"Angst essen Seele auf" am Schauspiel Leipzig
"Angst essen Seele auf" zeigt eine Welt voller Eitelkeiten, in der für eine ungewöhnliche Liebe kein Platz zu sein scheint. Bildrechte: Rolf Arnold

Schauspiel Leipzig "Angst essen Seele auf" ist kluges, politisches Theater

Der Film "Angst essen Seele" von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974 wird seit ein paar Jahren gerne als Theaterstück gespielt, scheint die Geschichte doch aktueller denn je. Die Liebe zwischen einer Deutschen und einem Marokkaner findet sich in der Inszenierung von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig in einer Welt voller Hass und Eitelkeiten wieder.

von MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky

"Angst essen Seele auf" am Schauspiel Leipzig
"Angst essen Seele auf" zeigt eine Welt voller Eitelkeiten, in der für eine ungewöhnliche Liebe kein Platz zu sein scheint. Bildrechte: Rolf Arnold

Im Film ist es eine Liebesgeschichte der doppelten Ungleichheit. Auf der einen Seite haben wir Emmi, Witwe, kurz über 60, die als Putzfrau arbeitet. Morgens putzt sie die Büros in der Stadt. In München, um genau zu sein. Und dann noch mal am Abend nach Büroschluss. Zwischendrin arbeitet sie auch noch für private Kunden, um den Lohn aufzubessern. Als sie eines Abends von der Arbeit kommt, kommt sie an einer orientalischen Bar vorbei. Weil es regnet, geht sie rein, bestellt eine Cola, und wird von einem jungen Marokkaner zum Tanzen aufgefordert. Es ist Salem, gut 20 Jahre jünger, ein Gastarbeiter. Sie kommen ins Gespräch. Er bringt sie nach Hause. Sie verlieben sich. Und dann kommt die Gesellschaft ins Spiel: Sie ist alt, er ist jung und dazu noch Ausländer, das geht doch nicht! Große Empörung. Emmis Kinder erklären die Mutter für verrückt, ebenso die Arbeitskolleginnen. Beim Einkaufen im kleinen Eckladen wird Salem nicht bedient. Der Vermieter will Salem, den Untermieter, rauswerfen. Emmi und Salem heiraten, fliehen – vielleicht ist die Flucht auch eine Hochzeitsreise. Zurückgekehrt entspannt sich die gesellschaftliche Situation. Stattdessen tauchen jetzt Beziehungsprobleme auf: der Altersunterschied einerseits; die unterschiedlichen Kulturen andererseits: Schweinshaxe oder Couscous? Am Ende raufen sich beide zusammen. Aber Salem bekommt ein Magengeschwür. Hier ist der Film zu Ende. Ein offenes Ende also. Wie es weitergeht, das bleibt dem Zuschauer überlassen.

Die Liebe zwischen einer Frau von hier und einem Fremden

"Angst essen Seele auf" am Schauspiel Leipzig
Roman Kanonik als Salem und Bettina Schmidt als Emmi Bildrechte: Rolf Arnold

Regisseur Nuran David Calis setzt diese Handlung auf der Leipziger Schauspielbühne nah am Drehbuch um. Holt sie ins heutige München. Eine weitere Änderung: Am Ende liegt Salem wie tot auf dem Boden. Bleibt gewissermaßen auf der Strecke. Die größte Änderung ist aber, dass Emmi und Salem praktisch gleich alt sind. Dadurch entfällt die Hälfte des gesellschaftlichen Tabus: dass eine alte Frau keinen jungen Mann haben darf. So bleibt nur die Liebe zwischen einer Frau von hier und einem Fremden. Und auch das nivelliert der Regisseur im Kostüm der beiden. Beide sind kaum zu unterscheiden; tragen ganz normale Alltagsklamotten.

