VERSÖHNUNG Enkelin von Holocaust-Überlebenden: "Bin stolze deutsche Staatsbürgerin"

25. Juni 2023, 07:00 Uhr

In Görlitz endet am Sonntag die Jewish Remembrance Week (Jüdische Gedenkwoche). Unter den Nachkommen von Juden, die aus diesem Anlass in Görlitz zusammengekommen sind, ist auch die Amerikanern Jodi Wallach. Sie ist die Enkelin eines Görlitzer Juden, der im Nationalsozialismus aus Deutschland fliehen musste. Vor kurzem bekam sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Trotz des Unrechts, das Deutsche ihrer Familie angetan haben, identifiziert sie sich mit dem Land der Täter. Warum?

Jodi Wallach steht vor dem Schaufenster von Bijou Brigitte, einer Schmuck-Kette, in der Berliner Straße in Görlitz. Auf dem Boden vor ihr liegen Blumen und Fotos. Sie zeigen die ehemaligen Besitzer des Ladens, der einst Wallach's Schuhwaren hieß.

Am Vormittag dieses Tages wurden hier vier Stolpersteine verlegt, um an sie zu erinnern. Auf den golden glänzenden Gedenktafeln ist zu lesen:

Carl Wallach
gedemütigt / entrechtet
tot 24. Dezember 1934

Lutka Wallach
deportiert 1942 Ghetto Warschau
ermordet

Hans Wallach
Flucht 1938

Kurt Wallach
Flucht 1937

Hans Wallach ist Jodis Opa. Nur weil er rechtzeitig geflohen ist - zuerst nach Kuba, dann in die USA - kann die 45-jährige Amerikanerin aus Connecticut die Geschichte ihrer Familie heute erzählen.

75 Seiten Nachweise für Einbürgerung

Und obwohl ihrer Familie in Deutschland Grausames angetan wurde, sagt Jodi: "Ich bin eine stolze deutsche Staatsbürgerin". Im Januar haben Jodi und ihre drei Söhne die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. 75 Seiten mit Nachweisen hatte sie dafür zusammengetragen und eingereicht.

Ein Gesetz sieht nämlich vor, dass die Nachkommen von Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, eingebürgert werden können. 7.035 Personen machten laut Statistischem Bundesamt 2022 von diesem Recht Gebrauch. Wie viele davon Juden oder Nachfahren von Juden sind, wird nicht erfasst.

Die Rechtsgrundlage für Jodi Wallachs Einbürgerung Artikel 116, Absatz 2 des Grundgesetzes sieht vor, dass frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, auf Antrag wieder eingebürgert werden können. Das gleiche gilt für ihre direkten Nachfahren.

2021 wurde dieses Recht für Personen erweitert, die nicht formal ausgebürgert worden waren. Dadurch erlangten viele weiteren Nachkommen von NS-Opfern die Möglichkeit, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Das macht sich auch in den Einbürgerungszahlen auf Grundlage von Artikel 116 des Grundgesetzes bemerkbar: Waren es 2020 laut Statistischem Bundesamt noch 1.940 Personen, ist die Zahl im Jahr 2022 auf 7.135 gestiegen.

Mindestens 700 Jahre Familiengeschichte in Deutschland

Auf der Suche nach ihren Wurzeln hat Jodi intensiv Ahnenforschung betrieben. Das Ergebnis: Seit mindestens 700 Jahren sei ihre Familie in Deutschland gewesen, vielleicht noch viel länger. "Und ich glaube, sie hätten Deutschland niemals verlassen, wenn sie nicht dazu gezwungen worden wären".

Einige Meter weiter in der Görlitzer Fußgängerzone, in der Berliner Straße, zeigt Jodi ein zweites Geschäft, das ebenfalls ihrer Familie gehörte: Wo heute eine Fielmann-Filiale ist, war früher "Rauchs Schuhwarenhaus"

Jodis Großonkel Fritz und Walter Rauch arbeiteten hier im Laden ihres Vaters David Rauch. Auch hier gibt es zwei frische Stolpersteine, denen man entnehmen kann, dass die Rauch-Brüder, wie Jodis Großvater und Großonkel, rechtzeitig das Land verlassen haben.

