Chuck Berry: „Chuck“
Bildrechte: Decca Records

Neue Alben | 12.06.2017 Chuck Berrys fulminanter Abschied

Der Trompeter Nils Wülker hat schon immer neue Wege gesucht. Auf seinem aktuellen findet er diese in der Zusammenarbeit mit Produzenten aus dem Hip-Hop-Bereich und mit Sängern wie Marteria oder Rob Summerfield. Außerdem empfehlen unsere Musikexperten Alben von Chuck Berry, Tora, Christoph Ullrich, Sergiu Celibidache und Enrico Gatti.

von Johannes Paetzold und Martin Hoffmeister

Chuck Berry: „Chuck“
Bildrechte: Decca Records

Nils Wülker: "On"

Nils Wülker ist ein Trompeter aus der deutschen Jazzschule - in mehr als einem Sinne. Er studierte an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin und gehört den Jazzern an, die zwischen Improvisation und Pop die Jazzmusik für ein größeres Publikum öffnen. So wie Till Brönner. Aber Wülker ist sein eigener Trompeter. Er wird in diesem Jahr 40, hat den Echo Jazz in der Vitrine zu Hause und wird als gläubiger Jazzer auch mit seinem neunten Album "On" immer neue Ufer suchen. Produziert hat er es mit einem Team mit dem bezeichnenden Namen "The Krauts". Es sind Berliner Produzenten mit Hip-Hop-Erfahrung, auch als DJ Illvibe bekannt. Miss Platnum und Peter Fox gehörten außerdem zu deren Musiker-Kundschaft. Diese Kooperation verspricht Pop mit Breitenwirkung, aber auf hohem Niveau.

Nils Wülker: “On”
Nils Wülker: "On"
Label: Warner
Bildrechte: WARNER MUSIC INTERNATIONAL

Das Album hält dieses Versprechen vom ersten Stück an. "Trust" lässt sich in eine sanfte Trompetenmelodie fallen. Und stoppelt dann mit Aussetzern, wie man sie aus dem CD-Spieler kennt, wenn er hakt. Man hört hin, der Klang kehrt nach dem Staccato zurück - ein Wachmacher. Das Selbstvertrauen, vieles zu erproben und zu wagen, prägt dieses Album. Nils Wülker will seinen Jazz nicht nebenher plätschern lassen. Er holt sich als Stimmen den Rostocker Rapper Marteria und aus Wien Soul- und R'n'B-Sänger Rob Summerfield.

Ganz weich legt sich die Elektronik unter die Trompetenspiele von Wülker. Immer wieder merkt man die Handschrift von Hip-Hoppern. Der Jazz dominiert, aber die Beats kommen gebürtig aus dem Hip-Hop, wurden nur etwas besänftigt. "On" fällt mit seiner schmiegsam-biegsamen elektronischen Klangfarbe auf, doch vom ersten Track an sind da auch Kanten beim Entlanggleiten zu fühlen. Eine Funk-Gitarre in "You Cannot Imagine", das Wechselspiel von Computer und Trompete in "Headspin" und in "Circles" schaltet Wülker auch mal vom Easy-Going-Gang nach oben. Dabei ist es trotzdem ein Durchhöralbum. Wer Gurus Jazzmatazz-Projekt mochte, findet hier eine ähnliche aber instrumentaler geprägte Fusion zwischen Hip Hop und Jazz. Wer die moderne von Dance beeinflusste Elektronik mag, aber nicht den Flour-to-the-Floor-Hauf-Drauf-Beat dazu, der sollte sich "On" anhören. Aber ganz, von Anfang bis Ende. (jp) 

Chuck Berry: "Chuck"

Ohne Chuck Berry gäbe es keine Rolling Stones, deren Gitarrist Keith Richards mal sagte, er habe jedes seiner Riffs von ihm geklaut. Und auch alle anderen Epigonen der Rockgeschichte haben sich an dieser Quelle bedient. Im Oktober 2016 feierte Chuck Berry seinen 90. Geburtstag, seit dem 18. März 2017 weilt der Rock'n'Roll-Gott jedoch nicht mehr in irdischen Gefilden. An seinem Album hatte er lange gearbeitet, die Veröffentlichung jedoch nicht mehr erlebt. Es ist das erste Album seit fast 40 Jahren.

Chuck Berry: „Chuck“
Chuck Berry: "Chuck"
Label: Decca
Bildrechte: Decca Records

"Chuck" ist eine große Überraschung und ein sehr, sehr würdiges Vermächtnis. Chuck Berry ist der erste, der sich legitim selbst beklauen darf. Und mit seiner musikalischen Schlussnote auf Albumlänge macht er das durchgängig, aber nicht plagiatorisch, sondern meist als Zitat mit einem Schmunzeln. Er geht zu seinen Ursprüngen zurück und zimmert aus dem Klassiker "Johnny B. Goode" ein "Lady B. Goode". Wie er sich an seinem eigenen Riff entlanghangelt, wie er den Text erneuert und auf die Frauenseite zieht, ist schlichtweg phantastisch. Chuck Berry wiederholt dieses Kunststück mehrmals, am treffendsten in "Dutchman". Hier baut er eine Trinkersituation in einer Bar auf: Ein Fremder kommt durch die Tür und erzählt seine St.-Louis-Geschichte, die natürlich Berrys eigene ist. Eine Blues-Erzählung, wie ein Muddy Walker trägt Berry mit tiefer Sprechstimme seine Geschichte vor.

