Fakt ist! aus Dresden Streit um Wald - Weniger Totholz, mehr Löschtechnik?

Im Sommer brannten Wälder und Waldböden hektarweise in Mitteldeutschland ab. Hunderte Menschen bekämpften die Flammen, die Bundeswehr und Löschflugzeuge aus dem Ausland halfen. Besonders schwierig war das Löschen im Nationalpark Sächsiche Schweiz. Im recht naturbelassenen Wald liegt viel Totholz. Das ist Lebensraum und Humusbilder, kann aber auch als Brandbeschleuniger wirken, sagen Kritiker. Stimmt das überhaupt? Was muss sich ändern? Antworten darauf gab' am Montag bei Fakt ist! in Dresden.

Waldbrand in der sächsischen Schweiz
Glühende Felsen, Schluchten und Brandsäulen über der Sächsischen Schweiz werden Anwohner so schnell nicht vergessen können nach dem Waldbrand im Nationalpark im Sommer 2022. (Archivfoto vom 27. Juli 2022) Bildrechte: dpa

Betroffene Anwohner und Retter

Kaum sind die Großfeuer in der Sächsischen Schweiz und Böhmen gelöscht, kämpfen Feuerwehren wieder gegen Flammen im Nationalpark, derzeit im Harz in der Nähe von Schierke am Brocken. Was das bedeutet, weiß Julia Richardt. Mit Hacke und Spaten grub sie sich als freiwillige Helferin durchs Brandgebiet in der Sächsischen Schweiz, zog Schneisen und löschte Glutnester. Der studierten Biologin schmerzte es in der Seele, den Wald im Nationalpark brennen zu sehen. "Ich war früher zum Klettern da. Es ist eine einzigartige Landschaft. Das Wort erhaltenswert drückt das gar nicht aus", sagte die Helferin der gemeinnützigen Hilfsorganisation @fire am Montagabend bei FAKT IST!

Wir alle lieben die Landschaft, in der wir leben.

Hanka Owsian Sprecherin einer Bürgerinitiative aus Hohnstein

Auch die Hohnsteinerin Hanka Owsian erinnert sich mit Schrecken an den Großbrand vor eineinhalb Monaten, den sie aus zehn Kilometern Luftlinie miterlebte. "Rauchsäulen mit so einem enormen Ausmaß habe ich noch nie gesehen." Die freiberufliche Kulturwissenschaftlerin spricht nun für eine Bürgerinitiative, die sich im August gegründet hat. Sie verlangt, den Nationalpark Sächsische Schweiz aufzulösen und in einen Naturpark umzuwidmen.

Eine Frau steht auf einem Aussichtspunkt in der Sächsischen Schweiz.
Hanka Owsian aus Hohnstein zeigt auf den Wald, der ihr am Herzen liegt. Sie sorgt sich um die Touristen, die sich an abgebrannten oder abgestorbenen Waldflächen stören. Bildrechte: Steffen Unger

Ihre Kritik entzündet sich daran, dass in den vergangenen Jahren dem Borkenkäferbefall nicht entgegengetreten wurde und stattdessen totes Holz im Wald blieb. "Wir sehen tagtäglich den toten Wald aus abgestorbenen Fichten, die dort seit Jahren vertrocknet stehen. Das hat mich extrem wütend gemacht", sagte die Hohnsteinerin. Ihr Mitstreiter, der CDU-Stadtrat Stefan Thunig, betonte, dass die Sächsische Schweiz seit je her eine Kulturlandschaft mit historisch gewachsener Wegestruktur sei. Ein Nationalparkstatus sei damit nicht vereinbar.

Was ist das Problem der Einheimischen mit dem Nationalpark?

