Sachbuch-Empfehlung Wie unsere Sprache unsere Sicht auf die Welt prägt

Unsere Sprache bestimmt, wie wir die Welt wahrnehmen. So lautet ein Grundgedanke des Sachbuches "Sprache und Sein" von Kübra Gümüşay. Daraus folgt: Wer andere Sprachen versteht, der bekommt auch andere Perspektiven auf die Welt, auf seine Mitmenschen und auf deren Tun. Deshalb fordert die Autorin dazu auf, die Grenzen der eigenen Sprache zu überwinden.

Es gibt in jeder Sprache Worte, die sich nicht eindeutig übersetzen lassen. Im Deutschen ist "Heimat" so ein Wort, dem man sich zwar annähern kann, aber seinen emotionalen Kern in einer anderen Sprache einzufangen, ist so gut wie unmöglich. Im Türkischen wiederum kann man mit einem einzigen Wort die Reflexion des Mondes auf dem Meer ausdrücken: "yakamoz".

Wie sehr "Sprache und Sein" miteinander verbunden, wie schön und schwierig zugleich die Beziehung zwischen ihnen ist, davon handelt Kübra Gümüşays Buch, zunächst einmal grundsätzlich.

Zitat Kübra Gümüşay

"Sprache öffnet uns die Welt, sie kann uns ermöglichen, in die Gedankenwelt eines wildfremden Menschen einzutauchen, in andere Länder gedanklich zu reisen, in andere Welten und Lebensweisen, in die Realitäten von Menschen, die wir nie zuvor getroffen haben. Sprache ist also sehr mächtig, sie kann uns die große weite Welt erschließen, kann uns aber auch begrenzen, sie kann dazu führen, dafür, dass es für bestimmte Ereignisse oder Perspektiven keine Worte gibt in unserer Sprache, wir ebenjene nicht sofort wahrnehmen und im Blick haben."

Cover: Kübra Gümüşay: "Sprache und Sein"
Das Buch ist im Hanser-Verlag erschienen Bildrechte: Hanser

Um unseren Blick zu öffnen, kann es hilfreich sein, mehrere Sprachen zu sprechen. Doch wenn wir an Mehrsprachigkeit denken, meinen wir in der Regel erst einmal westeuropäische Sprachen, Englisch, Französisch oder Spanisch. Wir fühlen uns ihnen nahe, weil wir ihnen ständig begegnen, in den Medien oder in der Popkultur.

Dabei gibt es Millionen Deutsche, die ganz selbstverständlich mehrsprachig aufwachsen, weil sie neben Deutsch eben auch Türkisch, Arabisch, Polnisch oder Russisch sprechen. Jedoch wird diese Kompetenz kaum wertgeschätzt, was unsere Perspektive einschränkt, meint Kübra Gümüşay.

Zitat Kübra Gümüşay

"Jede Sprache deckt nur so viel ab, wie diejenigen Menschen, die in einer Sprache Macht und Herrschaft besitzen. Und je mehr Sprachen wir mit am Tisch sitzen haben, umso eher können wir diesen unfassbar großen Facettenreichtum der Welt fassen und ihr näher kommen. Jede Perspektive wäre also ein Bereicherung, jede Sprache eine Bereicherung."

Kübra Gümüşay verknüpft viele Themen

Das Buch ist ein persönliches und frisches Plädoyer dafür, den eigenen Blick auf die Welt nicht als gegeben hinzunehmen und andere Perspektiven weder abzulehnen noch zu fürchten.

Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Kübra Gümüşay selbst ist in drei Sprachen zu Hause, im Deutschen, im Türkischen und im Englischen. 1988 in Hamburg geboren, hat sie Politikwissenschaften studiert, später einen Blog mit dem Titel "Ein Fremdwörterbuch" ins Leben gerufen und war unter anderem Kolumnistin der "taz".

Heute engagiert sie sich als Autorin und Rednerin vor allem zu politischen und digitalen Themen, beschäftigt sich darüber hinaus mit Feminismus und den Auswirkungen von Rassismus. Alles Aspekte, die auch in ihrem Buch eine wichtige Rolle spielen.

So unterscheidet sie darin "Benannte" und "Unbenannte" und zeichnet das einprägsame Bild eines großen Weltmuseums. Die Unbenannten sind dabei diejenigen, die das Museum einrichten und sich darin bewegen wie Fische im Wasser, fest davon überzeugt, dass es für sie keine besondere Bezeichnung braucht.

Zitat Kübra Gümüşay

"Der zweite Typus Mensch in diesem Museum sind die Benannten, die aus irgendeinem Grund von der Norm abweichen, und sie werden in dem Museum ausgestellt, ihnen wir eine Kategorie zugeschrieben und ihr Name ist ihr Käfig und die Definition ihres Namens bestimmt die Weitläufigkeit ihres Käfigs."

Ein "neues Sprechen"

Eine Kategorie der Benannten kann zum Beispiel sein: die Flüchtlinge, die Muslime oder die Ostdeutschen. Unsere Sprache bestimmt auf unzureichende Weise ihr Sein und macht sie zu griffigen Instrumenten in politischen Debatten.

Jedoch versteht sich das Buch "Sprache und Sein" nicht nur als Bestandsaufnahme, sondern will auch Hinweise geben, wie das sprachliche Machtgefälle abgeflacht werden könnte. Kübra Gümüşay schlägt dafür ein "neues Sprechen" vor, eines, das ohne den Anspruch auskommt, Recht zu behalten.

Zitat Kübra Gümüşay

"Ich glaube, in dem Moment, in dem wir im Bewusstsein für die Begrenztheit unserer eigenen Perspektive uns durch die Welt bewegen, werden wir die Mauern der Sprache öffnen, werden wir menschlicher miteinander sprechen können."  

Die Macht der Sprache, Sprache als Instrument der Identitätsfindung, die emanzipative Kraft von Sprache: All diese Themen sind weder besonders neu noch besonders aufregend. Doch Kübra Gümüşays engagierter und sprachlich fein geschliffener Essay macht sie zugänglich für eine breite Leserschaft, der man es genau deshalb gern ans Herz legt.

"Sprache und Sein" ist ein persönliches und frisches Plädoyer dafür, den eigenen Blick auf die Welt nicht als gegeben hinzunehmen und andere Perspektiven weder abzulehnen noch zu fürchten.

Angaben zum Buch Kübra Gümüşay: "Sprache und Sein"
Hanser
208 Seiten
18 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2020 | 08:10 Uhr