Erich Kästner Porträt
Der Schriftsteller Erich Kästner wurde am 23. Februar vor 125 Jahren in Dresden geboren wurde. Bildrechte: imago/Sven Simon

125. Geburtstag Erich Kästner: Neue Biografie und Ehrung in Dresden

23. Februar 2024, 04:00 Uhr

Erich Kästner wurde vor 125 Jahren am 23. Februar in Dresden geboren. Zum Geburtstag des weltbekannten Autors von Kinderbüchern wie "Emil und die Detektive" oder "Das fliegende Klassenzimmer" gibt es in der Stadt zahlreiche Veranstaltungen. Der Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek liefert zum Jubiläum mit einer Biografie indes neue Erkenntnisse über Erich Kästner und seine umstrittene Rolle im Nationalsozialismus.

Dresden feiert Erich Kästner: Zum 125. Geburtstag des Schriftstellers am 23. Februar gibt es in der Stadt viele Veranstaltungen. Unter dem Motto "Alles Kästner" haben sich die Kulturinstitutionen der Stadt zusammengetan, um den Autor von weltberühmten Werken wie "Emil und die Detektive" oder "Das fliegende Klassenzimmer" gebührend zu feiern.

So wird am Freitag unter anderem ein öffentliches Vorleseprojekt veranstaltet: An verschiedenen Orten in Dresden werden Texte gelesen und mit Musik und Tanz untermalt. Im Erich Kästner Haus für Literatur gibt es eine Lesung "für Kinder und solche Leute, die nicht mehr wachsen" und am Abend eine Party im Stil der Goldenen Zwanziger.

Da sich 2024 auch der Todestag Erich Kästners zum 50. Mal jährt, wird der Schriftsteller über das ganze Jahr hinweg in der Stadt präsent sein. Auf dem Programm stehen Ausstellungen, Lesungen und Liederabende, eine Filmreihe sowie Theaterstücke und eine Audioguide-Führung, die sich auf die Spuren Erich Kästners begibt.

Veranstaltungen in Dresden zum Erich-Kästner-Geburtstag (zum Ausklappen)

23. Februar 2024, 10 bis 16 Uhr:
"Kästner non stop" – ein öffentliches Vorleseprojekt als Leseweg auf den Spuren von Kästners autobiographischem Roman "Als ich ein kleiner Junge war". Ort: Stadtraum Dresden zwischen Kulturpalast und Villa Augustin am Albertplatz.

23. Februar 2024, 17 Uhr:
Kästner für Kinder und solche Leute, die nicht mehr wachsen. Von und mit Johannes Kirchberg. Ort: Das Erich Kästner Haus für Literatur.

23. Februar 2024, 19:30 Uhr:
"Die Konferenz der Tiere" (BRD 1969) - Filmabend mit Zeichentrick-Klassiker, der in Zusammenarbeit mit Erich Kästner entstand. Ort: Museumskino in den Technischen Sammlungen.

23. Februar 2024, 20 Uhr:
20er-Jahre Sause mit Kästner – Geburtstagsreise durch Kästners Haus. Ort: Das Erich Kästner Haus für Literatur.

23. Februar 2024, 20 Uhr:
So groß wie heute war die Zeit noch nie – Johannes Kirchberg singt Erich Kästner. Ort: Theaterkahn

23. Februar 2024, 10 bis 19 Uhr:
Ausstellung "Erich Kästner neu illustriert. Isabel Kreitz und Ulrike Möltgen" (läuft noch bis zum 23. März 2024). Ort: Zentralbibliothek im Kulturpalast Dresden, Galerie im I. und II. OG

23. Februar 2024, 10 bis 19 Uhr:
Ausstellung "Lieschen Neumann will Karriere machen" mit Fotogedichten Erich Kästners (läuft noch bis zum 23. März 2024). Ort: Zentralbibliothek im Kulturpalast Dresden, Foyer im 2. OG

Biografie zu Erich Kästner mit neuen Erkenntnissen

Zum 125. Geburtstag von Erich Kästner hat der Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek eine erweiterte Neuauflage seiner maßgeblichen Biografie veröffentlicht. Darin steht natürlich auch, dass man Kästner lange vorgeworfen hat, dass er nach 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs nicht aus Deutschland emigrierte. Das ist bekannt. Hanuschek betont im Gespräch bei MDR KULTUR aber, dass er von anderen Exilanten deswegen niemals angegriffen wurde. Kästner habe sehr früh gewusst, was in Deutschland seit der Machtergreifung der Nazis vor sich ging. Er war bei der Bücherverbrennung dabei, er fuhr während der Pogromnacht mit einem Taxi durch die Straßen und sah alles.

Cover: Sven Hanuschek: „Keiner blickt dir hinter das Gesicht“
Zum 125. Geburtstag von Erich Kästner hat Publizist Sven Hanuschek seine Biografie über den Schriftsteller neu veröffentlicht. Bildrechte: Hanser Verlag

Was Kästner wohl unterschätzt habe, so Hanuschek, war, welche Dimensionen das "Dritte Reich" annehmen werde. Wie viele andere auch habe er gedacht, dass sich Hitler nicht lange halte. Dass Kästner von 1933 bis 1945 in Deutschland blieb, lag natürlich auch an seiner Mutter, die er nicht allein lassen wollte. Doch es gibt noch einen wichtigen Grund.

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Erich Kästner als Chronist des "Dritten Reiches"

Ein weiterer Grund nicht zu emigrieren, war immer Kästners Anspruch, als Chronist in Deutschland zu bleiben, um später darüber schreiben zu können. Laut Hanuschek begann Kästner ab 1939 Notizen zu sammeln: Zeitungsausschnitte, Flüsterwitze, Karikaturen. Ab 1941 führte er sein geheimes Kriegstagebuch ("Das Blaue Buch") in Gabelsberger Kurzschrift, das er auch während des Bombenalarms mit in den Luftschutzkeller nahm.

Der Erich Kästner-Biograf Sven Hanuschek
Sven Hanuschek hat seine maßgebliche Biografie zu Erich Kästner 2024 auf den neuesten Stand gesetzt. Bildrechte: picture alliance / dpa | Marc Müller

Im Juli 1945 traf Kästner den Auschwitz-Überlebenden Männe Kratz, der ihm detailliert von der menschenverachtenden Tötungsmaschinerie im Lager berichtete. Schockiert nahm Kästner die Schilderungen in sein "Blaues Buch" auf. Er erkannte, dass alles, was er während des Krieges zusammengetragen hatte, dem, was wirklich passiert war, niemals gerecht wurde.

Er habe in diesem Moment gutes Urteilungsvermögen bewiesen, so Hanuschek, einzusehen, dass er einfach keinen "Sittenroman über das 'Dritte Reich'" schreiben könne. Und wer hätte auch damals so einen Roman lesen wollen? Es gab keinen Roman in den 1950er-Jahren, der adäquat mit der Shoa umging, es gab noch keine Sprache dafür, keine ästhetische Strategie – erst viel später. Man könne also dem Schriftsteller nicht vorwerfen, dass er diesen lange angekündigten Roman nie geschrieben hat, nur, dass er die Gründe dafür sehr lange und nicht öffentlich verhandelt habe.

Kästner rüttelte mit seinem Kriegstagebuch auf

Interessant ist, wann und aus welchem Grund Kästner sich schließlich entschloss, "Das Blaue Buch" zu veröffentlichen. Das geheime Kriegstagebuch sei ein problematisches Buch, so Biograf Hanuschek. Kästner habe seinen eigenen, ursprünglichen Text stark bearbeitet, teilweise geglättet oder Scherze eingefügt – als ob er seinem Dokument nicht mehr getraut habe. Veröffentlicht hat es Kästner dann schließlich 1961. Warum erst so spät? Sven Hanuschek hat seine Einstellung dazu in der erweiterten Neuausgabe seiner Biografie geändert: Denn das Schwierige an der Deutung solcher Texte sei, dass man erst alle Kontexte sehr gut kennen müsse, um das Überlieferte richtig einzuschätzen.

1960 führte man in der BRD eine Verjährungsdebatte darüber, wie lange während der NS-Zeit verübte Verbrechen verfolgbar bleiben, erläutert Hanuschek. Genau in diese Debatte hinein kam Erich Kästner - der beliebte Schriftsteller, PEN-Präsident, Büchner-Preisträger und Mann des öffentlichen Lebens - mit so einem Buch. Hatte er zwar an vielen Stellen Hand angelegt - den Bericht des Auschwitz-Überlebenden Männe Kratz beließ er in seiner Länge und Deutlichkeit. Kästners Buch war sein Kommentar zu der Debatte.

Quellen: MDR KULTUR (Jörg Schieke, Eva Gaeding), Stadt Dresden/Redaktionelle Bearbeitung: jb, vp

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Werkstatt | 20. Februar 2024 | 22:00 Uhr

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