  • Den Nationalpark als Teil der Sächsischen Schweiz gibt es seit Herbst 1990. Touristisch genutzt wird die Sächsische Schweiz seit dem 19. Jahrhundert.
  • Vor zehn Jahren wurden alle deutschen Nationalparks (damals gab es 14, heute 16) untersucht. Die kritischsten Ergebnisse bei der Einhaltung der Qualitätsstandards gab es in der Sächsischen Schweiz. Auf 9.350 Hektar Fläche soll sich die Natur weitgehend ungestört entfalten können, das ist die Grundidee in Sachsens einzigem Nationalpark. Von beabsichtigten 75 Prozent Wildnis im Gebiet war der Park weit entfernt. Die Prozessschutz-Fläche, auf der keine Eingriffe des Menschen erfolgen, war sehr stark durch Forststraßen, Wanderwege, Pfade und Zugangswege zu Kletterfelsen zergliedert. Dem Park wurde ein starke touristische (Über)-Nutzung attestiert, sowie zu wenig Naturnähe, zu viele Fichten und flächendeckende Jagd - vieles entsprach nicht internationalen Standards, so dass "eine 'strenge Naturzone ohne Management' nach internationalem Standard praktisch nicht existiert", heißt es im Evaluationsbericht.
  • Die Nationalparkverwaltung reagierte, sperrte Wege oder ebnete sie ein und überließ mehr Fläche sich selbst. Wegsperrungen gab es auch nach Stürmen und Borkenkäferschäden an Nadelbäumen. Totes Holz wurde gezielt im Wald liegen gelassen als Lebensraum, Wasserspeicher und für die Humusbildung.
  • Die Schutzzwecke kollidieren mit der touristischen Nutzung des Nationalparks. Einerseits profitieren Gemeinden und Tourismusanbieter vom Zustrom. Weit mehr als drei Millionen Gäste kaem zuletzt im Jahr in den Nationalpark, sagte Umweltminister Günther bei FAKT IST!
  • Kommunen leiden aber auch unter Folgen wie Lärm und Parkplatznot oder wenn gesperrte Waldwege Zufahrten kappen. Zudem fehlt Gemeinden Platz für Gewerbe- oder Wohngebiete, die sie im Nationalpark nicht ausweisen dürfen.
  • 2021 machten der Landrat des Kreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Bürgermeister, Vereine und Verbände in Briefen ihrem Ärger Luft über Platz- und Totholz-Probleme, auch darüber, dass Wege geöffnet und nicht ausgedünnt werden sollten.
  • Hohnstein hatte in einem Ratsbeschluss Mitte September 2021 verlangt, den Nationalpark in einen Naturpark Sächsische Schweiz umzuwandeln. Die Stadt wollte alle Grundstücke, die nicht Eigentum des Landes oder Bundes sind, aus dem Nationalpark ausgliedern.
  • Jetzt hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die von der Stadt unterstützt wird. Sie bezieht sich auf die Forderungen von 2021. Die Mitglieder verlangen mehr Platz für Brandschutzschneisen, Beräumung von Totholz und dass Touristenströme so gelenkt werden, dass auch Interessen der Einheimischen berücksichtigt werden. Außerhalb der geschützten Kernzonen sollen mehr Touristen-Attraktionen (Kletterpark, Hängebrücke) und Versorgungseinrichtungen gebaut werden dürfen sowie neue Wege (Rad-, Reitwege).

Blick auf Hohnstein in der Sächsischen Schweiz.
Die Stadt Hohnstein will den Schutzstatus des Nationalparks Sächsische Schweiz herabsetzen. Stadträte und zwei Bürgerinitiativen kritisieren Naturschutzmaßnahmen. Bildrechte: dpa

Klare Worte eines Botanikers: Totholz nicht das Hauptproblem

Verwundert über die Ziele der Bürgerinitiative und den örtlichen Widerstand gegen den Nationalpark war der Botanikprofessor der Universität Potsdam, Thilo Heinken. "Das kenne ich so nicht aus anderen deutschen Nationalparkgegenden", weil die Kommunen touristisch immer von den Parks profitierten. Er widersprach den Lokalpolitikern aus Hohnstein und der Bürgerinitative deutlich: "Es gibt keinen klaren Beleg, dass Totholz der Brandbeschleuniger ist."

Und er nannte es auch falsch, zu erzählen, dass in den Nationalparks der USA totes Holz flächendeckend geräumt werde und Deutschland sich daran orientieren sollte.

Was soll das tote Holz im Wald?