Auf der anderen Seite zeigt der Regisseur dann aber die Gesellschaft in die Groteske verzerrt. Alle spritzen sich die Lippen auf, färben Haare blond, kleiden sich schrill mit Goldkettchen, und sehen aus wie Hähnchen vom Grill vom ewigen Solarium. Angesagt ist auch Brustvergrößerung bis jenseits der Porno-Norm. Sozusagen: das Prekariat forever young. Das erinnert – der Klassiker – an das Bild "Stützen der Gesellschaft" von Georg Grosz.

Es zeigt auch eine völlig deformierte Gesellschaft: Was als Gruselkabinett der Eitelkeiten beginnt, ist am Ende nur noch ein Haufen Zombies!

MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky

Das ist die Aussage hier. Sie bleibt dabei aber nicht stehen: Diese Zombies – und jetzt setzen wir uns mal die marxistische Brille auf – versuchen aus ihrer prekären Lage herauszukommen. Machen aber keine Revolution gegen die Vorbilder, die Schickimickis da oben, sondern richten ihren Frust gegen diejenigen, die noch tiefer stehen: Salem – und eben Emmi, weil die sich mit ihm einlässt.

Ein Laufsteg für Hass und Eitelkeiten

Die ganze Welt ist nur noch ein Laufsteg für den Hass und die Eitelkeiten dieser Zombies. Und die Bühne sieht auch tatsächlich wie ein Laufsteg aus: klinisch weiß und glattpoliert. Emmi und Salem drücken sich hier meist nur an den Wänden entlang, suchen Halt, denn es ist nicht mehr ihre Welt. Unterm Strich: fremd ist hier nicht Salem aus Marokko; fremd bzw. entfremdet ist hier eine – ich abstrahiere von München – deutsche Mittelstandsgesellschaft, die immer prekärer lebt. Und sich immer mehr in Traumwelten flüchtet, die die Welt der Reichen und Schönen imitiert. Es sind Leute, die Angst haben, ihr Geld zu verlieren. Angst auch vor dem Tod. Angst, dass nicht alles so bleibt wie es ist. Auf der Suche nach einem Deutschland, in dem man gut und gern gelebt hat. Zumindest in der Verklärung. Folgerichtig sprechen diese Zombies auch nicht mehr; es plappert nur noch aus Ihnen.

"Angst essen Seele auf" am Schauspiel Leipzig
In ihrem Hass zeigen die Menschen ihr hässliches Gesicht und werden regelrecht zu Zombies. Bildrechte: Rolf Arnold

Zombies der Angst

Angst essen Seele auf, dieser titelgebende Satz, den Salem im Film zu Emmi sagt, bekommt in dieser Inszenierung eine neue Bedeutung. Kurz zur Erinnerung. Im Film ist es so: Emmi ist glücklich verliebt und weint. Warum, fragt Salem. Und Emmi antwortet: Ich habe Angst. Und dann sagt Salem diesen Satz: "Angst essen Seele auf".

Hier in dieser Inszenierung hat die Angst vor der Veränderung an den Seelen der anderen genagt. Immer weiter. Pathetisch gesprochen: Die Deutsche Seele ist jetzt tot!

MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky

Deswegen sind wir nur noch Zombies. Und wenn wir auf den bayerischen Vorwahlkampf gucken, und damit wieder nach München, und sehen, was Ministerpräsident Söder gerade so veranstaltet, um den Zombies gewissermaßen nach dem Mund zu reden: dann haben wir hier in Leipzig eine der aktuellsten, klügsten, politischen Inszenierungen, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.

Die nächsten Vorstellungstermine am Schauspiel Leipzig Sa, 26.05.2018, 19:30 Uhr
Do, 31.05.2018, 19:30 Uhr
So, 10.06.2018, 16:00 Uhr
Fr, 22.06.2018, 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2018 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2018, 13:07 Uhr

Aktuelle Bühnenempfehlungen

Szene aus dem Theaterstück 'Wilhelm Tell' am DNT Weimar
Rütli-Schwur auf offener Bühne und vor historischer Szene, der Verfassungsgebenden Versammlung im DNT im Februar 1919 Bildrechte: Deutsches Nationaltheater Weimar / Candy Welz