Mit "Jamaica Moon" reist er in die Karibik. Mit "Enchiladas" berichtet er von seinen lukullischen Passionen - neben Frauen und Rock-'n'-Roll-Riffs. Und das alles mit einer Lockerheit und einem ruhigen Groove, der sich bei den "Enchilladas" sogar in den ¾-Takt fallen lässt.

Berry hätte sich die Stars von Keith Richards alle ins Studio rufen können und alle wären im Watschelgang in langer Schlange wartend gekommen. Aber nur Tom Morello von Rage Against the Machine schaut für ein Gitarrensolo vorbei. Begleitet wird Berry von seinen langjährigen Musikern. Und von seiner Familie: Seinen Kindern Charles Berry Jr, Ingrid Berry - und sogar seinem Enkel Charles Berry III. Große Stars erkennt man am perfekten Timing. Berry zeigt uns noch einmal, was ein Haken ist, bevor er seine Rock-'n'-Roll-Schuhe an denselben hängt. (jp) 

Tora: "Take a Rest"

Wer kennt schon den Ort Mullumbimby im australischen Bundesstaats New South Wales? Gut 3.000 Einwohner leben da vier Meter über dem Meeresspiegel. Und eine Schule gibt es da wohl auch, denn da trafen sich die Musiker von Tora, unter anderem im Garten von Jai Piccone, im Kaktusgarten seiner Eltern. Dort wurden, von Flora und Fauna inspiriert, Teile von "Take A Rest" aufgenommen. Aber da stachelt oder piekt nichts vom Kaktus. Man hört mal die Fliegen sirren und im Track "Dope" soll sogar die Waschmaschine der Piccones als Klangsample verarbeitet worden sein.

Tora: “Take A Rest”
Tora: "Take a Rest"
Label: Eighty Days Records
Bildrechte: Eighty Days Records

Tora sind Elektronik-Frickler der ganz sanften Art: 15 Stücke rollen wie sanfte Wellen an australischem Strand am ruhigen Sommertag über die Hörer herüber. Es ist die Art von Elektronik, die aus dem Popbereich jüngst in vielerlei Spielarten zu hören ist: Ruhig, hippieesk, pink-floydig gar, aber minimaler, mit exotischen Anleihen, wie im indisch angehauchten Stück "Entity".

Das Album flirrt und schwirrt durch den Raum. Die Stücke sind anzusiedeln zwischen Gattungen wie Chillwave und Neo Soul. Die Stimmen, als Gaststimmen, klingen nach Drake, James Blake und den anderen -akes der heutigen, zierlich falsett und filigran erprobten Popmusik. Die Texte haben eine melancholische Schwere. "Too Much" behandelt Irrungen der Liebe. Bei Bridges erzählt Jo Loewenthal von Tora über die Beziehung zur Mutter in deren Sprechweise. Bei der Welle von Elektor-Easy-Surf-Sounds dieser Tage ist es schwer aufzufallen. Tora fallen jedoch sofort auf. Sie setzen den Hörer auf den Sommersound und bereiten ihn gleichzeitig schon auf den Herbst vor, wenn die Australier dann zum Beispiel im Franz Mehlhose in Erfurt auftreten. Das sollte man sich nicht entgehen lassen und mit den Kindern hingehen. (jp)

Christoph Ullrich: "Domenico Scarlatti - Complete Piano Sonatas"

Das Zentrum des Scarlattischen Werke-Kosmos bilden 555 (Cembalo-)Sonaten, komponiert fast ausschließlich für seine königliche Elevin, die portugiesische Prinzessin Maria Bárbara de Bragança. Seit Beginn der Tonträgerhistorie haben sich zahllose bedeutende Cembalisten und Pianisten dem opulenten Tastentableau gewidmet, darunter Heroen wie Scott Ross, Vladimir Horowitz, Christian Zacharias, Mikhail  Pletnev, Ivo Pogorelich, Alexis Weissenberg oder Dinu Lipatti. Auf höchsten spieltechnischen und interpretatorischen Standards fanden sie zu unterschiedlichen, bisweilen konträren Lesarten.

Domenico Scarlatti - Complete Piano Sonatas   Volume 2
Christoph Ullrich: "Domenico Scarlatti - Complete Piano Sonatas"
Volume 2: Sonatas K. 43 - K. 97
Christoph Ullrich, Klavier
Label: Tacet
CD-Bestellnummer: 237
Bildrechte: Tacet

Relativ neu im Feld der Referenz-Aufnahmen sind die Einspielungen des Göttinger Pianisten Christoph Ullrich. Auf 17 Jahre angelegt ist dessen 2011 initiiertes Projekt einer Gesamtaufnahme der Sonaten. Die Zeit, das legen die bislang veröffentlichten CDs der Reihe nahe, scheint angemessen, denn Ullrich begreift jede einzelne Sonate als originären Kosmos mit eigenen Herausforderungen.

