Lesezeit im Winter Diese fünf Garten-Lesebücher sollten Sie nicht verpassen!

MDR Garten Moderator Jens Haentzschel hockt in einem blühenden Beet und hebt einen Hut zum Gruß.
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Zu Weihnachten haben Sie einen Buchgutschein geschenkt bekommen? Ihnen fehlt noch die passende Lektüre für ruhige Winterabende? Oder Sie wollen jemandem eine Freude machen? Da haben wir etwas für Sie! MDR Garten-Literaturexperte Jens Haentzschel hat fünf Bücher herausgesucht, die wir Ihnen in diesem Winter wärmstens ans Herz legen.

Junge Frau auf Sofa hält beleuchtetes Buch und Teetasse
Im Winter, wenn es im Garten weniger zu tun gibt, laden Bücher zu gedanklichen Reisen in ferne Länder, zu außergewöhnlichen Begegnungen und in andere Zeiten ein. Bildrechte: imago images / Westend61

1. Ein kurzweiliges Sachbuch

Botschafter des Lebens. Was Bäume in Städten erzählen

"Ich höre schon alle sagen, ein Baum, was ist das schon." Ein Zitat von Jurek Becker ist dem Buch vorangestellt, das recht einfach das Thema in wenigen Worten vorgibt. Was ist ein Baum schon? In meiner Straße stehen viele, aber was es genau für Bäume sind, da fehlt der geübte Blick oder das Interesse oder die Neugier. Man eilt an Bäumen entlang und bleibt vielleicht nur dann stehen, wenn man förmlich draufgestupst wird: ein großer Ginkgo in Weimar kommt mir ins Bewusstsein, Tanzlinden in kleinen Dörfern, riesige Baobab-Bäume in der Ferne Afrikas.

Cover des Buches "Botschafter des Lebens" von Caroline Ring
Caroline Ring öffnet uns Leserinnen und Lesern auf ihrer Deutschlandtour zu den Bäumen die Augen für Naturschönheiten. Bildrechte: Berlin Verlag

Bäume spielen in jedem Leben eine Rolle: als Pausenbaum bei einer Wanderung, als Schattenspender im heißen Sommer, als Kletterbaum in den Gärten der Großeltern. Die Journalistin und Evolutionsbiologin Caroline Ring hat in ihrem Sachbuch achtzehn Bäumen eine Geschichte gegeben. Die Gehölze stehen unter anderem in Jena (Graupappel), Magdeburg (Edelkastanie), Dresden (Pomeranze), Berlin (Weiße Maulbeere) oder Rostock (Sommerlinde). Und sie sind weit mehr als nur stille Beobachter. In ihnen tobt das Leben, sie stehen stolz und würdevoll, erhaben und elegant, mal in Straßen, mal auf Plätzen oder in Alleen. Sie sind langlebige Lebewesen, die mehr verdienen als einen flüchtigen Blick. Während sich um die Bäume herum jeder Tag anders abspielt, bleiben sie festgewurzelt stehen, überleben oft Generationen von Familien und doch wissen wir reichlich wenig. Zum Beispiel, wie ein ganzer Mammutbaumhain nach Stuttgart gekommen ist oder wie es Pomeranzen nach Dresden verschlagen hat.

Caroline Ring beschreibt ebenso behutsam wie anregend und setzt den ausgesuchten Bäumen kleine Denkmale. Das lesenswerte Sachbuch fordert den Leser auf, aufmerksamer und mit offenen Augen vielleicht auch mal zu hinterfragen, was da verwurzelt an Ecken und Plätzen steht. Das alles kommt ohne Zeigefinger daher, aber als kluge Würdigung jener Lebewesen, die immer weniger Lobby haben und dennoch so wichtig für unser Überleben sind. Caroline Ring öffnet auf ihrer Deutschlandtour zu den Bäumen uns die Augen für die zu oft nur beiläufig wahrgenommenen Baumschönheiten.

