Waldbrand und die Folgen Streit um Totholz: Zukunft von Nationalpark Harz gefährdet

07. September 2022, 17:23 Uhr

Der Waldbrand am Brocken ist noch nicht gelöscht, da wird schon heftig über notwendige Konsequenzen diskutiert. Im Fokus steht die Frage, inwieweit Totholz aus dem Wald geholt werden sollte. Die Meinungen gehen dabei weit auseinander: Befürworter sagen, so würden Brandgefahren beseitigt. Kritiker widersprechen und ergänzen, der Wald brauche das tote Holz als Schutz vor zunehmender Trockenheit.

Der Brand am Brocken hat eine neue Debatte um das Totholz im Nationalpark Harz ausgelöst. Diskutiert wird wieder, inwieweit Totholz als ein möglicher Brandbeschleuniger aus Wäldern geräumt werden soll. Dabei gehen die Positionen weit auseinander. Umweltschützer sagen, Totholz sei ein wichtiger Bestandteil im Ökosystem Wald. Dagegen ist nach Ansicht von Sachsen-Anhalts Forstminister Sven Schulze (CDU) Totholz eine "riesen Gefahr". Dort, wo es nötig sei, müsse man handeln.

Wenn man keine gemeinsamen Lösungen finde, müsse man den Nationalpark Harz grundsätzlich infrage stellen, sagte Schulze im Landtag. Er wolle das nicht, so Schulze. Aber er habe Zweifel am Modell eines gemeinsamen Nationalparks Harz mit dem Land Niedersachsen.

Wie weiter mit dem Totholz?

Der Landrat vom Landkreis Harz, Thomas Balcerowski (CDU), fordert deshalb Änderungen am Nationalparkgesetz. Balcerowski sagte MDR SACHSEN-ANHALT, in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren habe es zu viele Brände gegeben. Es bestehe Handlungsbedarf, vor allem im vorbeugenden Brandschutz. Sollte sich die Nationalparkverwaltung nicht bewegen, müsse man den Nationalpark infrage stellen.

Warum ist Totholz ein Problem? Schon länger gibt es Streit um das sogenannte Totholz. Das gibt es, weil das Nationalparkgesetz vorschreibt, dass die Wälder weitgehend der natürlichen Entwicklung zu überlassen sind.

Dadurch sind unter anderem am Brocken aufgrund von Stürmen, Wetterextremen und Borkenkäfern Fichten-Monokulturen auf großen Flächen abgestorben.

Die vor Ort belassenen abgestorbenen Bäume würden Löscharbeiten behindern und die Ausbreitung von Feuern begünstigen, sagen Kritiker. (Quelle: dpa)

Beim Nationalpark Harz gebe es keine stringente Konzeption gegen Waldbrände, beklagt Franz zu Salm-Salm, Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes Sachsen-Anhalt im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. "Die Brandgefahr wächst enorm, auch durch die enormen Mengen von sogenanntem Totholz." Er fordere jetzt konsequentes Handeln. Dazu gehöre, bestimmte Flächen von Totholz zu beräumen. Kernzonen könnten davon aber ausgenommen bleiben.

Nationalparkleiter Roland Pietsch erklärt, Totholz brenne zwar. Dies sei aber eine bessere Option als lebende Fichten. Dort wäre das Feuer – so wörtlich – "durchgerast". Allerdings werde man sich der Diskussion stellen und notwendige Maßnahmen ergreifen, so Pietsch.

Totholz "kein Brandbeschleuniger"

Als "Scheindebatte" bezeichnet der ehemalige Sprecher des Nationalparkes Harz, Friedhart Knolle, die derzeitige Diskussion um das Totholz. Die Forschung sage ganz deutlich, dass Totholz kein Brandbeschleuniger ist. "Da wird im Moment viel Falsches kolportiert." Der Nationalpark Harz sei ein zukunftsweisender Wald. Wenn man dort das Totholz raushole, minimiere man die Möglichkeit, dass sich der Wald regenerieren könne.

Die Naturschutzorganisationen NABU und WWF sind ebenfalls gegen die Beseitigung von Totholz aus den Wäldern. Totholz sei ein effektiver Schutz vor zunehmender Trockenheit. "Es nimmt bei Regen Feuchtigkeit auf wie ein Schwamm und gibt es bei Trockenheit nach und nach wieder ab", sagte Susanne Winter, Programmleiterin Wald beim WWF.

