Eine Seniorin sitzt in einem Rollstuhl vor einem Bildschirm und spielt ein Videospiel.
Rosalinde N. kegelt am Bildschirm und trainiert dadurch ihre Arme, um sich im Rollstuhl besser fortbewegen zu können. Bildrechte: MDR MEDIEN360G | Jana Maier

Gaming im Seniorenheim Kegeln an der Konsole

27. Oktober 2023, 00:01 Uhr

Rosalinde N. trainiert ihre Arme beim Kegeln. Sie ist 87 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl und wohnt in einem Erfurter Seniorenheim. Möglich ist ihr Training mit einem therapeutischen Videospiel, welches im Rahmen eines Modellprojekts programmiert und gestaltet wurde. Die Krankenkassen fördern den Einsatz digitaler Games für Seniorinnen und Senioren. Die geistige und körperliche Fitness soll mit den Spielen angeregt und die soziale Interaktion unterstützen werden.

Vor jedem Spiel schießt die Kamera ein Foto, und aus dem Lautsprecher des Fernsehers ertönt ein 'Bitte lächeln!'. Rosalinde N. wiederholt die Worte und freut sich sichtlich darauf zu spielen. Mit ihrem Oberkörper steuert sie ein Motorrad auf der Leinwand, wirft die Post in die Briefkästen oder trainiert ihre Arme beim Kegeln. Sie habe es probiert und gleich gekonnt. Im Gespräch schildert sie, dass es ihr helfe, im Oberkörper beweglich zu bleiben, um sich im Rollstuhl mit den Armen besser fortbewegen zu können. Am liebsten kegle sie oder spiele den Postboten, und zu zweit tanze sie am liebsten. Dabei macht ein Avatar des Spiels die Tanzbewegungen vor und Rosalinde N. macht diese nach. Für die korrekte Bewegung gibt es Punkte, und gemeinsam erreichen wir einen ausgefüllten Balken, mit dem das Spiel gewonnen wird.

Altersgerecht im Seniorenheim zocken

Die Senioren-Residenz am Erfurter Hirschgarten nutzt diese Art von Videospielen seit der ersten Stunde. Im Jahr 2019 entwickelte ein Start-up aus Hamburg eine Spielekonsole speziell für ältere Menschen. Die Konsole "soll Seniorinnen und Senioren dabei unterstützen, ihren Alltag aktiver zu gestalten und die körperliche und geistige Gesundheit trainieren", so Geschäftsführer Timm Witte. Es sei das Ziel, die Stand- und Gangsicherheit der Seniorinnen und Senioren zu stärken und die Motorik insgesamt zu verbessern. Zudem sollen Ausdauer und Koordinationsfähigkeit gefördert werden.

Mehrere Kinder sitzen nebeneinander vor Computern und spielen Videospiele.
Manche Lehrer setzen bereits Games in ihrem Unterricht ein. Christoph Kehl aus Jena ist der Meinung, dass er so mehr Kinder aus seiner Klasse erreicht als mit einem Sachtext. Bildrechte: Lucas Haasis

Die Körperbewegungen werden von einer Spezialkamera aufgenommen, um eine lebensnahe Interaktion zu ermöglichen. Bewohnerinnen und Bewohner können im Stehen, Sitzen oder sogar im Rollstuhl spielen. Die Bedienung ist einfach und intuitiv gestaltet. Controller sowie Steuerknöpfe sind nicht notwendig. Gespielt wird auf einem großen Bildschirm und der Avatar wird mittels Körperbewegungen gesteuert. Durch gemeinsame Aktivitäten an der Spielekonsole würden auch soziale Bindungen aufrechterhalten.

Es werden auch Erinnerungen an den früheren Kegelclub geweckt, hier entsteht oftmals eine wunderbare Gruppendynamik.

Timm Witte, Geschäftsführer RetroBrain R&D

Die Spiele bieten unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, die jeweils auf die individuelle Erkrankung und den aktuellen körperlichen oder geistigen Allgemeinzustand abgestimmt sind.

Testphase und Verbesserungen

Pflegerin Sarah Schenke betreut das Projekt von Beginn an vor Ort. Zunächst stand eine mehrjährige Testphase, bei der die Seniorinnen und Senioren aktiv einbezogen wurden. Zu dieser Testphase gehörten auch Fragebögen, die das Heim regelmäßig ausfüllen musste. Es sei eine gute Möglichkeit gewesen, um Verbesserungswünsche zu äußern. Häufig sei der Sensor ein Problem gewesen, der die spielende Person nicht erkannte. "Aber durch die Testphasen konnten wir gut mitwirken, dass es jetzt besser ist als zu Beginn." Noch heute wird immer montags, mittwochs und freitags gespielt.

Wünsche für die Weiterentwicklung

Porträt von Jacqueline Werner-Rösel.
Die Leiterin Jacqueline Werner-Rösel spricht über Vorteile für Seniorinnen und Senioren, wünscht sich aber weitere Möglichkeiten. Bildrechte: MDR MEDIEN360G | Jana Maier

Leiterin Jacqueline Werner-Rösel wünscht sich weitere Möglichkeiten, um die kognitiven Fähigkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner trainieren zu können. Auch Sarah Schenke erhofft sich zusätzliche Angebote, damit mehrere Personen gleichzeitig spielen können. Aktuell sind es maximal zwei. "Hier wären noch ein paar Spiele schön, um sich gegenseitig zu motivieren und miteinander zu spielen", sagt Schenke. Denn das Miteinander macht auch Rosalinde N. am meisten Spaß.

Wir werden alles dafür tun, wenn es die Möglichkeit gibt, die Lebensqualität unserer Bewohner zu steigern.

Jacqueline Werner-Rösel, Leiterin Alloheim Senioren-Residenz "Am Hirschgarten"

Blick in die Zukunft

Obwohl die Digitalisierung in Seniorenheimen Einzug hält, etwa durch Videotelefonie und Online-Bestellungen, seien digitale Spiele im Pflegebereich nach wie vor Neuland. Laut des Verbands der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) hat die "Evaluation der Testphase ergeben, dass die digitale Infrastruktur in vielen Pflegeeinrichtungen noch nicht ausgelegt ist für die Umsetzung präventiver Leistungen, die mit digitalen Formaten arbeiten."

In Thüringen besitzen bereits acht Einrichtungen eine Spielekonsole. Auch im Bereich der häuslichen Pflege werde weiter geforscht. Damit sollen pflegebedürftige Seniorinnen und Senioren auch im häuslichen Umfeld davon profitieren.

Die Videospiel-Konsole sollen vor allem einfach einsetzbar sein, "die Lebensqualität der Pflegebedürftigen positiv beeinflussen und dem Pflegepersonal die Arbeit erleichtern", so Patrick Krug, Landespressesprecher der BARMER Thüringen. Als Medizinprodukt wird der Einsatz der Videospiel-Konsole des Hamburger Unternehmens von allen Krankenkassen als Präventionsmaßnahme finanziert.

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