen größeren Raum, der allerdings dem Anschein nach nicht fertiggestellt worden sei. In dem Stollen seien keine Gegenstände oder Einbauten entdeckt worden.

Beim Freilegen des offenbar zugesprengten Stollens waren am Dienstag weitere Gegenstände geborgen worden, darunter Teile einer Lore. Eine Lore ist ein kleiner Wagen, mit dem Gestein oder Erz in Bergwerken transportiert wird. In Berichten über den Steinbruch des KZs Buchenwald heißt es, dass die Häftlinge mit solchen kleinen Loren unter anderem das im Steinbruch gewonnene Material abtransportieren mussten.

Erster Stollen war möglicherweise Luftschutzbunker

Ralph Haase betrachtet das Fahrgestell einer Lore, das in einer Baggerschaufel liegt.
Beim Freilegen des zweiten Stollens wurden auch Reste einer Lore geborgen, mit der Gestein transportiert wurde. Bildrechte: MDR/Holger John

In einem benachbarten Hang am Nordrand des Areals war bereits am 2. Oktober ein etwa zehn bis 15 Meter langer unterirdischer Stollen entdeckt worden. Dieser wurde s-förmig in den Berg getrieben, was eine mögliche geplante Nutzung als Luftschutzbunker vermuten lässt. Welchem Zweck der nun entdeckte weitere Stollen diente, ist noch unklar.

Die Stollen waren in der Endphase des Konzentrationslagers Buchenwald im Frühjahr 1945 im Steinbruch angelegt worden. Die SS hatte sie von Häftlingen des KZ graben lassen. Die US-Armee hatte nach der Befreiung des Lagers im April 1945 zwei dieser Stollen geöffnet und darin tonnenweise Raubgut der SS geborgen, das unter anderem aus dem Vernichtungslager Auschwitz stammte.

Luftaufnahme des Steinbruchs von Buchenwald vom 07.10.2019.
Blick auf das Areal des Steinbruchs: Die Grabungsstelle rechts zeigt den Ort des zweiten, am 7.10. entdeckten Stollens. Links daneben ist der schon am 2.10. entdeckte Stollen zu erkennen. Bildrechte: MDR/Holger John

Am 1. Oktober war unter fachlicher Verantwortung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie und der KZ-Gedenkstätte Buchenwald ein wissenschaftliches Projekt im Steinbruch von Buchenwald begonnen worden. Es soll Klarheit über mutmaßliche, künstlich angelegte unterirdische Hohlräume bringen. Das Projekt wird vom MDR begleitet.

Der Kustos der Stiftung KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, der Historiker Harry Stein, sagte MDR KULTUR am Montag, dass die beiden Stollen gefunden wurden, sei sensationell. "Das bedeutet zunächst, dass die Indizien alle so gut waren, dass man Stollen gefunden hat." Hier sei "nicht nur Spekulationen oder irgendwelchen Vermutungen" nachgelaufen worden. Stiftungsdirektor Volkhard Knigge sagte dem MDR, er freue sich, "dass das alles auf sehr solide und sachliche Weise gelaufen ist, und dass jetzt hier noch mal Zeugniswerte zu Tage kommen, mit denen wir dann auch museologisch und pädagogisch möglicherweise weiterarbeiten können".

