Vor 100 Jahren geboren Herbert Kegel — Ausnahmedirigent und Querdenker

Herbert Kegel setzte als Dirigent des Leipziger Rundfunkchors und des Rundfunk-Sinfonieorchesters künstlerische Maßstäbe, die bis heute fortwirken. Vor allem sein Einsatz für die Musik des 20. Jahrhunderts ist beispielhaft. Am 29. Juli wäre er 100 Jahre alt geworden.

Der Dirigent Herbert Kegel bei Rundfunkaufnahmen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig.
Der Dirigent Herbert Kegel bei Rundfunkaufnahmen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig. Bildrechte: MDR

Herbert Kegel war ein legendärer Dirigent mit sicherem musikalischen Gespür, mutig und bereit zu Tabubrüchen. Mit diesen Eigenschaften entwickelte er den Rundfunkchor in Leipzig zu einem der angesehensten Chöre weltweit. Die zeitgenössische Chormusik gehörte für Herbert Kegel und "seinen" Chor fast 30 Jahre lang zum zentralen Wirkungsbereich. Außerdem prägte der Dirigent eine große Reihe von Sinfoniekonzerten mit unkonventioneller Programmgestaltung. Zu den Höhepunkten seiner Leipziger Zeit zählen die Konzerte mit dem Rundfunkchor und konzertante Opernaufführungen.

Der Werdegang Herbert Kegels in Leipzig

Der Dirigent Herbert Kegel mit seinem Taktstock.
Herbert Kegel Bildrechte: MDR

1949 kam der 29-Jährige Herbert Kegel als Leiter des Rundfunkchores, der sich in jener Zeit noch im Aufbau befand, sowie des Großen Rundfunk-Orchesters nach Leipzig. 1958 wurde er zum Ersten Dirigenten und 1960 zum Chefdirigenten des Sinfonieorchesters berufen. Die Chefposition war vorher nicht besetzt gewesen. 1978 verließ der Dirigent die Leipziger Klangkörper und wechselte als Chefdirigent zur Dresdner Philharmonie.

Der unermüdliche Einsatz für neue Musik, darunter auch Kompositionen, die in der DDR umstritten oder kulturpolitisch verpönt waren, zeichnete Herbert Kegel aus. Béla Bartóks Cantata profana, das Anfang der 50er Jahre aus dem Programm genommen worden war, weil es zu dekadent und formalistisch sei, ließ Kegel im Herbst 1963 wiedererklingen. Ebenso sind Aufführungen des polnischen Stabat mater von Karol Szymanowski, der Glagolitischen Messe von Leoš Janáček und des War Requiem von Benjamin Britten dem leidenschaftlichen Wirken Herbert Kegels zu verdanken.

Der Dirigent Herbert Kegel mit den Rundfunkensembles beim Konzert in der Kongresshalle Leipzig.
Herbert Kegel mit den Rundfunkensembles bei einem Konzert in der Kogresshalle am Zoo in Leipzig. Bildrechte: MDR

Die konzertanten Leipziger Aufführungen der Opern Moses und Aron von Arnold Schönberg und Wozzeck von Alban Berg, aber auch des Parsifal von Richard Wagner sind legendär. Komponisten wie Karl Amadeus Hartmann, Hans Werner Henze, Luigi Nono und Krzysztof Penderecki fanden durch Herbert Kegel ihren musikalischen Weg nach Leipzig. Außerdem förderte er mit selbstloser Einsatzbereitschaft Ende der 60er Jahre eine ganz neue Komponistengeneration, darunter Friedrich Schenker, Friedrich Goldmann und Udo Zimmermann und brachte zahlreiche Werke zur Uraufführung.

Gleichzeitig liebte der Dirigent Brahms und Bruckner und bezeichnete sich selbst auch als "Romantiker". Ebenso schätzte er das klassische Repertoire nicht einfach nur als Pflichtprogramm:

Beethoven und Schubert wären sicher ohne Haydn und Mozart nicht das, was sie sind. Ebenso wären Schostakowitsch oder Schönberg ohne Mahler nicht denkbar. Das heißt aber doch in letzter Konsequenz, dass wir auch Dessau oder Eisler eben nicht ganz verstehen, wenn wir Mozart, wenn wir Bach nicht kennen.

Der Dirigent Herbert Kegel mit seinem Taktstock.
Herbert Kegel bei der Arbeit mit den Rundfunkensembles. Bildrechte: MDR

Als Herbert Kegel 1977 zu den Dresdner Philharmonikern ging, setzte er die Zusammenarbeit mit dem Rundfunkchor für Schallplattenaufnahmen fort und dirigierte Sinfoniekonzerte des Rundfunks als Gast.

In seinen letzten Jahren litt der Künstler unter Depressionen und schied am 20. November 1990 freiwillig aus dem Leben. Fast 100 Schallplatten und eine nicht überschaubare Menge an Tonbandaufnahmen bleiben und erinnern an den Ausnahmedirigenten und Querdenker.

Schwarz-weiß Aufnahme eines Mannes, der in einer Gruppe mit anderen Menschen zusammensteht. Sie alle schauen in dieselbe Richtung, es scheint als würden sie auf Notenblätter schauen. 55 min
Bildrechte: Werner Säubert (privat),

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Juli 2020 | 16:10 Uhr