Gesundheit als Grundrecht Warum eine Ärztin aus Halle Menschen ohne Krankenversicherung hilft

Was tun, wenn ein Mensch ohne Krankenversicherung vor der Praxistür steht? Für die Ärztin Alice Gerloff ist die Antwort klar: Helfen. Als Allgemeinmedizinerin unterstützt die gebürtige Magdeburgerin den Verein "Medinetz Halle" und behandelt auch unversicherte Menschen. MDR SACHSEN-ANHALT hat sie in ihrer Praxis zum Interview getroffen.

Allgemeinmedizinerin Dr. Alice Gerloff
Allgemeinmedizinerin Dr. Alice Gerloff begrüßt ihre Patientinnen und Patienten am Eingang gleich in vielen Sprachen Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Das Medinetz Halle engagiert sich als Verein für Menschen, die keine Krankenversicherung besitzen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung haben. In ihrem angemieteten Ladenlokal in Halle sind Ehrenamtliche Anlaufstelle für erste Diagnosen und Beratungsgespräche. Wenn das nicht ausreicht, vermittelt das Medinetz die Hilfesuchenden an kooperierende medizinische Praxen, die sich bereit erklärt haben, die Behandlungen kostengünstiger oder sogar kostenlos zu übernehmen. So wie Alice Gerloff.

Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Sofa und schauen lächelnd zur Kamera.
Katja Liebing und Jonatan Lange vom Medinetz Halle in den Räumlichkeiten der Merseburger Straße. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Gerloff, warum halten Sie es für wichtig, dass es das Medinetz gibt und warum unterstützen Sie es?

Alice Gerloff: Ich unterstütze das Medinetz, weil die Gesundheit für mich ein Grundrecht ist. Und weil einige Menschen durchs Raster fallen und ich das schlimm finde. Es gibt ganz viele Gründe, warum Leute nicht krankenversichert sind. Erstmal finde ich, dass es ihnen zusteht, gesundheitlich versorgt werden. Es ist ja auch eigentlich im Sinne der Gesamtgesellschaft; denn ein Leiden, das nicht behandelt wird, wird vielleicht schlimmer.

Auch wirtschaftlich kann das höhere Kosten verursachen. Wenn es um Infektionen geht, dann geht es ja auch nicht um den Einzelnen. Da sollten wir alle ein Interesse daran haben, dass die Leute ordentlich behandelt werden.

Solange ich meine eigene Arbeitskraft dafür zur Verfügung stellen kann, mache ich das sehr gerne.

Alice Gerloff Allgemeinmedizinerin

Wie sind Sie überhaupt auf das Medinetz aufmerksam geworden?

Ich hatte einen engagierten Studenten zum Praktikum in meiner Praxis – der hat den Kontakt hergestellt. Er ist auch sehr aktiv beim Medinetz, inzwischen selber Arzt und der hat mich dazu gebracht. Das ist so vier oder fünf Jahre her.

Die Untersuchungen bieten Sie für Patienten ja kostenfrei an. Wie läuft das ab?

Die Untersuchung, das Gespräch, alles, was ich mit meinen Händen und den Geräten, die ich hier habe, leisten kann, das ist natürlich kostenlos. Für alles, was darüber hinausgeht, braucht man einen Partner. Dafür gibt es zum Beispiel ein Labor in Halle, das auch Laboruntersuchungen kostenlos zur Verfügung stellt. Radiologische Untersuchungen sind möglich. Dann wird es meistens schwierig, was fachärztliche Untersuchungen angeht. Es gibt auch Spenden-Apotheken, die sich da beteiligen. Alles, was darüber hinaus ist, muss finanziell über Spenden gelöst werden, etwa durch das Medinetz.

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Medizinisches Equipment
Bildrechte: imago images/AFLO
Medizinisches Equipment
Bildrechte: imago images/AFLO
Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Sofa und schauen lächelnd zur Kamera. Eine Frau steht an einem Tresen und lächelt in die Kamera.
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Ein Piktogramm von einem Arzt
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Ein Piktogramm von einem Stethoskop
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Ein Piktogramm von Pillendosen.
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Ein Piktogramm von einer Frau, die einen Mann im Rollstuhl schieb. Daneben ein Piktogramm einer Ärztin
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Piktogramme von Krankenkassenkarten
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Dieses Thema im Programm:

MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06.08.2021 | 12:00 Uhr
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Könnte Ihnen rechtlich etwas passieren, wenn Sie zum Beispiel anonyme Untersuchungen anbieten?

Nein, also rechtlich kann mir da nichts passieren. Ich gehe natürlich mit dem Patienten ein Behandlungsverhältnis ein. Ob das nun bezahlt oder unbezahlt ist, spielt keine Rolle. Also wenn ich einen Kunstfehler begehe, bin ich natürlich dafür haftbar. Das ist auch in Ordnung so, aber ansonsten kann mir nichts passieren. Ich bin ja freiberuflich tätig, also es kann sich jetzt auch keine Krankenkasse oder ein anderer Kostenträger beschweren, dass ich das hier kostenlos machen würde. Da droht mir zum Glück nichts.

Wie viele unversicherte Menschen untersuchen Sie monatlich?

Das sind schon zwischen ungefähr drei und fünf Menschen im Monat. Oft kommen diese dann auch immer wieder. So ein gesundheitliches Problem löst sich ja nicht gleich. Das ist dann auch manchmal notwendig, dass man die Patientinnen und Patienten regelmäßig sieht.

Mit welchen Beschwerden kommen die Patientinnen und Patienten denn zu Ihnen?

