Fließt wieder Erdgas aus Russland? Gasmangel: Bayern droht Gefahr beim Strom, dem Osten bei der Wärme

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
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Die Angst vor einem Gasmangel ist groß – die Landesregierungen bereiten bereits Krisenstäbe vor. Doch bei der Gasversorgung geht es nicht nur um warme Wohnzimmer – sondern auch um eine sichere Stromversorgung. Zumindest in einem Bundesland.

Uniper-Gaskraftwerk in Gebersdorf
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Sollte es im Winter in Deutschland zu einer Gasmangellage kommen, könnte das auch Folgen für die Stromversorgung im Süden Deutschlands haben. Denn dort ist man stark abhängig von Gas- und Atomkraftwerken. Besonders betroffen ist Bayern, darauf weist das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hin und plant deshalb einen sogenannten Stresstest beim Strom.

Zwar hatte ein erster Test im Frühling ergeben, dass die Stromversorgung sicher ist. Doch Bayern hat gleich mehrere Probleme, im Winter könnten sie zusammen eine toxische Mischung ergeben. Zum einen sollen Ende des Jahres die verbliebenden Atomkraftwerke (eins davon in Bayern) abgeschaltet werden – auch wenn sich Bayern zuletzt vehement für eine Laufzeitverlängerung eingesetzt hat. Kernenergie war im Jahr 2020 in Bayern immerhin für über ein Viertel der Stromproduktion verantwortlich.

Strommix in Bayern: Atom, Gas, Sonne

Zudem gibt es in Bayern kaum Windräder und Kohlekraftwerke. Und: Der Ausbau der Stromnetze aus dem Norden kommend wurde lange hinausgezögert. Im Jahr 2020 wurden 27,5 Prozent des Stroms in Bayern durch Kernenergie erzeugt, beim Erdgas waren es rund 16 Prozent. Sollten die Atomkraftwerke im Winter abgeschaltet und die Versorgung der Erdgaskraftwerke mit Gas unterbrochen werden, hätte Bayern also ein Stromproblem.

Das hält auch Professor Felix Müsgens für plausibel. Müsgens ist Professor für Energiewirtschaft an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus (BTU). Er sieht vor allem die Engpässe bei den Stromleitungen als Problem. "Aus dem Norden müsste der Strom aus Windkraftanlagen, aus dem Osten Strom aus den Kohlekraftwerken in den Süden transportiert werden. Dafür fehlen aber Kapazitäten im Stromnetz", sagt Müsgens. Diese sollten eigentlich schon seit Jahren ausgebaut werden. Doch vor allem in Bayern – aber auch in Thüringen – gibt es erheblichen Widerstand.

Ostdeutschland muss sich beim Thema Strom weniger Sorgen machen. "Hier haben wir eine Mischung aus Stromerzeugung durch Braunkohle und Erneuerbare Energien, vor allem Windkraft. Das hilft uns jetzt", sagt Professor Müsgens.

Geht jetzt der Streit ums Gas los?

Ob Deutschland im Winter eine Gasnotlage gibt, ist noch unklar. Doch sollte es soweit kommen, gibt es mehrere Möglichkeiten, um Bayern vor einer Stromlücke zu bewahren: So könnten die Kernkraftwerke weiterlaufen, Ministerpräsident Markus Söder (CSU) trommelt seit Wochen dafür. Allerdings lehnt die Bundesregierung das ab, außerdem laufen die Betriebsgenehmigungen Ende des Jahres aus.

Zweite Möglichkeit: Bayern erhält bei einem Gasmangel überproportional viel Gas, um seine Gaskraftwerke zu betreiben. "Spätestens dann geht das Gerangel los", sagt Felix Müsgens von der BTU in Cottbus. Denn dann würden bayrische Gaskraftwerke mit privaten Haushalten und energieintensiven Betrieben im Rest der Republik konkurrieren.

Bundesregierung will Gasmangel verhindern

Und eigentlich sieht der Plan der Bundesregierung bei einer Gasmangellage das Wiederanfahren von Steinkohle- und zusätzlichen Braunkohlekraftwerken zur Stromerzeugung vor – im Gegenzug soll weniger Gas zur Stromproduktion genutzt werden. So steht es explizit in einem Dokument der Bundeswirtschaftsministeriums. Der Plan würde Bayern besonders treffen.

