Menschen auf Theaterbühne werfen mit Klamotten um sich. 8 min
"Mütter und Söhne" ist ein generationsübergreifendes Bürgerbühnenprojekt am Theater Bautzen. Bildrechte: Thespis Zentrum Bautzen
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Wie lassen sich kulturelle Unterschiede überbrücken? Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen sucht mit dem Stück "Mütter und Söhne" nach Antworten. Matthias Schmidt berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Do 04.04.2024 10:18Uhr 08:05 min

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Bürgerbühne Theater Bautzen: Was Mütter und Söhne verschiedener Kulturen verbindet

04. April 2024, 15:47 Uhr

Auf der Bürgerbühne des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen bringt das Stück "Mütter und Söhne" Familien aus verschiedenen Kulturen einander näher. Es ist nicht das erste Projekt, mit dem das Theater ein Zeichen für Integration setzt. Auch wenn das nicht bei allen Menschen in Bautzen immer auf Zustimmung trifft, hat die mehrsprachige Bühne zuletzt ein Besucherplus verzeichnet.

Fünf Mütter stehen mit ihren fünf Söhnen auf der Bühne des Bautzener Burgtheaters und sprechen spielerisch darüber, was sie voneinander halten. Was erwarten Mütter von ihren Söhnen, was erhoffen sich Söhne von ihren Müttern? Die Besonderheit des Abends besteht darin, dass diese Mütter und ihre Söhne aus sehr unterschiedlichen Kulturen stammen. Sanad El Taib beispielsweise trägt Kopftuch und ist wie auch Alona oder Anna aus der Ukraine gerade erst dabei, die deutsche Sprache zu erobern.

Jugendliche verschiedener Kulturen teilen gleiche Sorgen

So verschieden die Frauen, so ähnlich wirken bereits rein äußerlich ihre Söhne. Sie sind zwischen 11 und 14 Jahren alt (bis auf den gerade mal ein Jahr alten Mykhailo) – sie tragen Hoodies, spielen an ihren Handys, räumen ihre Zimmer nicht auf, sie rebellieren gegen die Mütter, sie wünschen sich ein Haustier und haben Sehnsucht nach ihren Vätern. Bis auf Jesko, der "von hier ist" und mit seiner Mutter Yvonne auf der Bühne steht.

Eine Frau steht auf einer Bühne, ein kleiner Junge sieht sie an.
Am Theater Bautzen erzählen sich Mütter und Söhne gegenseitig Geschichten und improvisieren kleine Szenen. Bildrechte: Thespis Zentrum Bautzen

Dass sich die Probleme, die Träume und die täglichen Mutter-Sohn-Rangeleien um Handy, Klamotten und Computerspiele so ähneln – viel mehr, als man angesichts ihrer so unterschiedlichen Herkunft hätte denken können – ist eine schöne, immer wieder Heiterkeit beim Publikum auslösende Erkenntnis dieses Abends.

Integration durch Theater am Thespis Zentrum Bautzen

Eine zweite Erkenntnis ist – und das spiegelt sich auch im jung und bunt besetzten Zuschauerraum –, dass Arbeiten wie diese, inszeniert von der aus Dresden bürgerbühnen-erfahrenen Miriam Tscholl und veranstaltet vom zum Theater gehörenden Thespis Zentrum, Menschen einander näherbringen. Das mag sehr pathetisch klingen, aber angesichts der Integrationsaufgabe, auch der Integrationsprobleme, ist jeder einzelne Jugendliche, der über das Medium Theater Zugang zu uns findet (und wir umgekehrt auch zu ihm) ein Gewinn.

Wer einmal eine Probe im Thespis Zentrum Bautzen miterlebt und gesehen hat, wie hier Barrieren ab- und bestenfalls Verständnis füreinander aufgebaut wird, der wird sich wünschen, dass diese Institution dem Theater und der Stadt erhalten bleibt.

Matthias Schmidt, Theaterkritiker

Junge rappt, hinter ihm tanzen Menschen.
Das Stück über Mütter und Söhne am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen ist zusammen mit Familien aus verschiedenen Kulturen entstanden. Bildrechte: Thespis Zentrum Bautzen

Muna versucht es als Rapper und seine Mutter Sanad macht sich Sorgen, er könne wie sein Vater werden. Auch Alona aus der Ukraine weiß nicht, was die Zukunft ihrem kleinen Misha, ihrem "großen Glück", bringen wird. Seit 2018 gibt das Thespis Zentrum, gefördert von der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen, Menschen wie ihnen Raum: um anzukommen, sich einzubringen, sich abzulenken von oft schwerwiegenden Verlusten.

Wer einmal eine Probe im Thespis Zentrum Bautzen miterlebt und gesehen hat, wie hier Barrieren ab- und bestenfalls Verständnis füreinander aufgebaut wird, der wird sich wünschen, dass diese Institution dem Theater und der Stadt erhalten bleibt.

