Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem
Cover von Jürgen Kaubes neuem Buch "Die Anfänge von allem" Bildrechte: Rowohlt Verlag

Sachbuch der Woche | Jürgen Kaube: "Die Anfänge von allem" Jürgen Kaubes Crashkurs durch die menschliche Kultur

Jürgen Kaube ist Mitherausgeber der FAZ, hat eine Biografie über Max Weber geschrieben und wurde als Wissenschaftsjournalist ausgezeichnet. Ein Spezialist für die Frühzeit ist er nicht. In seinem neuen Buch "Die Anfänge von allem" begibt er sich dennoch auf das Terrain der Anthropologen und Paläontologen und geht Fragen nach wie: Was wissen wir über die Anfänge zivilisatorischer Errungenschaften? Wann und warum erhoben sich unsere Vorfahren, um auf zwei Beinen zu gehen? Wie entwickelte sich Sprache?

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Sachbuchkritiker

Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem
Cover von Jürgen Kaubes neuem Buch "Die Anfänge von allem" Bildrechte: Rowohlt Verlag

Im Juni machten Anthropologen in einer Höhle in Marokko eine spektakuläre Entdeckung. Die Forscher aus Leipzig fanden 300.000 Jahre alte Schädelknochen des Homo Sapiens. Damit ist klar: Der moderne Mensch hat schon viel früher gelebt als bislang angenommen. Der Beginn der Menschheit musste von einem Tag auf den anderen um die Kleinigkeit von 100.000 Jahren vordatiert werden; der Schauplatz des Anfangs hat sich von Ost- nach Nordwestafrika verschoben.

Der umstürzende Fund macht wieder einmal deutlich: Wenig ist fix. Was gestern noch als gesicherter Forschungsstand galt, kann morgen schon wieder hinfällig sein. Autor und Journalist Jürgen Kaube hat sich nun mutig auf das weite Feld der Entdeckungen, Irrtümer und Interpretationen begeben.

Jürgen Kaube
Journalist und Autor Jürgen Kaube Bildrechte: dpa

Mein Anfangsinteresse war eines der Neugier. Zu sagen, was wissen wir über Fragen, die Zeiten betreffen, die so ein bisschen im Dunkeln liegen und die man sich auch begrifflich sehr schwer vorstellen kann: Was soll der Anfang einer Sache sein? Muss es nicht schon immer etwas gegeben haben, damit sich etwas entwickeln kann? Lange Zeit war das eine Art philosophische Unternehmung, es gab Spekulationen über diese Anfänge oder biblische Geschichten, Mythologien. Jetzt war einfach die Frage: Gibt es darüber auch Wissen? Und was für eine Sorte Wissen ist das?

Jürgen Kaube

16 Themen in jeweils 20 Seiten erklärt

Kaube erzählt von 16 Anfängen: Vom aufrechten Gang, dem Sprechen, der Religion, dem Geld. Zu jedem Thema ließen sich Bücher schreiben, und die gibt es auch. Kaube hingegen beschränkt sich jeweils auf rund 20 Seiten, auf denen er in sehr konzentrierter Form den Gang der Forschung festhält. Die einzelnen Kapitel, allesamt gewissermaßen Crashkurse, fordern einiges an Aufmerksamkeit und Konzentration. Man sollte sich daher Zeit nehmen mit dem Buch und die Fülle wirken lassen.

Mein Ehrgeiz war einfach – für Leser und auch für mich selber: Bekommt man das in eine Form, [...] einen Eindruck davon zu erwecken, was der Stand der Forschung ist. [...] Und dann war natürlich ein bisschen auch der Ehrgeiz, es erzählbar zu halten, also es entlang eines Motivs zu machen.

Jürgen Kaube

Eine Wissensreise ins Dickicht der Forschungen

Kaube gelingen originelle Einstiege – mit Stanley Kubricks Kultfilm "Odyssee im Weltraum" oder Rudyard Kiplings phantastischer Geschichte "Wie das Alphabet entstand". Aber dann muss er doch hinein ins Dickicht der Forschungen. Wie behend er sich auch dort bewegt, ist erstaunlich. Kaube reißt hier eine These kurz an, verwirft sie dann und kommt auf das Näherliegende, Wahrscheinlichere zu sprechen, das aber wiederum auch hypothetisch bleibt. Am Ende muss er immer wieder festhalten:

Noch existieren keine beweiskräftigen Tatsachen, die der einen oder der anderen Seite Recht geben würden. Die Forscher reagieren darauf je nach Temperament. Manche halten sich an das wenige, das wir wissen, andere denken dort, wo sie sich von sicherem Wissen abgeschnitten sehen, an eine Brücke. Sie nennen solche Brücken Hypothesen, die Skeptiker hingegen sprechen von Geschichten oder gar Märchen.

Jürgen Kaube

Umdenken macht Spaß

Autor Jürgen Kaube begegnet uns in diesem Buch als einer, der von den Forschern, die er gelesen hat, gar nicht so verschieden ist. Man merkt förmlich, wie er selbst zu einer Art Detektiv wird, erst diese Spur verfolgt, dann jene – angetrieben von der Freude am Wissen, daran manchen Ursprüngen zumindest näher zu kommen. "Die Anfänge von allem" ist daher ein Buch, das die Lust am Denken vorführt und Lust macht, selbst nachzudenken.

Der Fund in Marokko erinnert derweil daran, dass es kein Ende der Anfänge gibt. Schon bald wird es neue Forschungen und Nachrichten geben, die Teile des Buches relativieren werden. Kaube weiß das selbstverständlich, denn vieles ist und bleibt nun einmal spekulativ offen. Schlimm ist das nicht. Im Gegenteil: Das Um- und Neudenken, das zeigt dieses Buch, kann sogar ein großer Spaß sein.

Angaben zum Buch Jürgen Kaube: "Die Anfänge von allem"
400 Seiten, gebunden
Rowohlt Verlag Berlin, 2017
ISBN: 978-3-87134-800-6
24,95 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. September 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2017, 07:40 Uhr

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