Botschafter des Lebens - Was Bäume in Städten erzählen Von Caroline Ring

255 Seiten, gebunden
1. Auflage 2020
Berlin Verlag

ISBN: 978-3-8270-1491-1
22,00 Euro

2. Eine zarte Liebesgeschichte

Albas Sommer

Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Auch das ist Lebenserfahrung und eine Weisheit, für die man nicht unbedingt Connie Francis’ Song braucht. Der Roman "Albas Sommer" erzählt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Angesiedelt am Rand der Pyrenäen im Spanien der 1870-er Jahre  entdecken die beiden Schwestern Luisa und Alba das Leben von der naturbewussten Seite. Während sich Luisa auf Schmetterlinge konzentriert, will Alba Botanikerin werden. Sie sammelt und entdeckt die Schönheit vieler Pflanzen.

So gern sie in den Bergen unterwegs ist und immer professioneller ein eigenes Herbarium anlegt, so unterschiedliche sind die Reaktionen ihrer Eltern. Während ihre Mutter die beiden Töchter immer aufgefordert hat, andere Wege zu gehen, sieht der konservative Vater diese Art moderner Erziehung mit gewisser Skepsis und hofft darauf, seine Töchter einfach nur gut zu verheiraten. Als der deutsche Botaniker Heinrich Willkomm eines Tages in der spanischen Provinz einen Freund besucht, ist es um Alba geschehen. Der verheiratete Mann erkennt die große Begabung der jungen Frau, verliebt sich zudem in sie und ermuntert sie, ihren eigenen Herzensweg zu gehen. Während sich die Industrialisierung immer stärker durch den Bau von Eisenbahnen durchsetzt und die Familie von Alba stark gefordert ist, offenbaren sich neben all dem Glück auch gesundheitliche wie gesellschaftliche Tragödien, die Alba nicht unberührt lassen.

Buchcover: "Albas Sommer" von Claudia Casanova
"Albas Sommer": Der historische Roman erzählt vom ungewöhnlichen Weg einer jungen Protagonistin in den spanischen Pyrenäen der 1870-er Jahre. Bildrechte: Eichborn-Verlag

Claudia Casanova hat bereits drei historische Romane geschrieben und ist in "Albas Sommer" ihrem Metier treu geblieben. Kurzweilig mit viel Romantik, Zeitgeschichte und vielen sinnlichen Naturschilderungen beschreibt sie den nicht ganz risikolosen Weg einer jungen mutigen Frau in eine neue Welt der Emanzipation und Gleichberechtigung. Ein leichtes Stück Wochenendlektüre, das nicht viel mehr will als zu unterhalten. Das gelingt der Autorin mit ihrer Geschichte wunderbar. 

Albas Sommer Von Claudia Casanova

240 Seiten, Hardcover
1. Auflage 2020
Eichborn-Verlag

ISBN: 978-3-8479-0054-2
18,00 Euro

3. Ein vergessener Klassiker

Reise um meinen Garten. Ein Roman in Briefen

Es mutet etwas komisch an, in einem Corona-Jahr ohne große Reisemöglichkeiten ein Buch zu lesen, das mit dem Nicht-Reisen kokettiert und gleichermaßen verführt, indem die Reise in einem Garten stattfindet. Schließlich findet sich dort alles, was sich auch in der Ferne ansammelt: Dramatik, Exotik, Ruhe, Eleganz, Wunder und Geborgenheit.

Alphonse Karr (1808-1890), exzentrischer Autor, erfolgreicher Blumenhändler, vielschreibender Redakteur des "Figaro", zudem Satiriker, Haschischkonsument und mit einer Dahlie, einer Rose sowie mit einem Heckenbambus (Bambusa glaucescens 'Alphonso Karri') geehrt, schrieb vor mehr als 170 Jahren einen Briefroman. Das mehrere hundert Seiten lange Werk verlegt die Weltflucht in den Garten. Damit beweist Karr, was so viele Menschen auch 2020 selbst erlebt haben: Der eigene Garten, respektive der Balkon oder die Terrasse, kann weitaus erhabender sein als jede Tour an einen italienischen Lago, ins französische Bergmassiv oder an tropische Strände. In 59 Briefen durchlebt Karr, beziehungsweise dessen fiktiver Briefschreiber Stephen, das Auf und Ab der Gartengefühle und schildert sie einem fernreisenden Freund, dessen Abschied Karr so grämt, dass er ihm, der in der Ferne große Abenteuer erlebt, seine eigenen Gartenabenteuer hinterher sendet.