Deutsch-Sorbisches Volkstheater steht für das Zusammenleben

Zwar steht die Inszenierung "Mütter und Söhne" nicht exemplarisch für das Bautzener Theater, aber die kulturelle Mehrsprachigkeit gehört alle Male zu seiner DNA und ist bereits im Namen enthalten: Deutsch-Sorbisches Volkstheater. Dieses Theater steht für das Zusammenleben, es spielt sowohl Sorbisch als auch Deutsch und ist damit das einzige bikulturelle Theater Deutschlands.

Beispielhaft dafür steht vielleicht "Schierzens Hanka". Da sagt es bereits geradezu programmatisch der Untertitel "Aus dem Leben der katholischen Sorbin jüdischer Herkunft", nach einem Roman von Jurij Koch, neben Jurij Brezan einer der bedeutenden sorbischen Autoren. Daneben stehen Klassiker wie der "Nathan" oder Ibsens "Ein Volksfeind", ein sehr politischer Abend wie auch Lukas Rietzschels "Widerstand" in der vergangenen Spielzeit oder "Der Reichsbürger".

Eine Frau in sorbischer Tracht trägt ein Baby und wird umringt von drei Menschen.
"Schierzens Hanka" am Theater Bautzen ist ein Schauspiel nach Motiven von Jurij Koch. Bildrechte: M. Nowotny

Theater Bautzen als offener Raum für alle Bürger der Stadt

Das Theater positioniert sich also, auch bereits 2016 mit der "Bautzener Erklärung" für Weltoffenheit und als Statement gegen einen Brandanschlag von Neonazis, andererseits aber eben auch als für alle Bürger der Stadt offener Raum mit einem vielfältigen Repertoire. Dieses reicht von "regional" (zum Beispiel ein niedersorbischer Spreewaldkrimi) über "märchenhaft" (zum Beispiel das Stück "Anderland" für Kinder) bis zu "sommerlichem Wohlfühlen".

Beim "Bautzener Theatersommer" gibt es dieses Jahr "Spuk unterm Riesenrad", einen DDR-Klassiker, umgeschrieben und inszeniert von Intendant Lutz Hillmann. Was Hillmann, seit genau 25 Jahren im Amt, und seine Mannschaft für diese Stadt aufgebaut haben, mit ihrer teilweise verrückten Theatergeschichte, ist einfach beeindruckend.

Deutsch-Sorbisches Volkstheater, Bautzen
Das große Haus des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters wurde 1975 eröffnet, zunächst als vermeintlicher "Anbau". Bildrechte: IMAGO / imagebroker

In der DDR gesprengt, heute eine Sehenswürdigkeit

Das alte Stadttheater wurde 1969 gesprengt, und man hat dann quasi halb-legal – vorbei an der offiziellen Kulturpolitik – ein neues errichtet, indem man es als "Erweiterungsbau" deklariert hat; ein in der DDR einmaliger Vorgang. Inzwischen ist es auf heutige Standards modernisiert und ein vollwertiges Theater.

Als dann 2003 das Burgtheater eröffnet wurde, das zweite Haus, in dem auch das Puppentheater heimisch ist, hat man den alten Giebel des gesprengten Stadttheaters wieder nach Bautzen geholt. Heute ist dieser eine Sehenswürdigkeit im Burghof, und das Theater bietet mit der "Kleinen Orestie" eine Licht- und Klanginstallation zum Rietschelgiebel an. Was für ein Happy End!

Festival "Willkommen anderswo" setzt Zeichen gegen Hass

Man ist in dieser Stadt sehr stolz auf sein Theater – und das Theater gibt der Stadt mit bis zu 1.000 Veranstaltungen pro Jahr reichlich zurück. Dazu zählt auch das Festival "Willkommen anderswo". Die Kontinuität der vergangenen Jahrzehnte hat diesem Theater und der Stadt gut getan. Die rund 130.000 Zuschauer im Jahr 2023 angesichts von nur 38.000 Einwohnern belegen das. Zum Vergleich: Das Schauspiel Leipzig erreichte in der Spielzeit 2022/2023 rund 112.000 Zuschauer.

Bautzen ist eine Theater-Erfolgsgeschichte, auch wenn in den 90er-Jahren die Musiktheatersparte abgewickelt werden musste. Musiktheater bekommen die Bautzener heute als Gastspiele des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau.

Angaben zum Stück

"Mütter und Söhne"
Ein generationsübergreifendes Bürgerbühnenprojekt
von Miriam Tscholl und dem Thespis Zentrum Bautzen

Burgtheater
Ortenburg 7
02625 Bautzen

Termine:
11. Mai 2024, 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 04. April 2024 | 08:40 Uhr

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