Interview Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer über "Wagner22" und seine Zeit an der Oper Leipzig

"3 Wochen Unendlichkeit" ist das Motto der Festtage "Wagner 22" vom 20. Juni bis 14. Juli 2022. Dabei werden in der Geburtsstadt des Komponisten alle dreizehn Opern aufgeführt. Im Gespräch mit MDR KLASSIK berichtet der Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer über dieses einmalige Projekt und blickt zudem auf seine dreizehn Jahre an der Oper Leipzig zurück, die im Sommer zu Ende gehen werden.

Portrait von Prof. Ulf Schirmer.
Im Sommer 2022 wird Prof. Ulf Schirmer seine Zeit als Generalmusikdirektor und Intendant an der Oper Leipzig mit dem Festival "Wagner 22" beenden. Bildrechte: Tom Schulze

MDR KLASSIK: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch und an Ihr erstes Dirigat in Leipzig?

Ulf Schirmer: Mein erster Besuch in Leipzig war im Jahr 2003 – in der "MuKo", der Musikalischen Komödie. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Was ich vorfand, hat mich umgehauen! Die Atmosphäre war so positiv. Es gab diese spezielle "MuKo"-Energie, die ich gespürt habe. Ein bleibender Eindruck.

Dieser Besuch war aber nicht das ausschlaggebende Moment, dass sie 2009 hier zum Generalmusikdirektor gekürt worden sind.

Nein. Das war der "Parsifal". Im Jahr 2006 wurde ich gefragt, ob ich das Werk einstudieren möchte. Ich fühlte mich sehr geehrt und habe mich gefreut, mit dem Gewandhausorchester zusammenarbeiten zu dürfen. So lernte ich dieses Haus hier am Augustusplatz wirklich zum ersten Mal kennen.

Seit 2009 sind Sie Generalmusikdirektor in Leipzig, seit 2011 Intendant: Was hat Sie damals gereizt, die Intendanz eines so großen "Tankers" in einer überschaubar großen Stadt wie Leipzig zu übernehmen?

Ich habe kürzlich ein paar Aufzeichnungen von 2010 gefunden. Darin habe ich einige Gedanken entwickelt und festgehalten, was man mit dem Haus machen könnte, um es auf gesunde Beine zu stellen. Das war der Anfang und auch gar nicht so schwer. Ich bin sehr geprägt durch die Wiener Staatsoper. Ihr System habe ich immer im Hinterkopf gehabt und mich gefragt, wie man hier ein solches Repertoirehaus bilden kann. Das geht erst ab einer gewissen Größe, weil man genug Personal dafür benötigt. Ich hatte das Gefühl, die Oper Leipzig ist so ein Haus.

Diesen Gedanken habe ich mit mir herumgetragen. Als Generalmusikdirektor habe ich darüber nicht groß diskutiert. Denn die Diskussionen, die ich miterlebte, fand ich nicht hilfreich. Und vieles wurde mir später erst klar: Dieses Haus ist sehr komplex, allein durch die Zusammenarbeit mit dem Gewandhausorchester. Diese Koordination ist kompliziert. Das macht strukturell ganz viel mit dem Haus und das alles hat sich mir erst nach und nach erschlossen.

Wenn Sie zurückblicken, Ulf Schirmer: Worauf sind Sie besonders stolz und was hat Sie am meisten Kraft und Nerven gekostet?

Ich habe sehr viel lernen dürfen und das ist für mich erstmal das Wichtigste. Und obwohl ich nicht rumjammern möchte: Jetzt – nach der Leipziger Intendanz – nehme ich mir erstmal anderthalb Jahre Zeit und werde mich vollständig zurückziehen. Ich werde in Ruhe bedenken, was ich erlebt habe und was das mit mir gemacht hat. Und ich werde mir die Frage stellen: Wo will ich hin? Deswegen kann ich jetzt darüber noch keine Auskunft geben.

