Studierende schreiben für den MDR Kommentar zur AKW-Laufzeitverlängerung: Erinnert euch an Morsleben

Ein Mann lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sophie Tiedemann

Bisher liegt das einzige deutsche Atommüll-Endlager in Morsleben, Sachsen-Anhalt. In der aktuellen Debatte um die AKW-Laufzeitverlängerung scheint der umstrittene Standort vergessen zu sein. Dabei ließen sich an seiner Geschichte Fehler und Folgen unseres Umgangs mit Kernenergie ablesen. Ein Gastkommentar eines Studenten aus Halle.

Das Zugangstor des Endlagers Morsleben
Im Jahr 1970 beginnt man in der DDR, in Morsleben Atommüll zu lagern. Bildrechte: MDR/Mario Apel

Dieser Text ist im Rahmen des Projekts "Studierende schreiben" in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entstanden.

Anfang des Jahres brachte die EU-Kommission eine totgeglaubte Diskussion zurück in die deutsche Politik, als sie angab, Atomkraft als grüne Energie einzustufen. Treibende Kraft hinter dem Vorschlag ist Frankreich, das traditionell auf Atomkraft setzt. In Deutschland sollten die letzten drei Meiler 2022 vom Netz gehen. Die AFD hatte bereits Ende letzten Jahres mit einem Antrag auf Laufzeitverlängerung für Aufmerksamkeit gesorgt, der auf breite Ablehnung stieß. Die Bundesregierung hielt am Atomausstieg fest, die CDU-Fraktion verwies vor allem auf Gas als Brückentechnologie. Hier aber ändert der Krieg in der Ukraine und der Konflikt mit Russland die Bedingungen. Netzbetreiber fürchten eine Energiekrise. Zwei Atomkraftwerke sollen nun noch bis April 2023 als Notreserve bereitstehen. Eine Laufzeitverlängerung, die in den vergangenen Monaten immer wieder im Gespräch war, soll es vorerst jedoch nicht geben.

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Bildrechte: MDR / Oliver Betke

Tatsächlich erzeugen Atomkraftwerke verhältnismäßig wenig CO₂ und sind damit unbestreitbar klimafreundlicher als Kohlekraftwerke, die in der deutschen Energieversorgung nach wie vor eine starke Rolle spielen. Die Nachteile von Atomenergie sind aber vielschichtiger und weitreichender als die Messwerte von Treibhausgasen. Besonders die Endlagerung von Atommüll ist ein Problem, für das es noch keine ausreichende Lösung gibt. Wie schwerwiegend das ist und welche gravierenden Fehler von der Politik dabei immer wieder gemacht werden, lässt sich an Morsleben nachvollziehen.

Die Geschichte von Morsleben 1897 wurde der Schacht Marie in Beendorf in die Erde geschlagen.
1910 entstand der Schacht Bartensleben in Morsleben, beide wurden unter Tage miteinander verbunden.
1923 kam der Salzabbau zum Erliegen.

1934 pachtete die Luftwaffe das Gelände. Anfangs diente Marie als Munitionsanstalt.
1944 wurde die gesamte Schachtanlage beschlagnahmt, Beendorf wurde Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme. Bis zu 5000 Zwangsarbeiter müssen in den Schächten unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, die meisten überleben dies nicht.

1958 entstand eine Hühnermastanlage im Schacht Marie, später wurden dort giftige Abfälle gelagert.
1970 beginnt die DDR mit dem Umbau zum Atommüllendlager.

Umbau zum Endlager in der DDR

Schon in der DDR war die Eignung von Morsleben zum Endlager fragwürdig, wie aus einer von der Landeszentrale für politische Bildung geförderten Broschüre hervorgeht. Trotz bekannter Probleme wie Bergstürze und Wassereinfälle wurde mit dem Umbau zu "Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben" (ERAM) begonnen. Der Aufbau wurde jedoch eher vom politischen Druck als von Sicherheitsbedürfnissen vorangetrieben. Die DDR Regierung plante, weitere Atomreaktoren in Betrieb zu nehmen, als der sich ansammelnde Müll bereits zum Problem wurde. Ein Entsorgungsnotstand drohte. Politischen Widerstand gegen die Anlage gab es kaum. Die Stasi war involviert und die Bevölkerung kaum informiert.