Das können Infektionen sein, Beschwerden am Bewegungsapparat, auch schwerwiegende chronische Krankheiten. Ich habe auch einen Patienten mit einer Krebserkrankung. Es ist genauso der Querschnitt der Bevölkerung wie sonst im restlichen Patientengut auch.

Bei einer Krebserkrankung unversichert sein – da fehlt ja dann wirklich der Zugang, beispielsweise zu wichtigen Medikamenten. Was macht man da?

Ja, es gibt ja verschiedenste Gründe, warum Menschen unversichert sind. Das ist jemand, der zu Besuch in Deutschland war und für eine kurze Zeit eine Reisekrankenversicherung abgeschlossen hatte. Die ist dann ausgelaufen, der Aufenthalt hat sich aber wegen Corona verlängert. Wegen der schlechten Gesundheit kann er nicht ausreisen und dementsprechend ist er hier irgendwie gefangen, braucht hier Versorgung, die er auch in seinem Heimatland wahrscheinlich nicht so gut bekäme. Und die Familie stemmt das aus eigenen Mitteln.

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Ist es auch schon einmal passiert, dass eine Person zu Ihnen kam und Sie nicht mehr helfen konnten?

Wir hatten kürzlich eine Patientin, wo wir gar nicht wissen, was sie hatte, aber sie war in einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand. Die kam aus einem Land in Europa, was aber nicht zur Europäischen Union gehört und ist im Heimatland nicht krankenversichert. Das ist natürlich eine Person, die dann am Ende auch bei uns in den Krankenhäusern landet. Die Versorgung wird am Ende auch von unserer Volkswirtschaft bezahlt. Ich denke, deswegen sollten alle Patienten, die sich in Deutschland aufhalten, auch eine gewisse Grundversorgung finanziert bekommen.

Viele dieser Menschen, die Ihnen vermittelt werden, haben eine Fluchtgeschichte oder kommen aus Drittländern. Aber begegnen Ihnen auch unversicherte Menschen aus Sachsen-Anhalt?

Ja, das ist mir auch schon passiert. Menschen, die freiwillig in die private Krankenkasse gegangen sind, in Zeiten, wo es ihnen gut ging und jetzt die Beiträge nicht mehr bezahlen können. Auch ehemals sehr gut situierte Menschen, die sich vielleicht einfach schämen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Oder Menschen, die einfach das Beantragen von Hartz IV, welches dann auch eine Krankenversicherung beinhaltet, nicht ohne Hilfe auf die Reihe kriegen. Die brauchen da soziale Hilfe. Aber dann gibt es ja immer eine Phase, die man erst einmal überwinden muss.

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Ich bin auch Hausärztin, zum Beispiel im "Haus der Wohnhilfe", also im Obdachlosenwohnheim hier in Halle, da machen das dann die Sozialarbeiter. Das dauert wenige Tage, dann ist der Patient versichert. Aber wenn man das ohne Hilfe stemmen soll – also jeder hat schon mal irgendwo einen Antrag ausgefüllt für irgendein Amt, das ist ja alles schon für uns auch nicht so einfach – da ist Unterstützung notwendig.

Was muss sich dann aus Ihrer medizinischen Sicht am Zustand, dass so viele Menschen unversichert sind, ändern?

Aus medizinischer Sicht ist es einfach so: Natürlich kann ich als Hausärztin einen Ultraschall machen. Ich kann einen Lungenfunktionstest machen. Ich kann Blut abnehmen. Ich kann klinisch untersuchen, mit meinem Händen, mit Stethoskop und so weiter. Irgendwann bin ich aber mit meinem Latein am Ende und bräuchte weiterführende Untersuchungen. Die können dann teilweise nicht finanziert werden.

Da sollte es vielleicht eine Stelle oder ein Gremium geben, wo man die Bezahlung beantragen oder wo man sagen kann: 'Okay, der Patient ist jetzt hier nicht reisefähig. Der muss auf jeden Fall erst mal in Deutschland bleiben und gesundheitlich versorgt werden.' Dass es dafür Möglichkeiten gibt, einen gewissen Versicherungsschutz zu schaffen. Es ist eigentlich kein medizinisches Problem. Am Ende ist das ein organisatorisch-wirtschaftliches Problem, was gelöst werden muss.

Die Fragen stellte Ann-Kathrin Canjé.

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MDR/Ann-Kathrin Canjé

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. August 2021 | 13:50 Uhr

2 Kommentare

Maria A. vor 5 Wochen

Mit zunehmendem Lebensalter verliert sich der Blick durch die rosarote Brille. Und so weiß man, dass es nichts umsonst geben kann. Auch nicht in unserem Gesundheitswesen. Das hehre Wirken dieser Ärztin und anderer "Ehenamtlicher" wird letztendlich nur ermöglicht mit indirekter finanzieller Unterstützung durch all die Pflichtbwussten, die generell das ganze Getriebe am Laufen halten.

Untertan vor 6 Wochen

Hut ab und aller höchsten Respekt vor dieser Ärztin. In einem Land wo Geld und nur Geld Maß aller
Dinge ist, ist Sie eine wohltuende Ausnahme. Es braucht eine Bürgerversicherung für alle Bürger,
in die jeder seinem Einkommen nach einzahlt. Private Anbieter gehören in die zweite Reihe. Die können
dann gern Zusatzversicherungen anbieten, aber die generelle gesundheitliche Versorgung gehört in
staatliche Hände, ohne Gewinnstreben. Nur, solange wir von Christen regiert werden mit Ihren
"abendländischen Werten", bleibt das Utopie.

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