Ausstellung "Rembrandts Strich" Mythos Rembrandt im Dresdner Kupferstichkabinett

Rembrandt ist einer der wirkmächtigsten Künstler aller Zeiten – und ein Mythos. Im Jahr seines 350. Todestages gibt es zahlreiche Ausstellungen. Das Kupferstich-Kabinett im Dresdner Residenzschloss schaut näher auf den Zeichner, auf "Rembrandts Strich" und holt dafür u.a. die "Mona Lisa der Zeichenkunst" aus dem eigenen Bestand. Leihgaben aus dem Louvre in Paris oder dem Rijksmuseum in Amsterdam kommen dazu. Deutlich wird so auch, wie stark Rembrandt die Künstler-Nachwelt beeinflusst hat.

von Birgit Fritz, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin

Man traut seinen Augen kaum! Ganz nackt, ohne nobilitierende Passepartouts und Rahmen sind 19 zum Teil nur briefmarkengroße Selbstporträts in einer Vitrine als Gruppe montiert. Sie zeigen Rembrandt selbst in verschiedenen Lebensaltern, Verkleidungen und Rollen, Affekten und Emotionen, vielgestaltig und doch charakteristisch offenbaren sie: "Rembrandts Strich".

Eben unter diesem Titel befasst sich jetzt eine Ausstellung im Kupferstichkabinett des Dresdner Residenzschlosses mit dem grafischen Werk des Künstlers. Anlass ist sein 350. Todestag im Oktober. Stephanie Buck, die Direktorin des Kupferstich-Kabinetts und Kuratorin erklärt zum Titel der Schau, der "Strich" stehe für die "freie freche, zugleich auch sorgsame und sehr präzise Handschrift Rembrandts" und verweise auch auf die Persönlichkeit des Künstlers und "die Spur, die er lässt."   

Schätze aus eigenem Bestand: "Mona Lisa der Zeichenkunst"

Mit 20 Zeichnungen und fast der gesamten Druckgrafik verfügt das Kupferstich-Kabinett über einen bedeutenden und früh angelegten Bestand, der auch den Kern bildet für die opulente, in fünf Kapitel gegliederte Schau.

Dazu kommen Leihgaben, die sehr selten  aus der Hand gegeben werden. Allen voran die Silberstiftzeichnung aus dem Berliner Kabinett, die Rembrandt 1633 von Saskia, seiner Braut, anfertigte.

Buck zufolge schaut die ihn darin "ganz frisch unter einem Sommerhut an, im Schatten der Stirn noch ein ganz klarer Blick." Diese Silberstiftzeichnung lasse die Fragilität und zugleich die Kraft des Stiftes erkennen" Für die Kuratorin ist das Werk "ein ganz kleines intimes Format, das aber alles überstrahlt:

Ich sage immer, das ist die Mona Lisa der Zeichenkunst.

Stephanie Buck, die Direktorin des Kupferstich-Kabinetts und Kuratorin

Zeichnungen wie ein Kammerspiel

Gebannt steht man vor den Zeichnungen – vor dieser ästhetischen Radikalität mit ihren Abkürzungen, Lichteffekten und dem offenen Duktus.

Noch aus dem gängigsten Motiv nach antiker oder biblischer macht Rembrandt ein psychologisches Kammerspiel, seine Darstellungen sind lebendig und nah an der Wirklichkeit, ohne sie imitierend abzubilden. Welche erschöpfte Ruhe in der Kreidezeichnung der alten Frau im Sessel! Welches Drama um den strampelnden Ganymed, den der Adler vor den Augen seiner Eltern entführt. Eine Vorzeichnung zum großen Gemälde befindet sich nebenan in der Galerie. Wobei Vorzeichnung eigentlich nicht der richtige Begriff ist, wie Kunstwissenschaftler Jürgen Müller, Mitherausgeber des Katalogs, findet. Rembrandt habe die Zeichnung zum Denken in Bildern genutzt, als Interpretationsmöglichkeit. Dabei habe er dauernd die Techniken gewechselt:

Also die Zeichnung (bei Rembrandt) hat was Freies, Offenes und Spontanes. Das ist das, was Kunsthistorikern und Besuchern immer aufgefallen ist; dass der Rembrandt eine ganz moderne Weise zu zeichnen hat. 

