Nationalpark Welche Rolle spielt Totholz beim Waldbrand in der Sächsischen Schweiz?

Der Waldbrand in der Böhmischen und in der Sächsischen Schweiz erschüttert die Menschen, vor allem in Tschechien und in Sachsen. In den Diskussionen über das Feuer taucht dabei immer wieder ein Thema auf: Totholz. Hat es den Brand beschleunigt und warum lässt man es überhaupt im Wald? MDR SACHSEN ist der Sache auf den Grund gegangen.

Harvester schneidet Rettungsweg frei
Ein Harvester schneidet im Wald bei Hinterhermsdorf abgestorbene Bäume ab. Nicht überall in der Sächsischen Schweiz ist es möglich, das Totholz zu entfernen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Der verheerende Waldbrand an der Grenze der Böhmischen zur Sächsischen Schweiz rückt auch das Thema Totholz in den Fokus. Das gilt als nützlich für die Waldentwicklung. Gleichzeitig kann es aber auch ein potenzieller Waldbrandbeschleuniger sein.

Einer, der sich schon seit Jahren über herumliegendes Totholz in der Sächsischen Schweiz ärgert, ist Bernd Wengler von der Interessengemeinschaft Natur, Umwelt und Heimat. Er sagt: "Auch im Wald muss Ordnung herrschen. Es liegt zu viel Holz im Wald herum - sowohl kleinere Äste als auch größere Haufen. Wenn ein Baum abgestorben ist, muss er raus aus dem Wald", fordert Wengler. Oft geschehe die Baumernte mit dem Harvester nur in leicht zugänglichem Gelände, woanders bleibe viel liegen. "Bei Waldbränden ist das besonders riskant. Das Feuer kann sich schnell ausdehnen. Deshalb sollte das Holz beseitigt werden, vor allem dort, wo in der Nähe Menschen wohnen", wünscht sich Wengler.

Totholz ist ein wichtiger Lebensraum für Pilze und Insekten.

Prof. Andreas W. Bitter Forstwissenschaftler an der TU Dresden

Kein Eingriff in Nationalpark erlaubt

Der Forstwissenschaftler Prof. Andreas W. Bitter von der TU Dresden weist darauf hin, dass es nicht in jedem Fall möglich ist, das Holz aus dem Wald zu entfernen. Ohne sich zu den konkreten Verhältnissen im Nationalpark Sächsische Schweiz äußern zu wollen, erklärt er, dass es sich beim Kernbereich des Nationalparks um sogenannte Prozessschutzflächen handelt, die ohnehin nicht bewirtschaftet werden. Das Totholz in Gestalt von abgestorbenen Bäumen (stehendes Totholz) oder umgefallenen Bäumen und Ästen (liegendes Totholz) bleibt dadurch an Ort und Stelle liegen. Laut Bitter erfüllt es eine zentrale Funktion: "Das ist ein wichtiger Lebensraum für Pilze und Insekten."

Hängendes Totholz am gefährlichsten

Sobald das Holz bereits länger am Boden liegt, ist es mit Blick auf Waldbrände nach Einschätzung von Bitter auch nicht das Hauptproblem. "Am Boden ist es in weiten Teilen des Jahres feucht, sodass das Holz Stück für Stück verrottet." Gefährlich sei hingegen trockenes Totholz: "Wenn es auch nur leicht über dem Boden hängt, bleibt es trocken und stellt dann eine große Gefahr dar, wenn ein Feuer ausbricht", erklärt der Waldexperte. Besonders anfällig für Waldbrände sind einschichtige Reinbestände, im Volksmund auch als Monokulturen bezeichnet: "Wenn sie beispielsweise einen Altbestand von Kiefern ohne Verjüngung haben, dann kann sich das Bestandesinnere vergleichsweise stark erhitzen."

Mischwälder widerstandsfähiger als Monokulturen

Besser seien daher Mischbestände mit verschiedenen Baumarten in verschiedenen Altersklassen: "Vereinfacht ausgedrückt gibt es in solchen Wäldern verschiedene Stockwerke. Das sorgt für niedrigere Temperaturen und dafür, dass es feuchter bleibt. Das senkt am Ende das Risiko ab, dass sich Totholz bei einem Waldbrand entzündet", so Bitter.

Mit einem Anteil von reichlich 50 Prozent dominiert in der Sächsischen Schweiz laut Nationalparkverwaltung vor allem die Fichte. Die Kiefer kommt auf einen Wert von 14 Prozent. In den vergangenen Jahren wurden die Bäume massiv durch Stürme und Dürren geschwächt, bevor ihnen der Borkenkäfer häufig den Rest gegeben hat. "Der Borkenkäfer kann sich bei der trockenen und starken Witterung gut vermehren. Er schwächt die Bäume weiter und sorgt dafür, dass sie absterben. Auf diese Weise entsteht weiteres Totholz, das dann wieder ein potenzielles Risiko darstellt", sagt Prof. Bitter.