Geheimgehalten wurden aber auch bauliche Mängel und betriebliche Fehler. Trotz des Drucks konnte der Zeitplan nicht eingehalten werden. Auch der Westen zweifelte an der Sicherheit der Anlage, wie der Spiegel im Jahr 1987 berichtete.

Merkels Altlast

Ein Straßenschild in Richtung Endlager Morsleben
Bis heute greift für Morsleben nur die unbefristete Zustimmung zum Dauerbetrieb aus der DDR. Bildrechte: MDR/Mario Apel

Als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Kabinett Kohl IV setzte sich Angela Merkel für den Weiterbetrieb der Anlage ein. Da dieser nach den aktuellen Standards nicht genehmigungsfähig wäre, greift bis heute die unbefristete Zustimmung zum Dauerbetrieb der DDR. Das gibt das Bundesamt für Strahlenschutz als derzeitiger Betreiber der Anlage an. Diese Genehmigung war aber niemals als finale Zustimmung gedacht. Eine endgültige Überprüfung der Eignung zum Endlager wurde durch die Wiedervereinigung verhindert.

Schließlich waren es Kritiker, die die Einlagerung von radioaktivem Müll in ERAM stoppten. Das Oberverwaltungsgericht Magdeburg gab einer Klage vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und anderen Gruppen statt und verbot 1998 die Einlagerung weiterer radioaktiver Stoffe in Morsleben.

Seither ist es ruhig geworden um ERAM, dabei verschlingt die Erhaltung des Standortes aufgrund von Wassereinbrüchen und Gesteinsstürzen Unsummen.

Was sich aus Morsleben lernen lässt

In unserer Demokratie wählen wir unsere Regierung für vier Jahre. Radioaktiver Müll muss eine Million Jahre lagern, bis er keine Gefahr mehr für Menschen ist. Die Menschheit selbst ist ca. 200.000 Jahre alt, also nur ein Bruchteil dieser Zeit.

In der Vergangenheit lagen vergleichsweise kurzfristige politische Ziele vor einem verantwortungsvollen Umgang mit Kernenergie. Das scheint sich nicht geändert zu haben, wenn die Ampel eine Laufzeitverlängerung in Erwägung zieht, ohne ebenfalls eine Lösung für die bestehende Endlagerungsproblematik zu diskutieren. Die gleichen Fehler werden wiederholt, unabhängig der politischen Partei oder gar des politischen Systems.

Die Information in Morsleben
Das Oberverwaltungsgericht Magdeburg gab 1998 einer Klage statt und verbot die Einlagerung weiterer radioaktiver Stoffe in Morsleben. Bildrechte: MDR/Mario Apel

Atomenergie ist eine Hochrisikotechnologie. Die Endlagerfrage, bisher ungelöst. Allein die bisherigen ungeeigneten Standorte zu erhalten und zu sanieren, kostet Millionen. Die Schließung Milliarden, eine Belastung für Steuerzahler und Kommunen. Und trotz des niedrigen CO2 Ausstoßes, tragen die Kraftwerke zu Umweltzerstörung und Klimaerwärmung bei, wie die Tagesschau berichtete.

Es mag sein, dass wir auf eine Energiekrise zusteuern, aber eine Atommüllkrise haben wir längst. Die Hauptlast dafür tragen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, ohne angemessen entschädigt zu werden. Das sollte wieder in den Fokus der Politik rücken, statt einer Laufzeitverlängerung oder Reaktivierung der Kraftwerke.

Ein Mann lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sophie Tiedemann

Über den Autor Mario Apel wurde 1988 geboren und wuchs in Cottbus auf. Mit dem Realschulabschluss machte er eine Ausbildung zum Verlagskaufmann. Nach dem Zivildienst studierte er "Literarisches Schreiben" am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und arbeitet nebenher als Türsteher. Seit 2021 studiert er den Master "Multimedia und Autorschaft" in Halle.

MDR (Sarah-Maria Köpf)

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