Debatte um Einbürgerungen Wirtschaftsforscher: Einwanderungsrecht schreckt Fachkräfte ab

Die Ankündigung von Innenministerin Faeser, Einbürgerungen in Deutschland künftig schneller und unkomplizierter zu gestalten, stößt bei Wirtschaftsforschern auf offene Ohren. Das mache Deutschland für Fachkräfte aus dem Ausland attraktiver. Entscheidender könnten aber Hürden an anderer Stelle sein – etwa bei der Vergabe von Visa.

Produktion von Camper Vans bei der CAPRON GmbH in Neustadt in Sachsen.
Produktion von Camper-Vans im sächsischen Neustadt: Die deutsche Wirtschaft ist auf einen Zustrom von Fachkräften angewiesen. Doch das aktuelle Einwanderungsrecht mache es qualifizierten Menschen aus dem Ausland schwer, sagen Wirtschaftsforscher. Bildrechte: dpa

400.000. Diese Zahl ist im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel in Deutschland nicht neu. 400.000 Menschen sind nötig, um den Bedarf des deutschen Arbeitsmarkts zu decken. Jahr für Jahr. Das Problem ist: Sie kommen nicht mehr.

Jedenfalls nicht mehr aus der EU, sagt Alexander Kritikos, Vorstand beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Bis zur Pandemie sei es gelungen, den Arbeitskräftebedarf abzudecken, zunächst über die Zuwanderung aus Südeuropa und dann durch Flüchtlinge. Aber, so Kritikos: "Seit zwei bis drei Jahren ist das alles relativ versiegt. Wir haben kaum Zuwanderung, derzeit kommen wir vielleicht auf 100.000 Menschen an Zuwanderung, brauchen aber nach wie vor 400.000 Menschen jährlich. Und das spüren wir jetzt."

Ökonomen: Deutschland nicht konkurrenzfähig

Alexander S. Kritikos, Forschungsdirektor des DIW
Alexander Kritikos, Forschungsdirektor des DIW Bildrechte: imago images / photothek

Schnelle Linderung sei nicht in Sicht, sagt Kritikos. Deutschland sei derzeit nicht konkurrenzfähig im Wettstreit um qualifiziertes Personal. Und das liege zu großen Teilen am Einwanderungsrecht: "Hier sehen wir eben derzeit, dass ausländische Fachkräfte außerhalb der EU nur nach Deutschland kommen können, wenn sie einen Job haben. Und diese Schnittstelle muss verändert werden", fordert der Wirtschaftsforscher.

Die Aussicht auf eine beschleunigte Einbürgerung könne in diesem Zusammenhang wichtig sein, sagt Kritikos. Sie sei aber allenfalls der zweite Schritt. Eine Einschätzung, die Wido Geis-Thöne teilt. Er ist Fachmann für Migrationsfragen beim Institut der deutschen Wirtschaft und sagt: "Natürlich ist es für die Fachkräfte aus dem Ausland ein starkes Zeichen: Du bist willkommen in Deutschland, du hast langfristige Perspektiven. Also wir haben da einen Wirkungsmechanismus. Aber der erste Punkt muss tatsächlich sein, noch mal an den Verfahren für die Visumvergabe anzusetzen."

Mehr als ein Jahr Wartezeit bis zum Aufenthaltstitel

Selbst für qualifizierte Menschen sei es schwierig, an einen Aufenthaltstitel zu kommen, sagt Geis-Thöne. Entsprechende Verfahren könnten gut und gerne ein Jahr und länger dauern. Dass Geflüchtete hier kurz- und mittelfristig Abhilfe leisten können, hält er für ausgeschlossen. Denn der Nachholbedarf in Sachen Qualifikation sei zu groß: "Wir haben durchaus Erfolge bei der Integration zu vermelden, aber einige Jahre danach muss man einfach sagen, es hat nicht den Beitrag zur Fachkräftesicherung geleistet, den wir 2015 in der Hoffnung erwartet hatten." Nach wie vor seien viele Menschen aus den typischen Herkunftsländern wie etwa Syrien arbeitslos oder hätten schlecht bezahlte Jobs, eben weil sie vielfach nur einfache Helfertätigkeiten ausüben könnten.

Arbeitsagentur: Zahl der arbeitslosen Geflüchteten konstant

Untermauert wird das von Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zu Personen im Kontext von Fluchtmigration, erklärt Sprecherin Susanne Eikemeier: "Bei den Arbeitssuchenden wissen wir: Es schwankt seit 2019 immer so um 400.000. Und bei den Arbeitslosen sind es immer so um 200.000." Es gebe zwar immer mal wieder Schwankungen um zehn oder 20 Prozent, pendele sich dann aber wieder auf diesem Niveau ein.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 29. November 2022 | 06:00 Uhr

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