Charlotte Mittmann soll für den Pflegeheim-Platz ihres Mannes nun 600 Euro mehr pro Monat zahlen.
Charlotte Mittmann soll für den Pflegeheim-Platz ihres Mannes nun 600 Euro mehr pro Monat zahlen. Bildrechte: MDR exakt

Pflege Pflegeheim-Kosten: Über 3.000 Euro pro Monat

11. September 2022, 06:00 Uhr

Die Pflegekräfte erhalten seit Anfang September mehr Lohn, die Kosten dafür tragen zu einem großen Teil die Pflegeheim-Bewohner oder deren Angehörige. Hinzu kommen höhere Kosten für Strom, Heizung oder Lebensmittel. Die Eigenanteile haben sich in etlichen Einrichtungen auf über 3.000 Euro pro Monat erhöht. Das können sich viele nicht mehr leisten. Deshalb fordern Sozialverbände einen Umbau des Systems.

Gerade erst hat Charlotte Mittmann ein Schreiben bekommen: Der Eigenbeitrag für den Pflegeheim-Platz ihres Mannes in einem Heim der Marie Seebach Stiftung in Weimar in Thüringen soll um 600 Euro steigen. "Das ist schon ein ganz schöner Hieb, der einen da erwartet!", sagt die Rentnerin. Es würde bedeuten, dass die beiden 3.100 Euro pro Monat selbst zahlen müssen. "Und es ist auch in Aussicht gestellt, dass das nicht das Ende vom Lied ist!" Für die gestiegenen Kosten für den Platz in der Seniorenresidenz reicht die Rente dann nicht mehr aus, es geht an die Ersparnisse.

Und es ist auch in Aussicht gestellt, dass das nicht das Ende vom Lied ist!

Charlotte Mittmann

In den vergangenen Jahren stieg der von den Betroffenen selbst zu zahlende Eigenanteil an den Heimkosten kontinuierlich – im bundesweiten Durchschnitt von 1.772 Euro im Jahr 2018 auf 2.248 Euro im Juli 2022. Das sagen Zahlen des Verbandes der Ersatzkassen (vdek). Die Recherchen von MDR Investigativ zeigen zudem: Die derzeitigen Steigerungen der Heimpreise sind vielfach extrem. Deutschlandweit gibt es etliche weitere Heime, die mit den aktuellen Erhöhungen der Eigenanteile in den Bereich von 3.000 Euro und mehr pro Monat kommen. Und zwar auch im Osten Deutschlands, wo die Kosten für einen Heimplatz bislang deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt lagen.

Pflegeheime in Zwangslage?

Besonders seit dem 1. September sehen sich viele Heime in einer Zwangslage:  Denn jetzt muss den Angestellten Tariflohn – oder Lohn in vergleichbarer Höhe – bezahlt werden. "Die Erhöhung kommt vor allem aus den gestiegenen Lohnkosten", sagt Bernd Lindig, Geschäftsführer des Pflegeheims der Marie-Seebach-Stiftung in Weimar. Die Anpassung des Lohnes sei richtig und wichtig. "Doch das ist wirklich ein Schraubstock, zwischen dem wir zerrieben werden im Moment, und zwar an vielen Stellen, in der Leitung und auch beim Personal vor Ort." Die Kosten landen im jetzigen System laut Lindig "direkt bei den Bewohnerinnen und Bewohnern oder den Angehörigen".

Zusätzlich zu dem seit Jahren gezahlten – und seit Jahren unveränderten – Anteil der Pflegeversicherung an den Kosten zahlen die Pflegekassen jetzt einen weiteren Zuschlag zu den Pflegekosten. Dieser ist nach Aufenthaltszeit im Heim gestaffelt: Im ersten Jahr werden fünf Prozent des Eigenanteils an den Pflegekosten übernommen. Ab dem zweiten Jahr 25, ab dem dritten 45, und ab dem vierten Jahr im Heim 70 Prozent. Allerdings ist nach Berechnungen der Ersatzkassen nur ungefähr die Hälfte der Heimbewohner länger als zwei Jahre im Heim. Wer sich das Heim nicht leisten kann, muss Sozialhilfe beantragen.

Kosten sparen: Decken für den Winter

"Da ist die Angst, dass man das nicht mehr bezahlen kann", sagt Charlotte Heinemann, die in einem privaten Pflegeheim in Gröbzig in Sachsen-Anhalt lebt. Auch in diesem Heim soll der Eigenanteil, den die Bewohner zu bezahlen haben, zu Beginn des kommenden Jahres in die Nähe der 3.000 Euro monatlich steigen. "Und wenn der Staat uns da nicht wirklich ein bisschen Zuschuss gibt […] – ich weiß nicht, wie das dann werden soll."