Tatsächlich steht Scarlattis Sonatenwelt für vielgesichtigen Zauber. Oszillierend zwischen Verspieltheit, Einkehr, Heiterkeit, Depression, Melancholie, tänzerischer Einlassung und Übermut, Witz oder Folklore-Idiomen, präsentieren sie wechselnde Stimmungen und spieltechnische Niveaus. Ullrichs Lesarten bieten nichts weniger als Feier der Nuance und Subtilität. Seine detailaffine Kunst kennt hunderte von Schattierungen, sein pianistisches Potential keine Grenzen. Vor diesem Hintergrund steht auch "Volume 2" des Scarlatti-Projektes für mehr als nur Scarlatti-Exegese: Sie ist Hommage an den modernen Konzertflügel und seine Möglichkeiten. (mh)

Sergiu Celibidache: "Schubert & Dvořák"

Der rumänisch-deutsche Dirigent Sergiu Celibidache zelebrierte zeitlebens Ressentiments gegen die Tonträgerindustrie und Schallplattenaufnahmen. Musik dürfe nicht als sterile, leblose Konserve gehandelt werden, ließ der Maestro vernehmen. Allein das (Live-)Konzerterlebnis bilde die Idee von Musik authentisch ab. Tatsächlich erschienen CDs von Konzertmitschnitten erst nach Celibidaches Tod im Jahr 1996. 17 Jahre lang fungierte der Anhänger fernöstlicher Lehren zuvor als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, die unter ihm zu Weltruhm gelangten.

Schubert    Symphony No. 8 “Unfinished”; Dvorak   Symphony No. 9 “From The New World”
Sergiu Celibidache: "Schubert & Dvořák"
Franz Schubert Symphony No. 8 "Unfinished"
Antonín Dvořák Symphony No. 9 "From The New World"
Münchner Philharmoniker
Leitung: Sergiu Celibidache
Label: Münchner Philharmoniker
CD-Bestellnummer: MPHIL 0004
Bildrechte: MPHIL

Mit der Gründung des  orchestereigenen Labels wurde jetzt der Grundstein für eine umfassende CD-Verwertung von Celibidache-Konzerten gelegt. Den Auftakt bilden die vorliegenden Referenz-Exegesen mit Werken von Schubert und Dvořák. Im Zentrum des celibidacheschen Kunstverständnisses standen stets Entwicklung und Entstehung von Musik im Zeit-Raum-Kontext. So tendierte der vom Zen-Buddhismus eingenommene Dirigent eher zu langsamen Tempi und der Auslotung von Orchesterfarben, denn zu forcierten Lesarten. Tatsächlich präsentieren die Mitschnitte von 1985 und 1988 beispielhaft Celibidaches Idee von musikalischem Fluss, von organischen Entwicklungslinien, Spiritualität und Transzendenz. Aufnahmen, die - im besten Sinne - polarisieren. (mh)

"The Fiery Genius"

Ende des 17. / Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in Neapel mit Komponisten wie Pietro Marchitelli, Leonardo Leo, Giovanni Carlo Caillou, Francesco Paolo Supriano und Nicola Fiorenza eine nachhaltige Tradition der Instrumentalmusik. Angesichts der dominierenden Rolle der Vokalmusik in der kampanischen Metropole waren die zahllosen Preziosen der Gattung über die Jahrhunderte allerdings fast in Vergessenheit geraten.

The Fiery Genius
"The Fiery Genius"
Neapolitan Instrumental Music for 1, 2, 3 and 4 Violins
Ensemble Aurora
Leitung: Enrico Gatti
Label: Arcana
CD-Bestellnummer: A 429
Bildrechte: Arcana

Das Ensemble um den Geiger Enrico Gatti fokussiert beim vorliegenden Projekt auf Sonaten und Concerti für drei oder vier Violinen und damit Werke, die beispielhaft für die Neapolitanische Schule stehen. In ihrer Form- und Stilvielfalt spiegeln die selten aufgeführten Kompositionen das eindrückliche Niveau und den Esprit des damaligen Musiklebens. Die Lesarten bestechen durch musikantischen Zugriff, Beweglichkeit, ein breites Farbspektrum, Nuancenreichtum und Durchsichtigkeit. (mh)

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial | 12.06.2017 | 18:05-19:00 Uhr

Schallplatten, Musik, Platten, Plattensammlung, DJ
Bildrechte: Colourbox.de

Musik Neuvorstellungen Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

Insgesamt gibt es sechs Empfehlungen aus Jazz, Pop, Weltmusik, Chanson, Klassik, Barock etc. - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonntags zwischen 17:05 und 18:00 Uhr.