Vielmehr richtete der Waldexperte den Fokus auf das, was in heimischen Wäldern eine Brandlast ist: die Nadeln von Kiefern- und Fichtenwäldern. "Die schwere, dicke Streu von Nadelbäumen auf dem Boden. Wenn die Nadeln vollständig trocken sind, sind die die Brandlast." In den meisten Wäldern dieser Welt, so der Botaniker, wirke Totholz als Wasserspeicher.

Mit Blick auf sandige Böden im sächsischen Tiefland und in der Lausitz warnte Heinken vor dem völligen Beräumen von Totholz, "Wenn man alles entnimmt, kommt es zur Auswaschung sämtlicher Nährstoffe. Für die Zukunft eines Waldes ist das Gift." Abhilfe schaffe der Waldumbau, weg von Monokulturen hin zu Mischwäldern.

Thilo Heinken
Bildrechte: Tobias Hopfgarten

Es gibt keinen klaren Beleg, dass Totholz der Brandbeschleuniger ist. Die schwere, dicke Streu von Nadelbäumen auf dem Boden. Wenn die Nadeln vollständig trocken sind, sind die die Brandlast.

Prof. Thilo Heinken Botaniker und Waldexperte der Universität Potsdam

Waldexperte zur Wiederbegrünung: "Sie werden sich wundern"

Den emotional argumentierenden Bürgerinitiativ-Mitgliedern aus Hohnstein versprach er, dass sie in drei bis vier Jahren auf kniehohes Grün auf der heutigen Brandfläche blicken könnten - und zwar auf Birken und Zitterpappeln. "Darunter wird sich Neues entwickeln. Die Kiefer wird weiterhin ihren Standort haben. Es werden sich auch Buchen und Eichen ansiedeln." Normalerweise würde er gezielte Anpflanzungen von Laubbäumen empfehlen. Aber wegen der Vorgaben komme das im Nationalpark nicht in Frage.

Sie werden sich wundern, wie schnell wieder ein Wald kommt.

Prof. Thilo Heinken Botaniker

Forstminister gegen Fehlschlüsse und Schlechtmacherei

Zur Totholz-Debatte verwies Sachsens Umwelt- und Forstminister Wolfram Günther (Bündnis 90/Die Grünen) auf den Großbrand auf tschechischer Seite. "In Böhmen war gerade in den beräumten Wäldern die Feuerwalze besonders schnell." Er warnte vor falschen Schlussfolgerungen und auch davor, die Sächsische Schweiz mit Katastrophenbildern immerzu schlecht zu reden. Die Sächsische Schweiz umfasse 380 Quadratkilometer, den Nationalpark betreffen 92 Quadratkilometer. Davon seien im Juli/August 1,5 Quadratkilometer verbrannt.

Mehr Technik, mehr Geld und Expertenvorschläge

Günther sagte, dass Land wolle zeigen, "dass Natur und Tourismus weiter existieren". Der Freistaat habe eine halbe Million Euro für den Bau von sieben Zisternen zur Löschwasserspeicherung im Nationalpark bereit gestellt. Sachsens Innenminister will 30 Millionen Euro extra für die Beschaffung neuer Technik ausgeben, über den Posten im Doppelhaushalt debattiert im Herbst der Sächsische Landtag.

Wolfram Günther (Grüne), Umweltminister von Sachsen, steht im Auwald.
Bildrechte: dpa

Wir wissen, dass wir schnell reagieren müssen. Vieles war noch nicht genug. Das wissen wir auch.

Eine Expertenrunde sei damit beauftragt worden, alle Aspekte der Waldbrände, des Totholzes und der Brandbekämpfung zu analysieren und der Landesregierung Empfehlungen zu geben. Erste Vorschläge sollen bis Jahresende vorliegen, sagte Günther. Auch über Löschhubschrauber werde schon "sehr, sehr lange diskutiert", meinte der Minister und schloss: "Wir wissen, dass wir schnell reagieren müssen. Vieles war noch nicht genug. Das wissen wir auch."

Und was ist mit jedem Einzelnen?