Die Leiterin des Pflegeheims, Annett Rabe, versucht zu sparen, wo sie kann – vor allem auch angesichts der explodierenden Energiepreise. So ist etwa das Licht im Speisesaal jetzt meist gedimmt. Zudem hat sie sich mit Blick auf den Winter 120 Decken liefern lassen. Denn es soll zumindest in einigen Bereichen des Heimes die Heizung etwas herunter gedreht werden.

Sozialverbände fordern Umbau des Systems – und schnelle Hilfe

Die hohe finanzielle Belastung der Heimbewohner lasse sich nicht mehr vertreten, sagen Vertreter von Sozialverbänden und fordern einen Umbau des Systems. Damit nicht weiterhin jede Kostensteigerung zu Lasten der Betroffenen geht, solle der Eigenanteil der pflegebedürftigen Bewohner festgelegt und alle weiteren Kosten etwa von der Pflegeversicherung getragen werden, schlägt – neben anderen – auch der BIVA Pflegeschutzbund vor. "So weiß der Betroffene: wenn ich ein Heim beziehe, habe ich einen bestimmten Eigenanteil, und darüber hinaus kommen keine Kosten auf mich zu", sagt Ulrike Kempchen vom BIVA.

Dies wäre eine Art Umkehrung des bisherigen Systems. Denn über Jahre sind die Zuzahlungen der Pflegeversicherung unverändert geblieben, während sich die Zuzahlungen der Pflegebedürftigen kontinuierlich nach oben schraubten. Die seit Anfang des Jahres gezahlten Zuschüsse zum Eigenanteil an den Pflegekosten minderte diese Belastung der Betroffenen zwar, wird aber durch die aktuell sehr starken Preiserhöhungen der Heime wieder reduziert oder gar überkompensiert. Zumal die Entlastung für die ersten beiden Jahre im Heim eher gering ist.

Eine solche Änderung, durch die der Eigenanteil der Betroffenen festgeschrieben würde, während Kostensteigerungen zu Lasten der Pflegeversicherung gehen, ist in der Fachwelt unter dem Begriff "Sockel-Spitze-Tausch" bekannt. Der Sozialwissenschaftler Klaus Wingenfeld, Leiter des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld, hält das zwar für eine realistische Möglichkeit, aber: "Als Sofortmaßnahme ist das sicherlich nicht der richtige Weg." In der jetzigen Krise müsse Hilfe schneller kommen. Nach Ansicht Wingenfeld würden sich dafür bereits vorhandene Mittel besser eignen: "Das heißt beispielsweise im Heimbereich die Zuschüsse, die es seit Anfang des Jahres gibt – das könnte man ausbauen, dieses System anpassen, weiterentwickeln."

Wie wirken die bisherigen Zuschüsse für Betroffene?

Doch wie wirken diese Zuschüsse bislang? Das Bundesministerium für Gesundheit teilte MDR Investigativ mit, dass durchaus eine spürbare Entlastung erfolgt sei. Zwar habe der bundesweite Durchschnitt der Eigenanteile im Juli bei 2.247 Euro gelegen, aber: "Dem steht eine durchschnittliche Entlastungswirkung durch die Eigenanteilsbegrenzung von 368 Euro gegenüber. Damit kann diese Regelung bei den vom "Tariftreuegesetz" betroffenen Einrichtungen zumindest einen erheblichen Teil der entstehenden Mehrkosten ebenfalls auffangen."

Allerdings fragt sich angesichts der augenblicklich extremen Preiserhöhungen vieler Heime – die in vielen Fällen zwischen 500 und 1000 Euro oder gar noch höher liegen –, wie weit man mit einer Entlastung von im Schnitt 368 Euro pro Monat kommt. Die Leiterin des Pflegeheims in Gröbzig, Annett Rabe, hat für Charlotte Heinemann, die immerhin den höchsten Zuschuss von 70 Prozent erhält, deren Gesamtkosten ausgerechnet: "Frau Heinemann hat letztes Jahr noch monatlich 1.719 Euro zugezahlt als Eigenanteil. Durch den Leistungszuschuss Anfang dieses Jahres wurde das ein bisschen geschmälert." Dadurch habe die 94-Jährige nur noch 1.316 Euro zahlen müssen. "Doch wenn die anstehenden und notwendigen Erhöhungen alle durch sind, wird sie am Ende 2.200 Euro oder 2.300 Euro zu zahlen." Womit sie im kommenden Jahr bis zu 500 Euro mehr zahlen müsste als in der Zeit vor dem Zuschuss.