Zwar füllten sich die Gasspeicher in Deutschland zuletzt sogar ohne Versorgung über Nord Stream 1 minimal weiter auf – denn Deutschland bekommt auch Gas von anderen Lieferanten als Russland und auch der Verbrauch ist aufgrund der Sommerzeit geringer – und lagen am Mittwoch bei einem Füllstand von rund 65 Prozent. Doch die Speicher müssen deutlich voller werden, um im Winter unabhängig von Russland zu sein. Von Russland aus strömt derzeit kein Gas mehr in die Bundesrepublik, weder über Nord Stream 1, noch über Pipelines in Bayern und Brandenburg. Gas kommt derzeit vor allem über Pipelines im Nordwesten nach Deutschland.

Laut Medienberichten war die drohende Gaslage am vergangenen Donnerstag auch Thema bei einer Schalte der Chefs der Staatskanzleien der Bundesländer mit dem Chef des Bundeskanzleramts. Demnach hieß es dabei, dass die Bundesregierung in seinem solchen Fall im Winter mit regionalen Notlagen rechne. Nach MDR-Informationen wurden in der Schalte keine konkreten Bundesländer genannt. Allerdings hieß es auch, dass einzelne Regionen in Deutschland nicht gut ans Gasnetz angeschlossen seien. Unklar blieb, welche das sind. Aus den Staatskanzleien von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen äußerte sich dazu niemand. Der "Spiegel" berichtete am Mittwoch aber, dass damit Bayern gemeint sei.

Gasmangel: Bundesländer alle gleich betroffen

Allerdings: Bei der Stromversorgung gibt es regionale Versorgungsunterschiede, beim Gas nur am Rande. So auch der Tenor aus dem sächsischen Energieministerium: "Es gibt keine regionale, von der bundesweiten Versorgung unabhängige Gasversorgung", teilte ein Sprecher mit. Grundsätzlich gelte, dass eine Unterversorgung mit Gas alle Länder beträfe und entsprechend eine Gasmangellage beziehungsweise Notfallstufe Gas auch bundesweit ausgerufen würde. Heißt also, die Füllstände einzelner Gasspeicher haben regional keine Auswirkungen.

Derzeit gilt in Deutschland die Alarmstufe Gas (Zweite Stufe), konkrete Auswirkungen hat diese für die Verbraucher nicht. Bei der sogenannten Notfallstufe (Dritte Stufe) kann die Bundesregierung Verordnungen zur Verteilung, zum Transport oder zu Einsparungen erlassen. Geregelt ist das im Energiesicherungsgesetz. Wer letztlich Gas erhält, entscheidet dann die Bundesnetzagentur. Aber: Sogenannte geschützte Verbraucher wie Haushalte, Krankenhäuser oder Gaskraftwerke für die Wärmeversorgung sollen "möglichst" bis zuletzt versorgt werden.

Krisenstäbe in Mitteldeutschland in Vorbereitung

Doch noch ist es nicht soweit, die Bundesländer warnen vor Panik. "Die Lage ist angespannt und eine Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden. Die Gasversorgung in Deutschland ist im Moment aber stabil. Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist derzeit weiter gewährleistet", heißt es etwa aus dem Thüringer Energieministerium.

Dennoch bereitet man sich dort auf das "Auftreten einer Mangellage" vor. Im Energieministerium arbeitet bereits eine Stabsstelle "Energie und Versorgungsicherheit". Dazu könnte ein Krisenstab auf Landesebene kommen, angesiedelt im Innenministerium. Das Energieministerium geht nach eigenen Angaben davon aus, dass der Krisenstab beim bundesweiten Ausrufen der Notfallstufe Gas aktiviert wird. Völlig unklar ist aber bisher, ob die Notfallstufe direkt ausgerufen würde, sollte Russland ab Donnerstag oder Freitag die Gaslieferungen nicht wieder aufnehmen.

Ähnlich wie in Thüringen sieht es in Sachsen und Sachsen-Anhalt aus: Im Freistaat gibt es zwar keinen zentralen Notfallplan, dafür aber eine interministerielle Arbeitsgruppe zum Thema Energie, das sächsische Energieministerium kann nach eigenen Angaben kurzfristig zusätzliche Arbeitsstrukturen aktivieren. Auch in Sachsen-Anhalt konstituierte sich in der vergangenen Woche eine interministerielle Arbeitsgruppe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL – Das Nachrichtenradio | 20. Juli 2022 | 15:00 Uhr

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