Die historische Straßenbahn "Wilde Zicke" fährt durch Naumburg
Trotz ihrer Beliebtheit ist die Zukunft der Naumburger Straßenbahn ungewiss. Bildrechte: picture alliance / Peter Gercke/dpa-Zentralbild/ZB | Peter Gercke

Zukunft der Naumburger Straßenbahn Burgenlandkreis bittet Land um Hilfe

15. Februar 2024, 04:46 Uhr

Die Straßenbahn in Naumburg ist auch als "Wilde Zicke" bekannt. Sie zieht Touristen an und wird von vielen Einheimischen genutzt. Ihre finanzielle Zukunft ab 2025 ist jedoch ungeklärt. Nun bittet der Burgenlandkreis bei der Finanzierung das Land um Hilfe.

Die Zukunft der Naumburger Straßenbahn steht auf der Kippe. Nun will der Burgenlandkreis die Landesregierung um Hilfe bitten. Landrat Götz Ulrich (CDU) sagte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz, er wolle sich dazu mit Infrastrukturministerin Lydia Hüskens (FDP) treffen. Am 11. März soll der Kreistag über das weiter Vorgehen informiert werden. Der Burgenlandkreis betonte bereits, dass man das aktuelle Personal unbedingt behalten wolle. Dabei handele es sich schließlich um Experten für die alte Bahn.

Hintergrund ist die mögliche Übernahme der Bahnen durch den Landkreis. Demnach will der Burgenlandkreis Anteile des privaten Betreibers, der Naumburger Straßenbahn GmbH (NSB), übernehmen. Dafür verlangt die NSB bis zu 1,1 Millionen Euro, was der Kreistag zuletzt ablehnte.

Die Straßenbahn GmbH spricht in einer Presseerklärung davon, der Landkreis würde das Unternehmen zum Verkauf drängen. Gleichzeitig sei der angebotene Kaufpreis zu gering. Der Burgenlandkreis bestätigte, dass man sich während der Verhandlungen auf keinen Kaufpreis einigen konnte, der den privaten Gesellschaftern zugutegekommen wäre.

Keine Einigung bei Kaufpreis

Der Burgenlandkreis hatte sich laut eigener Erklärung zunächst bereit erklärt, die jährlichen Defizite der Straßenbahn in sechsstelliger Höhe zu tragen. Die Stadt Naumburg wollte zudem die Infrastruktur (Schienennetz und Depot) weiter finanzieren. Am Ende habe man mit den privaten Gesellschaftern aber keine Lösung finden können.

Aus einer Pressemitteilung der Naumburger Straßenbahn GmbH (NSB) vom Dienstag heißt es, der Landkreis würde die Mit-Finanzierung an "untragbare Bedingungen" knüpfen. Die NSB sei vor eine Wahl gestellt worden: Entweder das Unternehmen schenke dem Landkreis ihr Betriebsvermögen oder die Finanzierung der Straßenbahn könne nicht mehr gesichert werden, so der Geschäftsführer Andreas Plehn. Der Burgenlandkreis sei nicht bereit gewesen, einen angemessenen Kaufpreis für die Fahrzeuge zu zahlen, so die NSB.

Der Burgenlandkreis stellt uns vor die Wahl: Entweder die Straßenbahn steht vor dem Aus oder wir schenken das Unternehmen dem Burgenlandkreis und geben uns mit der aktuellen Qualität des Stadtverkehrs Naumburg zufrieden.

Andreas Plehn Geschäftsführer der Naumburger Straßenbahn GmbH

Zudem habe der Landkreis eine Mit-Finanzierung der Betriebskosten davon abhängig gemacht, die NSB als Gesellschafter kontrollieren zu können, hieß es in der Mitteilung weiter. Diese Verknüpfung sei sach-widrig. Damit solle das Unternehmen daran gehindert werden, Vorschläge für eine Verbesserung des Verkehrs-Angebots öffentlich vorzustellen.

Ist das Deutschlandticket in Naumburger Straßenbahnen bald nicht mehr gültig?

Wie die Straßenbahn GmbH mitteilte, fehle dem Unternehmen eine dauerhafte Basis-Finanzierung. Demnach könne die NSB das Deutschlandticket bald nicht mehr akzeptieren. Für die Nutzung des Tickets erfolge bisher kein finanzieller Ausgleich. Durch eine Zahlung der Stadt Naumburg kann den Angaben zufolge das Fahrplan-Angebot nur noch bis 2025 gehalten werden.

Stadt, Landkreis und Straßenbahn GmbH sind gesprächsbereit

Landrat Götz Ulrich (CDU) wird in der Erklärung mit den Worten zitiert: "Die Naumburger Straßenbahn spielt eine wichtige Rolle für den Tourismus im Landkreis. Wir haben daher unsere ganzen Bemühungen in eine effektive Lösung gelegt, die alle Beteiligten zufriedenstellen sollte."

Wir bleiben gesprächsbereit, die Tür ist nicht zugeschlagen.