Aber eines ist völlig klar: Der Auftritt im Jahr 2013 mit Wagner in Bayreuth war mächtig. Daraus ist vieles gewachsen, was wir damals noch gar nicht wussten. Und: Die Corona-Zeit mit den Lockdowns, mit Spielplan-Änderungen ohne Ende – das war ein eigener Schaffens- und Lebensabschnitt für alle. Einige am Haus mussten einen zweiten Beruf dazu lernen, mussten sich in dieser neuen Situation spezialisieren, um das Richtige tun zu können. Viele Menschen hier im Leitungsteam haben sich weitergebildet, um mit den neuen Anforderungen und speziellen Begrifflichkeiten umgehen zu können. Wir werden erst in einigen Jahren sehen, was das mit uns gemacht hat. Ich habe vom ersten Tag an nicht geglaubt, dass es so werden wird wie früher. Ich habe meinen Leuten hier gesagt, das war's. Jetzt müssen wir uns umstellen und gucken, was kommt.

Am 20. Juni beginnen die Wagner-Festtage unter dem Motto "Drei Wochen Unendlichkeit". Was verbindet sich für Sie persönlich mit diesem Motto?

Das war eine Idee meines Marketingchefs und ich kann sehr viel damit anfangen. Denn: Wenn man sich in der Musik Wagners verliert, gibt es keine Zeit mehr. Das ist auch genau das, was er angestrebt hat. Das ist ja regelrecht thematisiert. Zum Beispiel in "Tristan und Isolde": Die Handlung selbst nimmt sehr wenig Raum ein. Was passiert zwischen den Handlungsmomenten? Die Zeit bleibt stehen und das Gefühlsleben der Handelnden musiziert sich aus ihren Projektionen, Hoffnungen und Sehnsüchten.

Außerdem sind "3 Wochen Unendlichkeit" ein schöner Widerspruch in sich, weil wir als Menschen die Unendlichkeit konkret nur so erleben können: Man ist im Moment. Dieser Moment kann sich zu einer gefühlten Unendlichkeit erweitern. Da das auch das Ziel der Kunst von Richard Wagner ist, haben wir drei Wochen lang sehr viele Angebote und Möglichkeiten, immer wieder diese Zeitdehnung zu erleben.

Ulf Schirmer in der Leipziger Oper.
Ulf Schirmer und das Gewandhausorchester Leipzig Bildrechte: Kirsten Nijhof

In Leipzig gibt es die einmalige Möglichkeit, sämtliche Opern Wagners hintereinander erleben zu können, auch die Frühwerke, die nicht nur den mythisch und mythologisch-aufgeladenen Wagner zeigen. Inwiefern erweitert das den Blick auf den Komponisten und was kann das für die Wagner-Rezeption bedeuten?

Ich habe dabei tatsächlich ein Anliegen verfolgt. Ich versuche ja sonst bei der Spielplan-Planung nicht so didaktisch und pädagogisch zu sein, weil ich sehr viel Vertrauen in die Phantasie der Zuhörenden habe. Aber einen pädagogischen Ansatz habe ich diesmal schon. Wir spielen fast alle Werke in der Reihenfolge der Entstehung. Das heißt, jemand der alle Opern gebucht hat (und das sind nicht wenige), ist in der Lage, den kompositorischen Weg von Wagner hörend und fühlend mitzugehen.

Das ist etwas, was Wagner partout nicht wollte. Er hat eine Selbstinszenierung gepflegt, die zeigen sollte, dass er als Genie vom Himmel gefallen ist: Ein Autodidakt tritt auf und ist gleich voll da. Gerade durch die Frühwerke merkt man, was für ein künstlerisches Potenzial Wagner hatte. Und man erkennt gleichzeitig, wie er sich dann weiterentwickelt hat. Meine Absicht war es, eine im positiven Sinne Entmythologisierung seiner Person herbeiführen zu können.

Das Gespräch führte Bettina Volksdorf für MDR KLASSIK.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 20. Juni 2022 | 07:10 Uhr

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