Das undatierte Archivbild zeigt den deutschen Dichter und Dramatiker Georg Büchner, der am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren und am 19. Februar 1837 in Zürich gestorben ist.
Der deutsche Dichter und Dramatiker Georg Büchner Bildrechte: dpa

Klassikerlesung Georg Büchner: Briefwechsel

Vor 205 Jahren, am 17. Oktober 1813, wurde Georg Büchner geboren. Er war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Naturforscher, Mediziner und Revolutionär. Dabei wurde er nur 23 Jahre alt. Mit seinen Dramen wie "Woyzeck" und "Dantons Tod" hat er Generationen von Künstlern beeinflusst. In der Klassikerlesung widmen wir uns seinem Briefwechsel. Die wenigen erhalten gebliebenen Korrespondenzen mit Familie, Freunden und Weggenossen geben Einblick in Büchners Welt.

Das undatierte Archivbild zeigt den deutschen Dichter und Dramatiker Georg Büchner, der am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren und am 19. Februar 1837 in Zürich gestorben ist.
Der deutsche Dichter und Dramatiker Georg Büchner Bildrechte: dpa

Georg Büchner waren nur wenige Jahre produktiver Arbeit vergönnt. Als er mit 23 Jahren starb, hatte er bereits sein Medizinstudium beendet, seine Dissertation veröffentlicht und war im Begriff, eine wissenschaftliche Karriere zu beginnen. In nur drei Jahren verfasste er sein Œuvre, die Dramen "Dantons Tod" und "Woyzeck", das Lustspiel "Leonce und Lena" und die Erzählung "Lenz".

Wer war der junge Dichter, der in so kurzer Zeit ein so vielschichtiges und eindringliches Werk schaffen konnte? Nur wenig ist von dem jung Verstorbenen überliefert. Auch ein Großteil seiner Korrespondenz ist 1851 bei einem Brand im Darmstädter Büchner-Haus vernichtet worden. Die erhaltenen Briefe aber sind eine wichtige Quelle zum Verständnis von Autor und Werk. Sie enthalten wesentliche Selbstaussagen Georg Büchners, etwa in seinem berühmten "Fatalismusbrief", vermitteln ein Bild seiner unmittelbaren Umgebung und der politisch-gesellschaftlichen Situation seiner Zeit.

Restauration und Aufbruch

Georg Büchner kommt am Oktober 1813, dem zweiten Tag der Völkerschlacht bei Leipzig, in der Nähe von Darmstadt zur Welt. Er wird mitten hineingeboren in die Phase der Restauration nach der Niederlage Napoleons. Deutschland bleibt weiterhin in Kleinstaaten zersplittert. Die Karlsbader Beschlüsse etablieren ein rigides System der Zensur und Überwachung, nationale und liberale Bestrebungen werden massiv unterdrückt.

Die Pariser Juli-Revolution von 1830 gibt den demokratischen Bewegungen in Europa wieder Auftrieb. Im November 1831 geht Büchner zum Medizinstudium ins liberale Straßburg. Hier hat er erstmals Kontakt zu politisch aktiven Gruppen und befasste sich mit sozialrevolutionären Ideen. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten erhaltenen Briefe Büchners. Nach einem Besuch in Darmstadt schreibt er an seinen Freund Adolph Stöber:

Die teutsche nasskalte Holländeratmosphäre ist mir zuwider, die französische Gewitterluft ist mir lieber.

Georg Büchner An Adolph Stöber, Straßburg, den 3. November 1832

Nach 1830 kommt es auch in Deutschland verstärkt zu revolutionären Umtrieben. Im Mai 1832 versammeln sich 20.000 Menschen beim Hambacher Fest, sie fordern Freiheit, nationale Einheit und Volkssouveränität. Im Frühjahr 1833 stürmen radikale Studenten die Hauptwache und die Konstablerwache in Frankfurt am Main, um eine Volkserhebung auszulösen. Nach der Niederschlagung der Revolte schreibt Büchner an seine Eltern:

Man wirft unseren jungen Leuten Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, dass wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde.