Götz Ulrich (CDU) Landrat Burgenlandkreis
Götz Ulrich
Landrat Götz Ulrich (CDU) zeigte sich gesprächsbereit. Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas

Dass die Verhandlungen für ein tragfähiges Finanzierungs-Konzept scheiterten, begründete er mit dem hohen Kaufpreis, den der Landkreis an die privaten Gesellschafter hätte zahlen müssen. Er könne nicht ansatzweise erkennen, dass der Kreistag dem zugestimmt hätte.

Der Landrat wird weiter zitiert: "Wir bleiben gesprächsbereit, die Tür ist nicht zugeschlagen. Aber angesichts des hohen Drucks aus den kreisangehörigen Gemeinden und dem Kreistag, die Kreisumlage zu senken und die Haushaltslage aller Gemeinden im Auge zu behalten, sind uns finanzielle Grenzen gesetzt. Diese wurden angesichts der Forderungen der Gesellschafter der Naumburger Straßenbahn GmbH weit überschritten."

Mehr zur "Wilden Zicke" können Sie auch in dieser Reportage aus dem November 2023 hören:

Naumburgs Oberbürgermeister Armin Müller (CDU) ergänzte: "Wir haben alles Mögliche dafür getan, um die "Ille" für die Welterbe-Stadt Naumburg zu erhalten – auch als Teil des ÖPNV – neben dem Bus-Verkehr. Die Stadt hat die Naumburger Straßenbahn in der Vergangenheit immer finanziell unterstützt. Eine Ausweitung des finanziellen Engagements lässt der städtische Haushalt jedoch nicht zu. Wir bleiben aber für andere Lösungen immer gesprächsbereit".

Eine Ausweitung des finanziellen Engagements lässt der städtische Haushalt jedoch nicht zu.

Armin Müller (CDU) Oberbürgermeister Naumburg

Investitionen als Begründung für hohen Kaufpreis

Die NSB rechtfertigt den Preis mit über die Jahre getätigten Investitionen. Seit 2007 sei die Straßenbahn täglich im Betrieb. Inzwischen umfasse die befahrene Strecke 2,8 Kilometer. Im vergangenen Jahr habe man 240.000 Fahrgäste befördert. Die Übernahme durch den Burgenlandkreis wird trotz Uneinigkeiten von allen Seiten als nötiger Schritt erachtet. Die NSB verzeichnete zuletzt jährlich Defizite, die aktuell bereits vom Burgenlandkreis ausgeglichen werden. Vor allem wegen steigender Personalkosten erwartet die NSB nach eignen Angaben, dass auch die Defizite weiter steigen werden.

Die Straßenbahn GmbH erklärte weiter, sie habe dem Landkreis das Angebot gemacht, einen Vertrag mit der NSB abzuschließen. Demnach ist kein Kauf von Gesellschaftsanteilen nötig. Die Geschäftführer Andreas Plehn und Andreas Messerli seien weiterhin für die Fortsetzung "fairer und zukunftsgerichteter Gespräche zu einer Mit-Finanzierung durch den Burgenlandkreis" bereit. Die Straßenbahn GmbH setze sich für den Erhalt und Ausbau des ÖPNV in Naumburg ein.

Historische Straßenbahn bei Touristen beliebt

Die Naumburger Straßenbahn wird im Volksmund Ille, Groschenhexe und seit DDR-Zeiten häufig auch Wilde Zicke genannt. Sie fährt seit Ende des 19. Jahrhunderts und war jahrzehntelang die einzige Ringbahn Europas. Sie ist auch bei Touristen in der Region beliebt.

MDR (Katharina Osterhammer, Stephan Schulz, Mario Köhne, Hanna Kerwin, Dennis Blatt)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 13. Februar 2024 | 17:30 Uhr

7 Kommentare

Bernd_wb vor 9 Wochen

Es geht nicht um Kuchen oder Gewinne. Der BLK scheint Herrn Plehn ausbremsen zu wollen, denn die NSB hat Ideen wie man den Nahverkehr in Naumburg verbessern und besser abstimmen könnte. Beispiel wenn ich aus Norden mit der Bahn nach Naumburg komme ist die Straßenbahn gerade weg und ich muss ca 25 Minuten warten. Das ist nicht fahrgastunfreundlich. Auch macht es Sinn wenn Busse und Straßenbahn abgestimmt sind. Die Gesellschafter lieben die Straßenbahn, da ist viel Herzblut. Und wenn die Straßenbahn in 2023 Rekordfahrgastzahlen hatte sollte man die NSB auch hier finanziell am Deutschlandticket beteiligen. Und Feste in Naumburg wie Weinfest oder Hussiten Kirschfest würde ohne Straßenbahn verlieren.

Erna vor 9 Wochen

Wie sieht denn die ÖPNV-Alternative aus wenn die Bahn nicht mehr fährt? Die Alternative wären ja dann wohl Elektrobusse wo ein einziger allein sicher auch einen sechsstelligen Betrag kostet, was dem Defizit für ein Jahr entspricht.

MDR-Team vor 9 Wochen

Hallo ewdschulze,
im Laufe des Tages wird es eine Pressekonferenz geben, die wir begleiten. Die Stimmen der NSB ergänzen wir anschließend.
Freundliche Grüße aus der Redaktion.

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