Viele Infektionen, wenig Platz Situation in Kinderkliniken weiter angespannt

Besonders hohe Infektionszahlen mit RS-Viren und der Grippe bei Kleinkindern und Säuglingen bringen Kinderkliniken in Sachsen-Anhalt an ihre Grenzen. Der Kinderarzt Gosch aus Magdeburg sagt, das läge auch an der Corona-Isolation und den untrainierten Immunsystemen. Chefarzt Heiduk meint, die jahrelange Unterfinanzierung der Kliniken habe die aktuelle Lage verursacht.

Arzt untersucht kleines Mädchen
Corona, Grippe, RS-Viren: Die Zunahme an Infektionen macht sich auch in der Magdeburger Kinderklinik bemerkbar (Symbolbild). Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Magdeburg schlägt Alarm. Chefarzt Matthias Heiduk sagte: "Noch kann die Klinik Kinder aufnehmen, allerdings werde die Lage immer dramatischer." Die Klinik müsse auch aus anderen Kliniken im Umland Kinder aufnehmen, weil diese ebenso überlaufen seien. Die ambulanten Kinderärzte arbeiteten ebenfalls an ihrer Kapazitätsgrenze. Dieser Zustand sei dauerhaft unhaltbar.

Zahl schwerer Infekte steigt, Kinderkliniken in Magdeburg am Limit

Während Corona bei Kindern nur eine geringe Rolle spiele, sorgten Grippe- und RS-Viren – also Atemwegsinfektionen – für volle Wartezimmer, sagte Katharina Polter vom Berufsverband der Kinder-und Jugendärzte MDR SACHSEN-ANHALT. In ihrer eigenen Praxis in Magdeburg betreue sie täglich zirka 70 Kinder. Dabei stelle sie eine zunehmende Zahl schwerer Infekte fest. Eine Verlegung auf die Krankenhäuser sei allerdings schwierig. Sowohl das Städtische Klinikum als auch das Uniklinikum in Magdeburg sind bereits mehrfach an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen.

Mehrfach hätten Kinder deshalb über Bundesländer hinweg bereits zwischen Intensivstationen verlegt werden müssen, so der Chef der Kindermedizin am Uniklinikum, Denis Schewe. Er sieht die Infektionswelle noch als nicht abgeschlossen.

Zusammenhang zwischen Corona-Isolation und untrainiertem Immunsystem

Gunther Gosch, Kinderarzt in Magdeburg
Kinderarzt Gunther Gosch sagt: Die Corona-Isolation hat zu den aktuell hohen Infektionszahlen beigetragen. Bildrechte: Gunther Gosch

Kinderarzt Gunther Gosch sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er und Kollegen hätten schon vor zwei Jahren vor hohen Infektionszahlen gewarnt. Kinder bräuchten den ständigen Austausch mit Krankheitserregern, um das Immunsystem zu stärken.

Die Schließungen von Schulen, Kindergärten, Spielplätzen und anderen Einrichtungen während der Pandemie hätten dazu geführt, dass Kinder ihr Immunsystem nicht ausreichend hätten trainieren können. So komme es nun zu gehäuften Krankheitsfällen.

Engpässe auch bei Kinderkliniken in Dessau und Bitterfeld

Ähnliche Engpässe melden etwa das Städtische Klinikum in Dessau oder das Gesundheitszentrum Bitterfeld. Die AMEOS-Kliniken in Aschersleben und Halberstadt hätten hingegen noch Kapazitäten in der Kindermedizin, so eine Sprecherin.

Gründe: Corona, Grippe, RS-Viren und strukturelle Probleme

Die hohe Auslastung hat laut Chefarzt Matthias Heiduk mehrere Gründe. Zum einen gebe es derzeit viele Infektionen mit Corona, Grippe und immer mehr Fälle von RS-Viren, also Atemwegserkrankungen. Zum anderen stecken laut Heidruk auch strukturelle Probleme hinter der Notlage. Seit Einführung des sogenannten Fallpauschalensystems hätten in Deutschland 20 Prozent der Kinderkliniken geschlossen.

