Waldbrand Sächsische Schweiz Gestrandete Touristen, verunsicherte Hotelbesitzer: Bad Schandau im Katastrophenfall

29. Juli 2022, 07:49 Uhr

Den Waldbrand in der Sächsischen Schweiz spürt auch der Touristenort Bad Schandau. Am Dienstag wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Das Betreten der Wälder und Wanderwege ist seitdem für Nicht-Einsatzkräfte tabu. Die Ausnahmesituation ist in der Stadt, die vom Wandertourismus lebt, spürbar. Gäste, Anwohner und Hotelbesitzer geben sich trotz vieler Unsicherheiten kämpferisch. Ein Ortsbesuch.

Menschen mit vollgepackten Rucksäcken und Wanderausrüstung gehören zum Stadtbild von Bad Schandau dazu. Für Daniel Mitscherlich, Betreiber des hiesigen Elbhotels, sind sie sogar Umsatztreiber Nummer eins. Etwa dreiviertel seiner Gäste kommen zu ihm, um bekannte Sehenswürdigkeiten wie die Carolafelsen oder die Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz zu besuchen.

Der immer noch andauernde Waldbrand in der Region verschreckt jedoch viele Touristen. "Einige sagen ab, verschieben oder buchen auf einen späteren Zeitpunkt um. Wir haben die Auswirkungen gleich gespürt", sagt Mitscherlich.

Waldbrand trifft Tourismusbranche zur Unzeit

Gerade jetzt in der Hauptsaison kommt der Brand, der vor einigen Tagen in der Böhmischen Schweiz begann und später die Landesgrenze passierte, zur absoluten Unzeit. "Im Moment bricht gerade relativ viel weg. Wir brauchen den Umsatz." Erst im letzten Jahr sorgte der Starkregen im Sommer 2021 für erhebliche Schäden in der Umgebung.

Im Moment bricht gerade relativ viel weg. Wir brauchen den Umsatz.

Daniel Mitscherlich Betreiber des Elbhotels in Bad Schandau

Damals überzog ein heftiges Unwetter viele Gemeinden in ganz Deutschland. Auch Sachsen war von Hochwasser und Überschwemmungen betroffen. Der Freistaat bezifferte die materiellen Kosten, die durch das Unwetter verursacht wurden, auf über 126 Millionen Euro. Wie viel der jetzige Waldbrand kosten wird, kann noch keiner sagen.

"Die Extreme nehmen hier zu", meint Mitscherlich so, als ob er diesen Umstand schon vor Längerem akzeptieren musste. Auf den Straßen Bad Schandaus sind die Extreme sehr gut hörbar. Alle paar Minuten ertönen die Sirenen von Feuerwehr- und Polizei-Fahrzeugen, die durch die engen Straßen der Kleinstadt sausen. Helikopter brummen in einem ähnlichen Rhythmus über die Köpfe der Anwohner und Gäste.

Wandergäste suchen sich Alternativen

Trotz der ernsten Lage versprühen die meisten Menschen hier aber einen grundlegenden Pragmatismus. Bei den Straßenkontrollen, die sicherstellen sollen, dass niemand die Wälder und Wanderwege betritt, sieht man viele verständnisvolle Gesichter. Übermüdete Feuerwehrleute, die gerade eine Pause machen, lehnen bestimmt aber sympathisch ein Interview ab.

Wenn man sich umhört, dann wird der am Dienstag ausgerufene Katastrophenfall eher positiv hervorgehoben, weil dadurch die Möglichkeiten der Einsatzkräfte besser gebündelt werden können. Auch die Touristen vor Ort scheinen das Beste aus der Situation zu machen.

Ein Paar aus Niedersachsen hatte eigentlich eine Wandertour mit mehreren Etappen geplant. Drei davon sind jetzt aufgrund des Feuers ausgefallen. "Jetzt sind wir hier gestrandet", sagen sie. Man wolle aber Bad Schandau ein wenig erkunden und später nach Pirna zurückwandern.

Anika und Lea aus Kiel konnten ebenfalls nur einen Teil ihres Ausflugs in Anspruch nehmen. "Wir sind heute auf dem Weg nach Prag und machen jetzt spontan einen Stadturlaub statt einen Wanderurlaub."

Vom Feuer überrascht

Doreen und ihre Tochter sind seit Dienstag in Bad Schandau. Eigentlich wollten die beiden Berliner die schöne Aussicht bei einer Wandertour genießen – einfach mal raus aus dem Flachland. Von dem Waldbrand wussten sie bei ihrer Anreise noch nichts. "Als wir hier angereist sind, da haben wir gesehen, dass beim Berg Feuer und Rauch ist, dann haben wir es auch auf einem Aushang gelesen."

Sie hoffen jetzt, dass sie vielleicht in den nächsten Tagen noch die Bastei und die Festung Königstein besuchen können. "Es ist schon ein bisschen beängstigend. Wir lassen es aber auf uns zukommen. Wir hoffen, dass der Waldbrand so schnell wie möglich gelöscht wird", sagt sie.

Gelbstich auf Fotos

Etwas mehr Glück hatten Carsten und sein Sohn Hendrik, die noch vor dem Wanderverbot unterwegs waren. Ihr ursprüngliches Ziel war das Prebischtor in der Böhmischen Schweiz in Tschechien. "Wir sind dann ausgewichen auf den Malerweg. Das war auch total schön."

Aber auch auf der deutschen Seite verfolgte sie der Brand. In ihrer Pension, wo sogar eine Freiwillige Feuerwehr untergebracht war, roch es am Morgen stark nach Rauch, erzählt der Vater. Am vergangenen Dienstag waren sie dann in Sebnitz. "Dort sind wir ausgestiegen und meine Fotos hatten alle so einen Gelbstich. Das war ganz extrem."

Was Touristen sonst noch in Bad Schandau machen können

Gundula Strohbach von der Bad Schandauer Kur- und Tourismus GmbH beschreibt ebenfalls, wie überrascht sie vom Ausmaß des Waldbrandes war. "Wir dachten, wir sind erprobt in Sachen Katastrophen mit dem Starkregen vom Juli im letzten Jahr. Jetzt ist die Situation wieder eine ganz andere. Ich stand oben auf dem Feld in Meinersdorf und war fassungslos über diese roten Feuersäulen, die gen Himmel stiegen."

Wir dachten wir sind erprobt in Sachen Katastrophen.

Gundula Strohbach Geschäftsführerin Bad Schandauer Kur- und Tourismus GmbH

Wie lange die Waldsperrung noch gelten wird, kann Strohbach nicht sagen. Touristen können aber auf Burgbesichtigungen, Fahrradfahren auf dem Elberadweg oder die Museen vor Ort ausweichen, sagt sie. Da die Touristen ihre Anpassungsfähigkeit bereits bewiesen haben, dürfte eine Alternative schnell gefunden sein.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 27. Juli 2022 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Germinator aus dem schoenen Erzgebirge am 30.07.2022

"In Bad Schandau trifft man schnell Touristen, die aufgrund des Waldbrandes, hier gestrandet sind. Anika und Lea haben aber bereits einen Alternativplan und reisen jetzt nach Prag."


pfff, das Elbsandsteingebirge ist so groß und hat so viel zu bieten, dass einem die Worte fehlen nach Prag in die Großstadt auszuweichen.

Aber vielleicht sind genau die beiden in der Großstadt besser aufgehoben.

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