Was müsste neben Geld und politischen Entscheidungen noch für den Wald getan werden, fragte Fakt ist!-Moderator Andreas F. Rook. Die beiden Feuerwehrvertreter in der TV-Runde sprachen sich für mehr Aufklärung und Information aus. "Man muss es versuchen und an ganz marginalen Punkten ansetzen", meinte der Berufsfeuerwehrmann Niklas Röder, der auch in der Freiwilligen Feuerwehr Pirna-Graupa Dienst tut. Für ihn gehört ganz banales Alltagswissen zum Rauchen, Grillen und Feuer in der Öffentlichkeit mit dazu. "Die Leute ansprechen, die im Wald rauchen zum Beispiel."

Ein Moderator steht vor drei Gästen, die jeweil sauf einem Barhocker sitzen und ihm im TV-Studio zuhören.
Kann man Menschen mit Information und Aufklärung zur Waldbrandgefahr noch erreichen, wollte Moderator Andreas F. Rook von den Feuerwehrleuten Niklas Röder (li.) und Julia Richardt (in Gelb) wissen. Sachsens Forstminister Wolfram Günther (re.) hörte sich die Vorschläge an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Katastrophenhelferin Julia Richardt verwies auf den Ausbau von Wegpunkten, damit Wanderer wissen, wo sie stehen, wenn sie ein Feuer melden. Eine Art Berufswehr für den Nationalpark schlug die Hohnsteiner Bürgerinitiative vor. Die solle das Land bezahlen und sich an Werksfeuerwehren großer Unternehmen orientieren.

Ja, früher konnte man überall den Grill anzünden. Aber es hat sich etwas geändert. Wir müssen uns als Menschen umgewöhnen.

Julia Richardt ehrenamtliche Katastrophenhelferin

Der Feuerwehrmann Niklas Röder steht an einem abgebrannten Baumstamm.
"Schön, dass die Politik mehr im Katastrophenschutz machen will", sagte Feuerwehrmann Niklas Röder aus Graupa. Es sollte aber mehr in die Breite gehen und nicht nur auf Waldbrände geblickt werden, wünscht er sich. Bildrechte: Niklar Rödes/ privat

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! aus Dresden | 05. September 2022 | 22:15 Uhr

7 Kommentare

Privatwaldbesitzer vor 13 Wochen

Präzise analysiert. Der grüne Minister beachtet die Gefahr nicht. Was erwartet man von einem Rechtsanwalt, der Minister für Energie, Klima, Landwirtschaft und Forsten ist. Er kann davon keine Ahnung haben.

Privatwaldbesitzer vor 13 Wochen

Ich finde diese Diskussion absurd. Es hat sich gezeigt, dass das Totholz und stehende tote Bäume eine Gefahr darstellen. Es wird nicht berücksichtigt, dass umliegende Grundstücke dadurch gefährdet sind. Im Nationalpark werden wichtige Erschließungen, Wege zurück gebaut. Wie soll hier die Feuerwehr zum Brand kommen?
Warum will die Politik uns Waldbesitzern Vorschriften machen, wie wir mit unserem Eigentum umgehen sollen? Man sieht doch, dass die Politik keine Ahnung von der Realität hat. Überlasst das ganze den Praktikern, die auf den Flächen arbeiten und auch das finanzielle Risiko tragen. Hört auf mit euren Vorschriften und Hinweisen, wovon Nichtbewirtschafter keine Ahnung haben.

Jan-Lausitz vor 13 Wochen

Ich habe grundsätzlich die gleiche Meinung wie lk2001 und es ist einfach logisch, dass eine Häufung von liegendem und stehendem Todholz eine wesentlich größere Brandmasse zur Verfügung stellen. Die Temperatur steigt durch die brennenden Holzmassen immens an und trocknen die Randbereiche aus, die dann zum neuen Brandherd werden. Ja, alles Physik und Logik.

Die sächsische Schweiz ist sehr kleinteilig und dicht besiedelt. Eine Umwidmung in einen Naturpark ist für die dort lebenden Menschen von Vorteil, ebenso für Touristen. Der Nationalpark ist einfach nicht mehr haltbar und war seit Anfang an nicht die passende Ausrichtung.

Basil Disco - haben Sie sich mit der Sachlage dort beschäftig oder geht es Ihnen nur um "dunkles Sachsen"?

AlexLeipzig - beim Brand sind unerwartet auch unzählige grüne gesunde Buchen verbrannt, nicht nur tote Fichten und grüne Kiefern.

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