Buch der Woche | Alex Capus: "Das Leben ist gut" Im Inneren des Stierkopfes

Tina fährt. Nach 25 Jahren Ehe ist der Kneipier und Dichter Max mit den drei Söhnen zum ersten Mal auf sich gestellt. Das Vermessen des Vermissens beginnt. Eine Liebesgeschichte? Ja. Eine Kneipengeschichte? Auch. Aber der neue Roman des Schweizer Autors Alex Capus ist vor allem ein Buch über das Entstehen und Erzählen von Geschichten. Zwischen unterhaltsame Anekdoten, mit leicht kühnem Strich geworfen, aquarelliert er lebenskluge Worte.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Auf Seite zehn steht er schon. Dieser Capus-Satz. Einer dieser Sätze, die präzis und schön eine opake Atmosphäre einfangen, und mit denen – im besten Sinne – alles über eine Situation gesagt ist. "Vertraut und doch scheu sitzen wir beieinander, meine Söhne und ich. Sohnesscheu und vaterscheu." Der Ich-Erzähler Max beobachtet seine drei Sprosse, der jüngste ist 13, beim gemeinsamen Frühstück. Es ist nicht nur ein sohnesscheues und vaterscheues Frühstück, es ist auch ein muttereinsames. Denn Tina ist für eine Gastprofessur an die Pariser Sorbonne gefahren, zum ersten Mal, zukünftig wird sie von Montagmorgens bis Donnerstagabends nicht im kleinen Schweizer Städtchen sein, in dem ihr Mann die "Sevilla-Bar" betreibt und ihre halbwüchsigen Söhne sich durch die Schule lernen.

Dem Leben Schönheit einhauchen

Max bringt erstmal das Altglas zum Container, zuckelt seinen Handwagen übers Pflaster und sinniert seinen Berufen hinterher. Kneipier ist er gern, seine Bar ein etwas in die Jahre gekommenes Schmuckstück und Treffpunkt sehr unterschiedlicher Gäste. Schriftsteller ist Max nicht immer gern, denn, wie er sagt: es gibt ja eigentlich schon genug Bücher. Also erstmal Altglas entsorgen. Dabei über das Städtchen erzählen, über seine Ehe, über sein Leben... und en passant genau das machen, was ihm die Alternative zum Schreiben scheint: dem Leben selbst Schönheit einhauchen, denn es ist ein gutes.

Geschichten im Schmetterlingskasten

Alex Capus: Das Leben ist gut
Bildrechte: Hanser-Verlag

Dieser narrative Dreh, der bis in den Titel des Romans leuchtet, erhellt das ganze Buch: Capus erzählt die Geschichte eines Schriftstellers, der nicht schreibt, der seinem Alltag nachgeht, die Getränkebestände auffüllt, das Rollgitter um 17 Uhr hochzieht, bis halb eins hinterm Tresen steht - den aber doch die Geschichten wie die Motten umflattern und der sie ganz beiläufig keschert, sie aufpinnt und in einen gut gefüllten Schmetterlingskasten setzt. Seine Geschichtenfalle ist die "Sevilla-Bar", in die fliegen etwa die Freunde Toni und Tom ein, das schräge Pärchen aus einem ehemaligen Lehrer und einem Cowboyhutträger aus Everglades City. In die tappen zwei spröde junge Frauen, die bei einer einzigen Tasse Früchtetee stundenlang aufeinander einreden und dabei Zuckertütchen und Bierdeckel zerfetzen. Und in die "Sevilla-Bar" kommen auch Menschen, mit denen der Ich-Erzähler eine lange Zeit schon verbunden ist.

Ein Mann von einem Mann

So wie Miguel, der schöne Spanier, "ein Mann von einem Mann", der Max gern auf innig-iberische Art umarmt und einst den legendären "Toro", also einen ausgestopften Stierkopf aus Barcelona geholt und zur Wiedereröffnung der Bar feierlich hoch über dem Tresen angebracht hat. Um den Toro, diesen "Stier von einem Stier" geht es immer wieder in diesem Roman, denn Miguel braucht Geld, will das stolze Maskottchen verkaufen. Max (ein Kneipier von einem Kneipier) sorgt kurzerhand für Ersatz, was die Freundschaft vorübergehend lädiert. Bis Max unter den schönen schwarzen Argusaugen des Spaniers einen "korrekten Carajillo", also einen Espresso mit Brandy und allerlei Feuerzauber zubereitet und ihm serviert. Nach dem ersten Schluck entschuldigt sich Miguel, das rote Tuch ist aus der Arena, die beiden alten Freunde schon wieder im leicht amüsierten Gespräch unter dem neuen Stierkopf.

Brillanter Biograf

Die vielen Gäste, mit deren Geschichte Max entweder vertraut ist oder an denen er seine Beobachtungsgabe probiert, der Grundton der Liebesgeschichte um die in Paris weilende Ehefrau, oder auch die zwei konsistenteren Erzählungen um Tom und Toni und um Miguel, die im Roman immer wieder auftauchen: Was vordergründig wie eine Anekdotensammlung daherkommt entpuppt sich als Variation über ein gutes Leben und seine Zutaten. Welcher der Gäste führt ein gutes Leben? Und was ist das überhaupt? Mit dieser Frage ist sich der Autor selbst auf der Spur – denn Alex Capus gilt als brillanter Biograph, eine Fähigkeit, die er in Romanen wie "Fast ein bisschen Frühling“ oder "Léon und Louise“ genau wie in seinen Porträtsammlungen und Kurzgeschichten nun seit über zwei Jahrzehnte lang perfektioniert. In knappen kühnen Strichen zeichnet er Lebensläufe, dazwischen Sätze wie Farbtupfer auf nassem Papier, die in ihren Dimensionen plötzlich aufgehen wie aquarellierte Sterne.

Wahrheit? Dichtung? Es gibt keinen Unterschied

Herr dieser Sätze ist der Ich-Erzähler Max, der immer wieder in eleganter Manier vom Beobachter zum Phantasten wird. Innerhalb der Fiktionen driftet er in Fiktionen, plötzlich ist er Wüstenreisender, plötzlich weiß er, was mit dem alten Stierkopf in einigen Jahrzehnten passiert, sieht Lieben und Sterben voraus, ein sanfter Allwissender. Dem man sogar Sätze abnimmt, die nicht jeder Erzähler souverän nach Hause bringen würde – etwa diesen, den er mit Blick auf seine Trinker-Stammgäste äußert:

So schlägt jeder auf seine Art die Zeit tot, bis sie ihn totschlägt.

Ich-Erzähler Max im Roman "Das Leben ist gut" von Alex Capus

Alex Capus selbst könnte diesen Satz angesichts seiner Gäste gedacht haben. Er lebt in dem kleinen Schweizer Städtchen Olten, betreibt dort die Galicia Bar, und ja – auch in der hängt ein großer schwarzer Stierkopf über dem Flaschenregal. Ein bisschen Wahrheit, viel Dichtung. Wer weiß. Lässt sich doch eins vom anderen nicht unterscheiden. Weshalb auch.

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2016, 14:20 Uhr

Angaben zum Buch Alex Capus: "Das Leben ist gut"

Alex Capus: "Das Leben ist gut"

erschienen bei Hanser 2016
238 Seiten
20 Euro
ISBN-13: 9783446252677