Der Nationalpark Harz Der Nationalpark Harz liegt auf niedersächsischem und sachsen-anhaltischem Gebiet. Er ist geprägt von vielen Nadelbäumen.

Die von den Menschen angelegte Monokultur ist ein grundlegendes Problem des rund 250 Quadratkilometer (25.000 Hektar) großen Nationalparks.

Rund 80 Prozent des Baumbestandes ist Fichte. Davon wiederum seien fast 90 Prozent abgestorben, sagte kürzlich Nationalparkleiter Roland Pietsch. (Quelle: dpa)

"Brandschneisen, Abholzung sowie das großflächige Räumen von Totholz widersprechen den Kriterien eines Nationalparks und dem Nationalpark-Gesetz", sagte der Landesvorsitzende des NABU in Niedersachsen, Holger Buschmann.

Auch der Chef des Landesfeuerwehrverbandes Sachsen-Anhalt, Kai-Uwe Lohse, hält die Forderung, das ganze Totholz aus dem Wald zu entfernen, für absurd. Man könne diese Mengen Totholz wie im Harz nicht so einfach wegräumen. Allerdings müsse man sich damit beschäftigen, dass zumindest Zugänge für bestimmte Bereiche geschaffen würden, um die Brandbekämpfung zu erleichtern.

Experten sollen Vorschläge ausarbeiten

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) hatte bei einem Besuch der Einsatzstelle am Dienstag gesagt, es sollten nun besonders gefährdete Bereiche für Präventionsmaßnahmen in den Blick genommen werden – und zwar zusammen mit der Nationalparkverwaltung.

"Wir diskutieren nicht über die Frage von grundsätzlichen Brandschneisen, die quer durch den Nationalpark gehen", sagte Lies. "Aber gibt es Zugänge, die wir schaffen müssen, die notwendig sind, dass man gegebenenfalls in solche Einsatzgebiete kommt?" Eine Arbeitsgruppe soll Empfehlungen geben, welche Maßnahmen nun getroffen werden sollen. Aktuell untersucht auch ein Team der TU Dresden mögliche Ursachen und Faktoren von Waldbränden in der Region. Dazu gehört auch Totholz. Die Studie ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

MDR (Thomas Vorreyer, Roland Jaeger, Kevin Poweska, Hannes Leonard), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. September 2022 | 13:00 Uhr

6 Kommentare

ElBuffo am 09.09.2022

Steht es nicht. Nur weil gut getrocknetes Holz schön brennt, gilt das nicht für morsche Bäume, die noch dazu auf der Erde liegen. Im nächsten Schritt wird dann noch der Wald gefegt, um die ganzen Nadel zu entfernen?

Galgenvogel am 08.09.2022

Erst hat die Politik 60 Jahre den Wald auf maximale Effizienz trimmen lassen, dann hat man dieses Naturferne Konstrukt sich selbst überlassen und behauptet das wäre ein Nationalpark und da würde sich jetzt von selbst in kurzer Zeit eine wunderbare Natur entwickeln.
Das das Gebiet viel zu naturfern war - egal
Das sich bei der starken touristischen Nutzung nie wirklich Natur einstellen kann - egal
Das das Ding viel zu klein für einen wirklichen Nationalpark ist (Yellowstone z.B. ist halb so groß wie Sachsen) - egal

Man hätte andere Wege gehen können (Biosphärenreservat+ wirklich Geld in den Waldumbau investieren+ eine Forstverwaltung die nicht auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist). Dann wären wir jetzt schon viel weiter.

Aber so konnte man dem Naturschutz ein billiges Zugeständnis machen.

Wie meine Oma immer sagt: wer billig kauft, kauft zwei Mal.

Anni22 am 08.09.2022

Wasserrückhaltebecken anlegen. Löschflugzeuge anschaffen. Zugänge sind riskant, denn die nutzen dann wieder Menschen illegal, zum Bsp für Mountenbiken oder Wandern und vertreiben damit die Tiere aus ihrem Rückzugsgebiet.

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