Selbst wenn wir das gesamte Holz, das auf dem Boden liegt, entfernen würden, dann würde so ein Brand genauso schnell verlaufen.

Hanspeter Mayr Sprecher des Nationalparks Sächsische Schweiz

Nationalpark-Sprecher: Totholz ist nicht das Hauptproblem

Der Sprecher des Nationalparks Sächsische Schweiz, Hanspeter Mayr, sieht das Risiko ebenfalls, hält es im aktuellen Fall aber am Ende nicht für entscheidend. "Selbst wenn wir das gesamte Holz, das auf dem Boden liegt, entfernen würden, dann würde so ein Brand genauso schnell verlaufen. In Tschechien haben auch Flächen gebrannt, wo es auf 37 Hektar einen Kahlschlag gegeben hat", sagt Mayr. Schwierigkeiten bereiteten beim Löschen nicht die Bereiche mit Fichten auf dem Boden, sondern die Flächen in den Felsspalten. "Das sind Glutnester, die man per Hand aushacken und kompliziert am Steilhang löschen muss", sagt der Sprecher.

Ähnlich wie Mayr äußerte sich am Donnerstag Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) bei einem Ortstermin in Bad Schandau. Auch Günther verwies auf die geräumten Flächen auf böhmischer Seite, die bei den Auswirkungen auf das Brandgeschehen "keinen Unterschied gemacht haben".

Wir haben den Brand in den Wäldern. Ganz egal, ob dort jetzt Totholz steht oder nicht. Mittlerweile brennen auch dicht belaubte Buchen, also richtiges Grün. Das haben wir so noch nicht erlebt.

Wolfram Günther (Grüne) sächsischer Umweltminister
Ein Hubschrauber wirft Wasser über einem Waldbrand ab, im Intergrund Windkraftanlagen 7 min
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Totholz darf auch im Nationalpark Harz liegenbleiben Vergleichbar mit der Kernzone im Nationalpark Sächsische Schweiz gibt es auch im Nationalpark Harz in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen eine sogenannte Naturdynamikzone ohne menschliche Eingriffe.

Durch Sturm, Alter und Krankheit umgefallene Bäume bleiben dort als Totholz im Wald, teilt der Nationalpark Harz auf seiner Internetseite mit. Den Angaben zufolge sind so inzwischen 70 Prozent des Waldes im Nationalpark Harz sich selbst überlassen.

MDR (sth/md)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 27. Juli 2022 | 19:00 Uhr

29 Kommentare

Gero von Eisenwald vor 9 Wochen

Ich bin in den letzten Wochen im Elbsandsteingebirge wandern gewesen. Durch die lange Trockenheit war selbst am Boden liegendes Holz so trocken das es knacken brach. In der Outdoorszene ist das das Merkmal das Holz trocken genug ist um es gut im Lagerfeuer verbrennen zu können. (Ehe ich falsch verstanden werde, ich habe natürlich nicht gebündelt.) Ja Totholz ist normalerweise feucht, nur diesmal nicht. Ein weiterer Punkt, der Nationalpark hat viel Windwurf über Wegen liegen lassen, weil er sie so sperren kann um illegal das Wanderwegenetz zu verkleinern. Das bildet Brandbrücken über Schneisen und behindert Rettungskräfte. Der Artikel macht es sich mit dem Thema zu einfach.

Gurg vor 9 Wochen

Erstens ging es im Artikel explizit um Totholz als angebliches Brandrisiko und zweitens gibt es in dem betroffenen Gebiet tatsächlich ein Vielfaches bereits abgestorbene und nur wenige akut befallene Bäume. Da das Nationalpark ist, besteht auch kein Problem wenn noch ein paar Bäume befallen sind.

Gurg vor 9 Wochen

Ich bin professioneller Ökologe. Nicht nur Forstleute kennen den Wald! Oft haben Forstleute eine sehr „spezielle“ Perspektive, ohne Ihnen das unterstellen zu wollen. Einerseits werden alle möglichen Eingriffe gemacht, ob sie sich rechnen oder nicht, und unabhängig vom ökologischen Schaden. Andererseits hält man die Hand auf und fordert öffentliche Gelder, wenn die gepflanzte, geerbte oder gekaufte Monokultur eingeht.

Komischerweise sind Waldflächen kaum bezahlbar im Angebot …

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