Entlastung der Betroffenen bedeutet höhere Kosten für die Gesellschaft

Das Bundesgesundheitsministerium wies gegenüber MDR Investigativ darauf hin, das bisherige System ermögliche "eine Steuerung des Interessenausgleichs zwischen den Anliegen der Pflegebedürftigen und den Anliegen der Beitragszahlenden im Sinne einer Beitragsbegrenzung". Dabei würden Anpassungen vorgenommen. Und weiter: "Beim Vorschlag des Sockel-Spitze-Tauschs liegt dagegen das finanzielle Risiko ausschließlich bei den Beitragszahlern."

Allerdings muss man auch sagen, dass das bestehende System über die Jahre die Zahl der Pflegebedürftigen, die für ihren Heimplatz auf Sozialhilfe angewiesen sind, vielerorts hat steigen lassen. Was zum einen für die Betroffenen und ihre Familien bedeutet, dass vorhandene Ersparnisse vorher zum größten Teil aufzubrauchen sind. Und was zum anderen auch bereits hohe Kosten für die Gesellschaft an anderer Stelle verursacht hat: nämlich durch die Belastung der Sozialhilfeträger, vor allem der Kommunen.

So haben sich zum Beispiel in der Stadt Leipzig die Kosten für Hilfe zu stationärer Pflege zwischen 2018 und 2021 fast verdreifacht: sie stiegen in diesem Zeitraum von 4,3 auf 12,2 Millionen Euro. Und auch die seit diesem Jahr gezahlten Zuschüsse werden offenbar nicht zu einer Reduzierung führen: denn für das Jahr 2022 werden im Augenblick Kosten von rund 14 Millionen geschätzt.

Der Sprecher der Stadt Leipzig, Matthias Hasberg, rechnet auch in naher Zukunft mit weiter steigenden Kosten, denn man stelle sich auf Steigerungen der Heimkosten in diesem Jahr von rund 500 Euro ein, und nochmal 500 im kommenden Jahr. Hasberg: "Und da wissen wir als Stadt ganz genau: Ein Großteil davon, wenn nicht alles, wird an den Sozialkassen hängen bleiben!"

Und da wissen wir als Stadt ganz genau: Ein Großteil davon, wenn nicht alles, wird an den Sozialkassen hängen bleiben!

Matthias Hasberg Sprecher Stadt Leipzig

Dass Vorschläge wie ein "Sockel-Spitze-Tausch", oder auch (nur) eine signifikante Heraufsetzung der Zuschüsse das System der Pflegeversicherung verteuern werden, sieht auch Professor Klaus Wingenfeld: "Es kostet auf jeden Fall mehr Geld. Die gesellschaftlichen Gruppen, die Arbeitnehmer, die Arbeitgeber, eventuell auch andere Gruppen, werden belastet, darüber muss man sich im Klaren sein. Aber ich glaube, man kommt da auch nicht drum herum."

Werden Pflegebedürftige fast automatisch zu Sozialhilfe-Empfängern?

Klar scheint, dass das System der Pflegeversicherung im Augenblick unter hoher Spannung steht und die Belastung der Betroffenen extrem ist. "Als ich vor 30 Jahren die Arbeit in der Altenpflege begann, kam gerade die Pflegeversicherung", berichtet Martin Gebhardt. Er ist bei der Diakonie Weimar-Bad Lobenstein für zehn Pflegeheime in Thüringen zuständig. Die Pflegeversicherung habe damals "diesen wichtigen Schritt getan, dass ich nicht mehr mit der Pflegebedürftigkeit zum Sozialhilfeempfänger wurde. Und wir sind nach 30 Jahren wieder an der gleichen Situation angekommen!"

Martin Gebhardt gibt eine düstere Prognose ab für den Fall, dass die Dinge bleiben wie sie sind: "Ich denke, wir sind jetzt auf einem Weg, wo wir mindestens 50 Prozent der Bewohner haben, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Und in manchen Regionen ist es bei jedem Neuen, der ins Heim zieht, dann ein Sozialhilfefall!"

Quelle: MDR Investigativ/ mpö

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