Bilder von der Entdeckung des zweiten Stollens

Luftaufnahme des Steinbruchs von Buchenwald vom 07.10.2019.
Das Luftbild zeigt das Areal des Steinbruchs am 7. Oktober: Links der am 2.10. entdeckte Stollen, rechts die am 7. Oktober begonnene Grabungsstelle. Bildrechte: MDR/Holger John
Luftaufnahme des Steinbruchs von Buchenwald vom 07.10.2019.
Das Luftbild zeigt das Areal des Steinbruchs am 7. Oktober: Links der am 2.10. entdeckte Stollen, rechts die am 7. Oktober begonnene Grabungsstelle. Bildrechte: MDR/Holger John
Weiterer Stollen im Steinbruch von ehemaligem KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar entdeckt (Entdeckung am 07.10.19)
Nach einigen Stunden werden die Experten fündig: eine Öffnung tut sich auf. Bergbauingenieur Ralph Haase legt sie vorsichtig frei, unter den aufmerksamen Blicken des Experten vom Kampfmittelräumdienst. Bildrechte: MDR/Holger John
Weiterer Stollen im Steinbruch von ehemaligem KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar entdeckt (Entdeckung am 07.10.19)
Klar zu erkennen ist ein Stahlträger, der offenbar den Eingang zum Stollen abstützt. Bildrechte: MDR/Holger John
Mundoch eines am 07.10.2019 im Steinbruch des KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar entdeckten Stollens
Wie es im Inneren aussieht, ist jetzt, kurz nach der Entdeckung noch unklar. Bildrechte: MDR/Holger John
Ralph Haase von der MMG Mitteldeutsche Montan-GmbH untersucht das Mundloch eines am 7.10.2019 im Steinbruch des ehemaligen KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar entdeckten Stollens.
Ralph Haase leuchtet hinein. Bildrechte: MDR/Holger John
Weiterer Stollen im Steinbruch von ehemaligem KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar entdeckt (Entdeckung am 07.10.19)
Zu erkennen ist eine gemauerte Wand. Offenbar ist der Ausbau dieses Stollens damals weiter vorangeschritten als der des zuvor entdeckten Stollens. Bildrechte: MDR/Holger John
Dr. Karin Sczech vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie im Steinbruch von ehemaligem KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar nach der Entdeckung eines weiteren Stollens am 07.10.19
Sichtlich zufrieden über den neuen Fund: Archäologin Dr. Karin Sczech Bildrechte: MDR/Holger John
Prof. Dr. Volkhard Knigge im Steinbruch des ehemaligen KZ Buchenwald nach der Entdeckung eines weiteren Stollens am 07.10.19
Macht sich ein Bild vor Ort: Prof. Dr. Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Bildrechte: MDR/Holger John
Zwei Männer stehen vor einem rostigen Fahrgestell einer Lore, das aus dem Erdreich im Steinbruch des KZ Buchenwald ragt.
Im Erdreich wird am folgenden Tag ein großer Metallgegenstand sichtbar: Er entpuppt sich als Teil einer Lore. Bildrechte: MDR/Holger John
Ralph Haase betrachtet das Fahrgestell einer Lore, das in einer Baggerschaufel liegt.
Ralph Haase schaut genauer hin. Bildrechte: MDR/Holger John
Drei Personen stehen vor einem Hang im Steinbruch des KZ Buchenwald, aus dem ein Metallrahmen ragt.
Das nächste Teil kommt zum Vorschein: ein Gestell aus Metall. Bildrechte: MDR/Holger John
Ralph Haase befestigt einen Tragegurt an einem Metallgestell
Das Teil entpuppt sich als Rahmen einer Lore, wie Ralph Haase feststellt. Solche auf Schienen rollenden Loren wurden dazu verwendet, Gestein zu transportieren. Bildrechte: MDR/Holger John
Ein Bagger hebt das rostige Fahrgestell einer Lore im Steinbruch des KZ Buchenwald an.
Das Gestell wird vorsichtig angehoben... Bildrechte: MDR/Holger John
Auf dem Areal des Steinbruchs des KZ Buchenwald liegen rostige Metallteile, mehrere Personen stehen daneben.
... und bei den anderen Fundstücken deponiert. Bildrechte: MDR/Holger John
Zwei Männer ziehen ein Metallblech aus einer Baggerschaufel
Das nächste Fundstück: ein großes Blech Bildrechte: MDR/Holger John
Verrostetes und teilweise lesbares Schild mit einer Gebrausanweisung für ein technisches Gerät
Offenbar handelt es sich um ein Teil eines technischen Gerätes, die Betriebsanleitung ist noch teilweise lesbar. Bildrechte: MDR/Holger John
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 08. Oktober 2019 | 05:00 Uhr

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2019, 20:22 Uhr

1 Kommentar

hoehlenolm vor 6 Wochen

Da diese Stollen bekanntlich schon 1945 von den Amerikanischen Truppen ausgeräumt wurden, war nicht zu erwarten, dass heute noch/wieder etwas zu finden oder zu bergen war.
Wieso öffnet man nicht die schon 1994 gemessenen und dokumentierten Stollen, zu denen die Akten incl. bemaßten Skizzen seit 25 Jahren in der Gedenkstättenleitung liegen.

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