Buchcover: "Reise um meinen Garten. Ein Roman in Briefen" von Alphonse Karr
Alphonse Karrs Briefroman "Reise um meinen Garten": gärtnerische Ode ans Daheimbleiben. Bildrechte: Verlag Die andere Bibliothek

Das Buch ist eine ebenso entschleunigende wie beruhigende Lektüre mit recht detaillierten Sichten. Sie liest sich mal anekdotenhaft, dann meditierend, mal belehrend, mal arrogant und mal humorvoll. Karr macht aus den kleinen Dingen große Momente, beschreibt Blüten, Bäume, Käfer, Schmetterlinge und zeigt dem Leser den Reichtum im vermeintlich Kleinen. So sehr Karr die Menschen um in herum verachtet, so liebevoll sieht er das Leben der Pflanzen und Insekten.

Der Verlag "Die Andere Bibliothek" hat diesen Buchschatz gehoben, der selbst in seiner Heimat Frankreich nach anfänglichen Erfolgen in Vergessenheit geraten ist. Wenige Verlage machen so lustvoll sinnliche, kurzum bibliophile Bücher. Das Lesen der 400 Seiten wird durch zahlreiche prachtvolle Illustrationen noch genussvoller. Der Briefroman wird so zur zärtlichen gärtnerischen Ode ans Daheimbleiben. Manchmal liegt das Gute näher, als man denkt.

Reise um meinen Garten. Ein Roman in Briefen Von Alphonse Karr
Aus dem Französischen von Caroline Vollmann, mit einem Vorwort von Eduard Bodi

400 Seiten, gebundene Ausgabe
erschienen: Oktober 2020
Verlag "Die andere Bibliothek"

ISBN: 978-3-847720317
24,00 Euro

4. Eine melancholische Entschleunigung

Wandern - ein stiller Rausch

Das Schreiben über Natur ist in den vergangenen Jahren ein wichtiger Bestandteil vieler Verlage geworden. Denn wie Natur wirkt, was sie in Autoren mehr noch bewirkt, wie sie auch den Lesern fesseln kann, ist nicht erst seit dem epochalen Naturausflug von Henry David Thoreau mit "Walden" eine festes Genre geworden. Die in Gotha geborene Schriftstellerin Sigrid Damm, die 2020 ihren 80. Geburtstag feierte und sich mit Büchern über Goethe und seinen Freundeskreis einen Namen gemacht hat, schrieb vor zwanzig Jahren ein Büchlein über ihre Wanderung durch die einsamen Landschaften des schwedischen Lapplands.

Buchcover: "Wandern - Ein stiller Rausch" von Sigrid Damm
"Wandern - Ein stiller Rausch": Die in Gotha geborene Autorin Sigrid Damm feierte 2020 ihren 80. Geburtstag. Bildrechte: Verlag Suhrkamp Berlin

Als 60-Jährige bricht sie gemeinsam mit ihrem 30 Jahre alten Sohn auf, um die Natur zu erfahren, die Stille zu spüren, mehr noch zu erfahren, was ihren Sohn in diese Abgeschiedenheit geführt hat. In Lappland angekommen, stellt sie fest, dass dieser Ort eines in ihr auslöst: eine wahre Schreiblust.

Mit fast sechzig hatte ich meinen Ort gefunden: Roknäs in Nordschweden. Warum so spät dieser Ort? Weil man ihn nicht suchen kann, sondern finden muss, seinen Ort.

Sigrid Damm: "Wandern - ein stiller Rausch." Berlin 2020

Die Wanderung dauert nur sieben Tage, aber die stummen Schritte auf schmalen Pfaden und durch grandiose Landschaften wirken: Der Kopf findet plötzlich die Freiheiten, sich in der Einsamkeit ans eigene Leben zu erinnern. Das ist die Stärke des Buches. Nicht nur die Natur zu beschreiben, sondern auch Geschichten zu erzählen: über Goethe in Italien, eigene Erlebnisse in Rom, die Geschichte der Samen, über Krieg und Hoffnung. 

