Zettel mit dem Hinweis Bis auf Weiteres: Keine Neuaufnahme von Patienten an der Tür einer Hausarztpraxis
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagt große Lücken in der medizinischen Versorgung voraus. Bildrechte: IMAGO/mhphoto

Gesundheitsversorgung 50.000 zu wenig ausgebildet: Lauterbach warnt vor gravierendem Ärztemangel

15. April 2024, 14:15 Uhr

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat vor großen Lücken in der medizinischen Versorgung in Deutschland gewarnt. In den letzten zehn Jahren seien 50.000 Ärztinnen und Ärzte zu wenig ausgebildet worden, sagte Lauterbach im ARD-"Bericht aus Berlin". In der Pflege fehlen zudem 30.000 Vollzeitkräfte. Entwürfe der Gesundheitsreformen für Ländergespräche liegen vor und können nun mit den Ländern beraten werden.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach stimmt die deutsche Bevölkerung auf große Lücken in der medizinischen Versorgung ein. "Wir haben 50.000 Ärztinnen und Ärzte in den letzten zehn Jahren nicht ausgebildet. Daher werden uns in den nächsten Jahren flächendeckend die Hausärztinnen und Hausärzte fehlen. Wir werden in eine ganz schwierige Versorgungssituation kommen", sagte der SPD-Politiker am Sonntagabend im ARD-"Bericht aus Berlin". Den künftigen Mangel "kann man sich noch gar nicht richtig vorstellen", warnte er.

Mehrbedarf von 5.000 Medizin-Studienplätzen pro Jahr

Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, steht nach seinem Besuch vor dem Gesundheitskiosk im Stadtteil Billstedt.
Karl Lauterbach, Bundesminister für Gesundheit, steht nach seinem Besuch vor dem Gesundheitskiosk im Stadtteil Billstedt. Bildrechte: picture alliance/dpa | Marcus Brandt

Lauterbach verwies auf sein geplantes Gesetz, das die Versorgung vor Ort stärker absichern soll. Im aktuellen Entwurf, der nun im Bundestag beraten wird, fehlen allerdings die sogenannten Gesundheitskioske, die in Regionen mit vielen sozial benachteiligten Menschen entstehen sollten, wie er auf Nachfrage einräumte. Gemeint sind leicht zugängliche Beratungsstellen für Behandlung und Prävention, die von einer Pflegekraft geleitet werden. Gefragt nach dem Widerstand insbesondere der FDP dagegen sagte der Minister: "Im Entwurf waren einige Dinge – die standen strittig zwischen den Beteiligten. Und da habe ich einfach Tempo gemacht. Ich kann jetzt nicht ewig darauf warten, bis wir uns auf Kabinettsebene über die Kioske einigen – zumal das ja nur ein ganz kleiner Teil ist." Über die Kioske werde noch später verhandelt.

Lauterbach verwies darauf, dass nach seinen Plänen für Hausärzte Vergütungs-Obergrenzen (Budgets) wegfallen sollen. Dies sei wichtig, um Nachwuchs zu gewinnen. Wenn die Budgets wegfallen, werde ein größerer Teil junger Mediziner sich für den Hausarztberuf entscheiden, sagte er. "Selbst dann wird der Mangel gravierend sein. Aber es muss sofort kommen." Zur Finanzierung zusätzlicher Medizinstudienplätze sagte er, dagegen sperrten sich unter anderem die Länder, die nicht mehr Geld dafür ausgeben wollten. Es würden 5.000 Studienplätze pro Jahr fehlen. Deshalb würden wir in den nächsten zehn Jahren insgesamt 50.000 Ärzte zu wenig haben. Jeder werde das spüren.

Krankenkassen: In der Pflege fehlen 30.000 Vollzeitkräfte

Eine Pflegeassistentin aus China
In der Pflege fehlen 30.000 Vollzeitkräfte. Bildrechte: picture alliance / dpa | Jens Wolf

In der Pflege fehlen nach Einschätzung des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen derzeit rund 30.000 Vollzeitkräfte. GKV-Vize Gernot Kiefer sagte den Funke-Medien, wenn nicht gegengesteuert werde, werde die Lage in zehn Jahren dramatisch. Aktuell gingen zu viele hochqualifizierte Pflegerinnen und Pfleger zu früh aus dem Beruf. Es sei deswegen sinnvoll, gut ausgebildeten Fachkräften mehr medizinische Kompetenzen und Einsatzbereiche zu geben, wie es Bundesgesundheitsminister Lauterbach plant.

Künftig sollten Pflegefachkräfte nach Auffassung der Kassen auch Folgemedikamente verschreiben können, etwa bei der Behandlung eines chronischen Bluthochdrucks. Grundsätzlich könnten Pflegekräfte auch die Einstufung für den Pflegebedarf übernehmen. Pflegekräfte hätten genau die Kompetenz, die nötig sei, um den Zustand eines Patienten zu beurteilen und eine Empfehlung für die Pflegekassen abzugeben, sagte Kiefer. Es dürfe dabei nur nicht zur Vermischung mit geschäftlichen Interessen kommen.

Ein nachgebautes Krankenhauszimmer mit zwei Patientenbetten. Im vorderen liegt eine lebensgroße Puppe. Dahinter sieht man zwei Auszubildende, die eine weitere Puppe in einen Rollstuhl setzen. 4 min
Bildrechte: Jasmin Koch

Entwürfe der Gesundheitsreformen für Ländergespräche liegen vor

Die vom Bundesgesundheitsministerium geplanten Gesundheitsreformen nehmen weiter Form an. Die jetzt öffentlich gewordenen Referentenentwürfe für die Reform der Krankenhäuser sowie der ambulanten Versorgung nennen als große Ziele eine größere Behandlungsqualität, flächendeckende Versorgung sowie Entbürokratisierung. Zeitnah will Bundesgesundheitsminister Lauterbach mit den Ländern über die Entwürfe beraten. Ende April soll das Kabinett dazu tagen.

Während viele Aspekte wie die Vorhaltepauschalen für Kliniken und eine bessere, teils pauschale Vergütung für Hausärzte bereits bekannt waren, finden sich unter anderem die geplanten Gesundheitskioske als niedrigschwellige Beratungsstellen nicht mehr in den aktuellen Entwürfen. Auch zu zusätzlichen Medizinstudienplätzen findet sich nichts.

Herzstück des "Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz" ist die geplante Vorhaltepauschale für gewisse Leistungen und Strukturen. Damit soll die bisherige Fallpauschale pro Patient ergänzt werden. Weiter will Lauterbach durch eine stärkere Konzentration auf Leistungsgruppen die Qualität stärken. Es werde kein Krankenhaussterben geben, hatte der Minister versprochen, aber nach und nach müsse die Zahl der Häuser sinken. Maßgeblich soll hier der geplante Transparenz-Atlas ins Gewicht fallen, der ab Mai über Leistungen und Qualität aller Kliniken bundesweit informieren soll.

Beim "Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz" geht es um die Stärkung der Hausärzte, aber auch eine größere Mitsprache der Pflegeberufe und Hebammen im Gemeinsamen Bundesausschuss von Kassen und Ärzten. Hausärztliche Leistungen sollen künftig nicht mehr budgetiert werden. Darüber hinaus sind Pauschalen für besondere hausärztliche Leistungen sowie die Versorgung chronisch Kranker geplant.

KNA, dpa, AFP (das)

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. April 2024 | 09:13 Uhr

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