"Immer wenn ich durch das Schaufenster schaue, stelle ich mir ordentlich ausgelegte Schuhe und Schuhregale vor. Ich stelle mir die Kunden und den Trubel des Handels vor. Ihr perfektes Leben wurde einfach zerstört", sagt Jodi.

Geschäfte der Großonkel wurden "arisiert"

Die Geschäfte der Rauchs wurden "arisiert", also vom nationalsozialistischen Staat geraubt. "Die Arisierung war ein Angriff auf unsere Familie, ihre Lebensgrundlage und ihr Zugehörigkeitsgefühl in einer Welt, die sich gegen sie gewendet hat".

Jodis drei Großonkel und ihr Großvater haben überlebt. Jodi ist stolz auf deren Mut und Stärke, in einem fremden Land neu zu beginnen.

Die Urgroßeltern überlebten nicht

Nicht überlebt haben ihre Urgroßeltern: Jodis Urgroßmutter Lutka Wallach wurde ins Warschauer Ghetto deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Ihr Urgroßvater Carl sei 1934 an dem Stress, den der Verlust seiner Rechte und der Boykott gegen seinen Laden ausgelöst haben, gestorben, vermutet Jodi.

"Was wäre, wenn sie hier weitergelebt hätten?", fragt Jodi sich. "Ich habe das Gefühl, dass ich ein Stück davon zurück bringe." Mit der Staatsbürgerschaft habe sie sich etwas zurückgeholt, das ihrer Familie genommen wurde.

"Ich fühle mich deutsch"

Sie könne sich sogar vorstellen, mit ihrem Mann und ihren Kindern einen zweiten Wohnsitz in Görlitz zu haben. "Ich fühle mich deutsch. Ich fühle eine Verbindung zu diesem Land, weil ich weiß, dass meine Großeltern, meine Urgroßeltern und viele Generationen davor, zu dieser Gesellschaft gehört haben."

Die positive Einstellung zu Deutschland hat Jodi vielleicht auch, weil ihr Großvater Hans die schrecklichen Erlebnisse in seinen Erzählungen einfach ausgeblendet hat. "Wenn er über Deutschland gesprochen hat, sprach er über die guten Zeiten: Er sprach über eine glückliche Kindheit. Er erzählte vom Leben im Schuhgeschäft, über das gute Essen oder wie er sich mit seinem Bruder auf der Berliner Straße um Mädchen geprügelt hat." Jodi lacht. Noch in Amerika ging ihr Opa Hans in Restaurants mit bayrischer oder schlesischer Küche und sprach Deutsch.

Unbeantwortete Fragen

Und gleichzeitig habe es ein unausgesprochenes Gefühl gegeben, dass man den Großvater besser nicht fragen sollte, warum er Deutschland verlassen hat. Als Jodi begann, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen, war es zu spät: Die Antworten auf die Fragen, die sie ihm noch hatte stellen wollen, hatte er mit ins Grab genommen. "Ich werde für immer bereuen, dass ich ihn nicht rechtzeitig auch nach den schwierigen Zeiten gefragt habe", sagt sie.

Also begann sie selbst zu recherchieren, was ihre Familie in Deutschland erlebt hatte. Nach all dem, was sie erfuhr, habe sie "gemischte Gefühle", für dieses Land empfunden.

Symbolische Versöhnung

Ein positives Gefühl zu Deutschland bekam sie aber wieder, als sie nach Görlitz reiste und mit anderen Nachfahren von vertriebenen Görlitzer Juden sprach. Heute ist sie überzeugt: "Schlechte Menschen gibt es überall, nicht nur in Deutschland." Und das Land habe sich verändert. Die Staatsbürgerschaft anzunehmen, bedeute für sie auch eine "symbolische Versöhnung".

"Was passiert ist, hätte überall passieren können und hoffentlich wird es nie wieder passieren. Und das versuchen wir zu verhindern, indem wir die Geschichten unserer Vorfahren teilen", sagt Jodi.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL | 19. Juni 2023 | 17:48 Uhr

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen