Kosten Nahverkehr fürs Pendeln zwischen Radebeul und Freiberg zu teuer: Mathematiker steigt aus

Ein Mathematiker aus Radebeul muss zur Arbeit nach Freiberg pendeln. Er griff sofort zum 9-Euro-Ticket, als das im Juni erhältlich war. Dann lief das Ticket aus. Der Wissenschaftler rechnete nochmal genau nach. Am Ende des Sommers stieg er wieder in sein Auto ein. Seitdem ärgert er sich.

Ein Mann in dunklem T-Shirt und Hose steht an einer Tür einer geöffneten S-Bahntür auf dem Bahnsteig und ist im Begriff, einzusteigen.
In den Nahverkehr einsteigen und von Radebeul nach Freiberg fahren, klingt überschaubar. Wenn Martin Strangfeld das als Berufspendler machen will, muss er sich erst durch die Bestimmungen dreier Verkehrsanbieter arbeiten. Bildrechte: privat

"Öffentlicher Personennahverkehr ist nur für Reiche." Das hat MDR SACHSEN zum Ende des 9-Euro-Tickets vorige Woche öfter gehört, auch von Rentnerin Rosmarie Liebisch aus Mittweida. Der promovierte Werkstoffwissenschaftler und Mathematiker Martin Strangfeld aus Radebeul sieht das ähnlich. Er hat an seinem Beispiel ausgerechnet, dass sich für ihn das Auto zum Pendeln derzeit mehr lohnt, als der Nahverkehr. Seine Kritik lautet: "Der Nahverkehr ist zu kompliziert und zu teuer."

Enorme Kosten: Für 50 Kilometer drei Monatskarten im Abo?

Von Zuhause in Radebeul bis zur Tür eines Forschungsinstituts in Freiberg braucht der 41-Jährige mit dem Auto 45 Minuten, mit der S-Bahn 1,5 Stunden (20 Minuten Fußweg vom Bahnhof Freiberg inklusive). "Wenn ich mir eine Monatskarte kaufen würde, müsste ich die für zwei Verkehrsverbünde nehmen", sagt Strangfeld. Eine für den Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) bis hinter Freital und eine Monatskarte für den Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) bis Freiberg. Aber es ist komplizierter:

  • Strangfeld könnte sich eine VVO-Monatskarte für 90,80 Euro im Abo und eine Monatskarte des VMS für 92,50 Euro im Abo kaufen. Problem: Zwischen Klingenberg Colmitz bei Freital und Niederbobritzsch gibt es einen Tarifzonenübergang. Das heißt: Bis Niederbobritzsch, wo der VMS-Tarif gilt, klafft eine Lücke, in der die beiden Verkehrsverbünde nicht greifen. Zur Überbrückung benötigen Reisende ein Brückenticket der Mitteldeutschen Regionalbahn (MRB), damit sie nicht schwarz fahren. Das kostet pro Fahrt 1,90 Euro und das müsste sich Martin Strangfeld vor jeder Fahrt einzeln kaufen. Oder er bucht sich zusätzlich ein MRB-Monatsabo für diese Streckenüberbrückung: Kosten: 49,40 Euro. Diese Variante würde ihn insgesamt 231,90 Euro kosten. So viel gibt er auch für Benzin pro Monat aus - trotz der aktuellen Spritpreise.

  • Eine Alternative mit der Bahn wäre billiger, hat aber auch Haken. Strangfeld könnte sich neben dem VVO-Monatsabo (90,80) Euro noch eine Monatskarte im Abo nach dem Deutsche-Bahn-Tarif kaufen. Der gilt zwischen Dresden-Hauptbahnhof und Freiberg. Die Variante ohne IC-Züge würde im Abo 82 Euro kosten. Diese beiden Abos zusammen schlügen mit 172,80 Euro monatlich zu Buche. "Aber damit kann ich in Freiberg nicht mit dem Bus fahren, falls ich die 20 Minuten Fußweg vom Bahnhof zur Arbeit mal nicht laufen will", sagt Martin Strangfeld und verweist auf 1,5 Stunden mehr am Tag für die Fahrtzeit mit der Bahn, statt mit dem Auto.

Nach 9-Euro-Ticket: Nahverkehr zu komplex

Der Mathematiker urteilt nach all seinen Berechnungen: "Die Tarife für den Nahverkehr sind viel zu komplex. Das muss vereinheitlicht werden!" Denn das 9-Euro-Ticket hatte der Radebeuler trotz längerer Fahrtzeit gern genutzt. "Es war unkompliziert und hat sich erheblich gelohnt. Die Geldersparnis hat den Zeitaufwand aufgewogen", sagt er im Gespräch mit MDR SACHSEN. Die Anbindung beim Umstieg am Dresdner Hauptbahnhof sei gut gewesen, Zugausfälle oder Verspätungen habe er kaum erlebt. Und weil er antizyklisch nach Freiberg pendelte, seien die Züge morgens nicht voll und abends Richtung Dresden meist leer gewesen. "In der Bahn konnte ich mich zurücklehnen, abschalten und hatte auch Zeit für mich", erinnert sich der Wissenschaftler und Familienvater an das vergangene Vierteljahr.

Umstieg vom Auto auf ÖPNV nur durch günstiges Ticket realistisch

Aufs Auto umgestiegen ist er am 1. September trotzdem. So, wie er, hätten das auch einige seiner Arbeitskollegen gemacht. Martin Strangfeld wünscht sich so schnell wie möglich ein Nachfolgeticket, worüber die Bundesregierung gerade diskutiert. "Neun Euro sind viel zu wenig. Bei 49 bis 69 Euro und allem, was unter 100 Euro im Monat kostet, würde ich mitgehen. Es muss einen spürbaren Unterschied beim Preis geben, damit viele vom Auto auf die Bahn umsteigen." Einstweilen ärgert sich Strangfeld über die "stressige Autofahrt", meist über die A4 Richtung Freiberg und Staus regelmäßig an Freitagen.

Ein Mann steht neben einem silberfarbenen auto und hat die Hand am Türgriff. Es sieht so aus, als würde er gerade in sein Auto einsteigen wollen.
Bildrechte: privat

Es muss einen spürbaren Unterschied beim Preis geben, damit viele vom Auto auf die Bahn umsteigen.

Martin Strangfeld pendelt beruflich von Radebeul nach Freiberg

Was hat das 9-Euro-Ticket gebracht und wie geht's weiter? - In den drei Monaten Laufzeit von Juni bis August wurden rund 52 Millionen Tickets verkauft. Weitere zehn Millionen gingen an Menschen, die schon ein Monats-Abonnement hatten.
- Die Bahn hat ihren Umsatz im Regionalverkehr durch das Billigticket im Juni um 98,1 Prozent gesteigert.
- Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen schätzt, dass das 9-Euro-Ticket eine Ersparnis von rund 1,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid gebracht hat. Das entspricht einem Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde für ein Jahr auf deutschen Autobahnen.
- Die Bundesregierung plant ein Nachfolge-Ticket, das auch bundesweit gelten soll. Debattiert wird noch über den Preis. Eine Spanne zwischen 49 und 69 Euro ist im Gespräch.
- Der Bund will sich mit 1,5 Milliarden Euro pro Jahr am Ticket beteiligen - wenn auch die Länder mitbezahlen.

Quellen: MDR/Tagesschau

MDR (kk)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Nachrichten | 02. September 2022 | 06:54 Uhr

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