Heiduk sagte, strukturelle Defizite in der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen müssten ausgeräumt werden. Es brauche in mehreren Bereichen neue Strukturen. Unter anderem im Fallpauschalensystem, das begrenzte Mittel zur Patientenversorgung vorschreibe.

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Den Vorschlag von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), Personal aus anderen Klinikabteilungen umzuschichten, sieht Heiduk kritisch. Viele der kranken Säuglinge hätten Vorerkrankungen, so dass qualifiziertes Personal benötigt werde. Eine Pflegekraft aus dem Erwachsenendienst könne diese Aufgabe nicht einfach übernehmen.

Unterfinanzierung als Problem

Chefarzt Schewe ergänzt, dass vor allem die jahrelange Unterfinanzierung der Kinderkliniken ein Problem sei. Unter den aktuellen Regularien seien sie nicht ausreichend vergütet. Man sei zum Sparen gezwungen worden und nun auf epidemische Lagen, wie die aktuelle, immer schlechter vorbereitet.

Gesundheitsministerium verweist auf Bundesebene

Ähnlich sieht es das Gesundheitsministerium in Sachsen-Anhalt. Eine Sprecherin sagte MDR SACHSEN-ANHALT, vor allem die sinkende Zahl der nötigen Behandlungen im ländlichen Raum habe zu einem Abbau der Kindermedizin geführt. Künftig solle die Vergütung anders geregelt werden. Das muss allerdings auf Bundesebene entschieden werden.

Am Donnerstag hatte die Medizinervereinigung Divi von einer "katastrophalen Lage" auf den Kinder-Intensivstationen gesprochen. Probleme gibt es demnach fast überall in Deutschland. Sechs bis sieben Stunden Wartezeit seien aktuell in manchen Notaufnahmen keine Seltenheit, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Jörg Dötsch. Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte, die Kinder bräuchten jetzt "unsere volle Aufmerksamkeit". Die Nachrichten überfüllter Kinderpraxen und Kinderstationen seien "sehr besorgniserregend".

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MDR (Leonard Schubert, Max Hensch, Moritz Arand), dpa | Zuerst veröffentlicht am 30.11.2022

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 02. Dezember 2022 | 09:00 Uhr

5 Kommentare

Kritische vor 8 Wochen

Das liegt ausschließlich daran, dass eine ganze Kohorte Kinder kein trainiertes Immunsystem hat. Fast drei Jahre geschlossene Kitas bzw. Isolierung der Kinder dort und Mundschutz haben zu dieser Katastrophe geführt. Wir haben alles brav mitgemacht, aber dass es solche Auswirkungen haben wird, hätte man wissen müssen. Kinderärzte haben davor gewarnt. Es macht nur noch wütend, dass das jetzt als "Kollateralschaden" hingenommen wird. Genauso wie die psychische Belastung der Kinder und Jugendlichen in der Pandemie, der Bewegungsmangel und die Vorenthaltung von Bildung und Freizeitgestaltung. Wer keine Kinder (mehr) hat, bekommt von diesem Elend gar nichts mit. Ausbaden müssen es Familien und die Kliniken.

Sachsin vor 8 Wochen

Damals schaffte Ulla Schmidt für arbeitende das Sterbegeld ab - für Beamte gibt es das bis heute weiter. Immer wenn SPD regierten wurden arbeitende benachteiligt und Verbeamtete bevorteilt.

salzbrot vor 8 Wochen

Die Krankenhausfallpauschalenreform mjuss auf jeden Fall dazu führen, dass sich medizinisch nicht notwendige Operationen, wie vor allem in der Orthopädie, nicht länger lohnen zulasten anderer Fachbereiche, wie der Kinder- und Jugendmedizin. Dadurch würde auch die ausufernde Zahl an MRT´s und CTGs eingedämmt und man bräuchte nicht mehr soviel Ärzte als Radiologen. Diese könnten sich eher als ÖGD-Arzt ausbilden lassen. Medizin wird schon vor allem aus finanzielle Erwerbsgründen studiert und dann macht man noch die Facharztausbildung, die am meisten Kohle bringt aber nichts für die Bevölkerungsgesundheit. Warum sollen Steuer- und Beitragszahler diese Fehlentwicklung auch noch finanzieren? Verrückt.

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