Aus der Einöde Lapplands heraus öffnet sich der Geist der Autorin für Blicke zurück und Blicke nach vorne. Manchmal sind die Bilder der Landschaften so überwältigend, dass die Seele Zeit braucht, um nachzukommen. Für den Leser bedeutet es, sich losgelöst von der Ersterscheinung des Textes 2002 mit zahlreichen Bildern nun eigene Bilder der Landschaften und Geschichten zu machen. Ein großes kleines Buch über den Rausch der Stille.

Wandern – ein stiller Rausch Von Sigrid Damm

189 Seiten, gebunden
1. Auflage 2020
Verlag Insel Taschenbuch

ISBN: 978-3-458-68118-2
14,00 Euro

5. Eine bemerkenswerte Lebensgeschichte

Hanami. Die wundersame Geschichte des Engländers, der den Japanern die Kirschblüte zurückbrachte.

Die Pflanzengeschichte kennt verrückte Züchter, Sammler und Persönlichkeiten. Eine der ungewöhnlichsten Leidenschaften für  Gehölze hat der Brite Collingwood Ingram (1880-1981) entwickelt, der sich zeit seines Lebens für die Zierkirsche begeistern konnte und in dessen Leben Japan die zweite große Liebe wurde. 1902 reiste Ingram das erste Mal in die Ferne Japans und war verzaubert von der Vielfalt der weiß-rosa blühenden Zierkirschen in vielen Regionen. Fast 25 Jahre später offenbarte die fast schon aggressive Industrialisierung vieler Städte auch die Zerstörung von Landschaften. Im Land der aufgehenden Sonne ging parallel dazu die von Ingram geschätzte Vielfalt der Bäume unaufhaltsam unter. Nur die beliebte und geschätzte Sorte Somei-yoshina gab vielen Japanern noch die Kraft während der spektakulären Blüte.

Doch Ingram ängstigte diese blühende Einfalt. Also machte er sich daran, als Sammler die Pflanzen in seiner Heimat England zu bewahren, weiterzuzüchten, um am Ende Japan immer mehr der verlorenen Bäume als Jungpflanzen zu vermachen. Besonders stolz war er, als er es schaffte, die Weiße Zierkirsche 'Taihaku' mit der Transsibirischen Eisenbahn zurück in ihre Heimat zu bringen. Zwei Kartoffelhälften dienten als Nährstofflieferant.

Die in England lebende japanische Autorin Naoko Abe schildert in ihrer aufregenden Biografie das bewegende und beeindruckende Leben des großen Botanikers Collingwood Ingram. Sie taucht tief in die Kulturgeschichte der Zierkirsche und ihres eigenen Landes ein, schildert Umbrüche wie Aufbrüche. Umfangreich - mit der Tendenz etwas zu detailverliebt in die japanischen Geschichtsperioden zu blicken - beschreibt Abe ebenso vergnüglich wie anekdotenhaft Ingrams Leben, der sich mit Akribie und Exzentrik den Zierkirschen verschrieben hat. 50 japanische Arten konnte er vor dem sicheren Verlust bewahren und später wieder in Japan ansiedeln.

Cover des Buches "Hanami" von Naoko Abe
Die in England lebende japanische Autorin Naoko Abe schildert in der Biografie "Hanami" das beeindruckende Leben des Botanikers Collingwood Ingram. Bildrechte: S. Fischer Verlag

Die Biografie ist vielschichtig und durchweg lesenswert. Hier treffen sich zwei Menschen mit Passionen: Ingram für die Zierkirsche, Abe für Ingrams verrücktes Leben. Vor fünf Jahren hatte Naoko Abe ihr mittlerweile preisgekröntes Buch in Japan erstmals veröffentlicht. Nun ist es leicht ergänzt für den europäischen Markt endlich auch hierzulande erhältlich. Das ist ein Glücksfall, denn so ein Leben kann kein Hollywoodautor erfinden.

Hanami. Die wundersame Geschichte des Engländers, der den Japanern die Kirschblüte zurückbrachte. Von Naoko Abe
Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmair und Rita Seuß

432 Seiten, gebunden
erschienen: März 2020
Verlag S. Fischer Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-1039-7324-2
23,00 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Garten | 27. Dezember 2020 | 08:30 Uhr