Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im «Berlin direkt»-Sommerinterview des ZDF mit Theo Koll (l), Leiter ZDF-Hauptstadtstudio Berlin
Bundeskanzler Olaf Scholz im ZDF-Sommerinterview: Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland sind "gut". Bildrechte: picture alliance/dpa/ZDF | Thomas Kierok

Teure Energie Deutsche Unternehmen investieren im Ausland – Scholz findet's "gut"

16. August 2023, 09:33 Uhr

Viel Bürokratie, teure Energie und zu wenig Fachkräfte: Deutschland als Standort bereitet vielen Unternehmen mittlerweile Sorgen. Immer mehr Firmen wandern deshalb ins Ausland ab – oder spielen zumindest mit dem Gedanken, abzuwandern. Auch Bundeskanzler Scholz hat sich jetzt dazu im Sommerinterview geäußert, doch er sieht an Investitionen im Ausland nichts Schlechtes.

MDR-Volontärin Sarah Bötscher
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Scholz hatte am Sonntag im ZDF-Sommerinterview Folgendes gesagt: "In jedem Volkswirtschaftskurs lernen die Studentinnen und Studenten, dass der Erfolg einer Volkswirtschaft darin gesehen werden kann, dass ihre Unternehmen auch im Ausland investieren. Nun muss ich ab und zu hören und lesen, dass das schlecht sei. Das ist gut."

Ragnitz: "Investitionen wenig Gutes"

Stirnrunzeln löst das bei Joachim Ragnitz aus, Wirtschaftswissenschaftler am Ifo-Institut Dresden. Auf die Anfrage von MDR AKTUELL reagiert er mit "Oha, hat Scholz das wirklich gesagt?" In der heutigen Zeit könne man an den Investitionen wenig Gutes finden, meint Ragnitz: "Man kann sich Fälle vorstellen, wo Unternehmen im Ausland investieren, weil sie dort beispielsweise einen Markt erschließen wollen. Da würde ich sagen, ja, das ist ein Zeichen, dass die Unternehmen insgesamt wettbewerbsfähig sind. Aber in der aktuellen Situation ist es ja wohl eher so, dass viele Unternehmen sagen, naja, in Deutschland ist die Energieversorgung zu teuer, möglicherweise auch zu unsicher. In anderen Ländern kriegen wir Subventionen, die wir hier nicht bekommen und dass sie deswegen ins Ausland gehen. Also dass das gut sei, kann man nun wirklich nicht behaupten."

Fast ein Drittel denkt an Verlagerung

Eine Umfrage des Bundesverbands der Deutschen Industrie vom Juni zeigt: 30 Prozent der befragten Unternehmen im industriellen Mittelstand denken darüber nach, Teile der Produktion und Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Weitere 16 Prozent seien schon aktiv dabei, also etwa jeder sechste Betrieb. Das nehme man auch in Thüringen wahr, sagt Ute Zacharias vom Thüringer Wirtschaftsverband: "Es gibt hier keine Abwanderungswelle, aber es gibt natürlich Überlegungen von Unternehmen, hier nicht mehr zu investieren und das sind keine guten Signale. Und das passiert ja in Deutschland, das ist ja nichts thüringenspezifisches, sondern in Deutschland ist noch nie so viel Kapital abgewandert, also es ist noch nie so viel Geld aus dem Land rausgeflossen wie im letzten Jahr. Und das ist durchaus bedenklich."

Gravierende Folgen möglich

Auch Zacharias schaut deshalb sehr kritisch auf die Aussage von Kanzler Scholz. Natürlich seien Investitionen ins Ausland erstmal normal, es komme aber auf das Motiv an. Wenn den Schritt jetzt immer mehr Unternehmen gingen, seien auch die Folgen gravierend, sagt Cornelius Plaul vom Institut für Mittelstands- und Regionalentwicklung, ein wirtschaftsnahes Forschungsinstitut in Dresden: "In erster Linie haben Industrieunternehmen eine relativ hohe Wertschöpfung. Das drückt sich dann auch in relativ hohen Verdiensten aus. Die würden dann natürlich den Arbeitnehmern vor Ort fehlen, es würden Gewerbesteuereinnahmen fehlen für die Kommunen. Und so zieht sich das wie ein Rattenschwanz durch das ganze System und würde den Standort insgesamt schwächen."  

In Mitteldeutschland spürt Plaul, dass über die Abwanderung vor allem energieintensive Branchen nachdenken – also Aluminiumproduktion, Gießereien, Papier- oder Glasherstellung.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. August 2023 | 07:13 Uhr

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