Georg Büchner Brief an die Familie, Straßburg, den 5. April 1833

Der junge Medizinstudent bekennt sich zur revolutionären Gewalt, glaubte aber, dass das Volk für einen bewaffneten Kampf noch nicht bereit sei.

Aufruf zum Umsturz

Im Herbst 1833 muss Büchner an die Universität Gießen wechseln, da die Landesgesetzte mehr als zwei Jahre Auslandsstudium nicht erlauben. Er leidet unter der Enge der Stadt und der Trennung von seiner Verlobten, der Pfarrerstochter Wilhemine Jaeglé, die er in Straßburg kennengelernt hat. An seinen Freund August Stöber schreibt er:

Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen.

Georg Büchner An August Stöber Darmstadt, den 9. Dezember 1833

Anfang 1834 lernt Büchner den Schulrektor Friedrich Ludwig Weidig kennen, einen führenden Oppositionellen in Hessen. Er verfasst sein berühmt gewordenes Pamphlet "Der Hessische Landbote", das nach umfangreicher Bearbeitung durch Weidig im Juli gedruckt wird. Die Flugschrift mit der Parole "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" ruft die Bauern zur Revolution auf. Die angegriffenene Obrigkeit reagierte mit aller Härte. Viele Mitstreiter werden verhaftet. Büchner flieht im März 1835 nach Straßburg.

Skalpell und Feder

Zuvor hat er noch "Dantons Tod", sein großes Drama über das Scheitern der französischen Revolution, in nur fünf Wochen zu Papier gebracht. In Straßburg widmet Büchner sich wieder seinen Studien und der Literatur. Er schreibt die traurige Novelle über den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz und gleich darauf das melancholisch-träumerische Lustspiel "Leonce und Lena". Im Herbst 1836 zieht er nach Zürich, wo er zum Privatdozenten ernannt wird. Ab November hält er eine Vorlesung zur vergleichenden Anatomie von Fischen und Amphibien. An seinen Bruder schreibt er: "Ich sitze am Tage mit dem Scalpell und die Nacht mit den Büchern". Er arbeitet am "Woyzeck", seinem letzten und berühmtesten Werk. Es bleibt Fragment. Am 19. Februar stirbt Georg Büchner an Typhus.

Die Briefe Georg Büchners sind weit mehr als biografische Dokumente. Stilistisch und thematisch stehen sie in engem Zusammenhang mit seinem literarischen Werk. In dieser Klassikerlesung senden wir zum besseren Verständnis der Briefe auch den vollständigen Text des "Hessischen Landboten". Die Produktion des Hessischen Rundfunks wurde von Ruthard Stäblein eingerichtet und kommentiert.

Angaben zur Sendung Die Klassikerlesung
Georg Büchner: Briefwechsel
(22 Folgen)

Sprecher:
Max von Pufendorf, Georg Reuß, Georg Huber, Sascha Nathan, Horst H. Vollmer

Regie: Ruthard Stäblein
Produktion: hr 2013

Sendung:
01.10.-30.10.2018 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

Aus urheberrechtlichen Gründen können wir Ihnen diese Sendung leider nicht im Internet zum Hören anbieten. Das private Aufzeichnen von Radiobeiträgen ist jedoch zulässig. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Seite "Radiobeiträge aufnehmen mit Computer oder Smartphone".

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2018, 04:00 Uhr

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Gebundene Ausgabe: 591 Seiten
C.H.Beck 2013
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Georg Büchner: Dichtungen, Schriften, Briefe und Dokumente
Bildrechte: Deutscher Klassiker Verlag

Georg Büchner Dichtungen, Schriften, Briefe und Dokumente

Dichtungen, Schriften, Briefe und Dokumente

Text und Kommentar
Herausgegeben von Henri Poschmann unter Mitarbeit von Rosemarie Poschmann
Taschenbuch, 2301 Seiten
Deutscher Klassiker Verlag 2006
ISBN: 978-3618680130
28,00 Euro

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