Jürgen Müller, Kunstwissenschaftler und Mitherausgeber des Katalogs

Wirkmächtig bis heute

Die Ausstellung zeigt nicht nur Rembrandts Strich, sondern auch die Spur, der andere folgen. In einem außergewöhnlichen Maße war und ist er für andere Künstler beispielgebend. Zuerst für die angehenden, für die große Schar der Schüler in seiner Werkstatt, aber auch für Zeitgenossen und spätere Künstler. Er entfaltete eine immense Wirkung über die Jahrhunderte hinweg bis heute. Kuratorin Stephanie Buck zufolge soll die Ausstellung die Kontinuität zeigen. Angefangen von Giovanni Benedetto Castiglione im 17. Jahrhundert über Delacroix, Manet, Käthe Kollwitz, Corinth und Menzel bis Arnulf Rainer und Marlene Dumas oder Kentridge. Nicht zu vergessen seien "die beiden Großen Goya und Picasso, wo wir mehrere Werke hier auch zeigen können. Im direkten Dialog!"

Marlene Dumas nimmt das Kreatürliche, die Physis des Menschen und seine schambehaftete Unbeholfenheit auf. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Von van Gogh ist die Äußerung überliefert, dass er zehn Jahre seines Lebens dafür geben würde, vor dem Bild "Die Judenbraut" einmal vierzehn Tage sitzen zu können. Max Liebermann gestand, dass er bei Frans Hals Lust zum Malen bekomme, wenn er Rembrandt sehe, möchte er es aufgeben.

Wie überall,  wo es gezeigt wird, ist das sogenannten 100-Gulden- Blatt, die Darstellung Jesu inmitten von  Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, ein Höhepunkt. Die Radierung war so begehrt bei Sammlern, dass Rembrandt – so jedenfalls die Anekdote – 100 Gulden auf einer Auktion zahlte, um einen Abzug für sich behalten zu können:

Ja, das Hundertgulden-Blatt ist sicherlich die wichtigste Radierung. An der hat er mehrere Jahre gesessen und überarbeitete sie immer wieder. Das können wir sagen, weil wir die Zeichnungen haben.

Jürgen Müller, Kunstwissenschaftler und Mitherausgeber des Katalogs

Müller stellt es heraus als "technisch unglaublich anspruchsvolles Kunstwerk", in der Kontrastierung der Möglichkeiten von linearem und malerischem Erzählen, beides in demselben Blatt".

Die Ausstellung liefert viele Zugänge zum Werk des Niederländers, man kann hervorragende Faksimiles selbst in die Hand nehmen und am Display in Details eintauchen. Max Beckmann kann man nur zustimmen: "An Rembrandt kommt keiner vorbei!"

Über die Ausstellung "Rembrandts Strich"
4. Juni bis 15. September 2019
Kupferstich-Kabinett

Residenzschloss
Taschenberg 2
01067 Dresden

Öffnunsgzeiten
Täglich von 10 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen

Die Präsentation umfasst dabei rund 100 Werke aus allen
Schaffensperioden des Künstlers und etwa 50 Radierungen und Zeichnungen von Schülern seiner Werkstatt sowie Werke von späteren Künstlern, die Rembrandt als kreative Inspirationsquelle verstanden.

Über Rembrandt Der Aufstieg eines Müllersohnes zum innovativen und hoch bezahlten Künstler und Leitstern der holländischen Malerei und ein Ende in Armut und Einsamkeit, das ihn läutert und durch alle mythologischen und historischen Gewänder das Wesen der Dinge erkennen lässt. So sind Leben und Werk Rembrandts van Rijn (1606–1669) oft beschrieben worden.

Ein egozentrischer Künstler mit groben Zügen und einer großen  Schülerschar, die er schamlos ausbeutete, ein Künstler, der nie eine Akademie besuchte und die damaligen Regeln der Schicklichkeit außer Acht ließ. So lautet eine andere Erzählung. Jetzt sehen wir ihn pur als Zeichner.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juni 2019 | 08:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2019, 15:48 Uhr

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