Weiblicher Schatten
Hitze, Enge, Ignoranz, Gewalt und Urin - so lassen sich zehn Stunden im Kessel für Martha zusammenfassen. Bildrechte: imago/Steinach

Bericht aus dem TagX-Polizeikessel 17-Jährige: "Sie zogen den Kessel so eng, wir standen Haut an Haut aneinandergepresst"

09. Juni 2023, 15:55 Uhr

Martha Helbig* (17) saß am "Tag X" zehn Stunden im Polizeikessel am Alexis-Schumann-Platz in Leipzig fest. Ihren richtigen Namen will sie nicht nennen, er liegt der Redaktion vor. Mit anderen Minderjährigen wurde Martha unter schwierigen Umständen festgehalten. Für MDR SACHSEN schilderte die Leipzigerin, wie sie den Kessel erlebt hat.

Frage: Martha, warum sind Sie in dem Kessel der Polizei gelandet? 

Nachdem die Versammlung aufgelöst wurde, ist es schnell eskaliert. Die Polizisten prügelten sofort los. Wir haben dann einfach nur versucht, schnell von dort wegzukommen und liefen durch den Park. Überall standen und liefen sehr viele Menschen, es war enorm unübersichtlich. Dann kam die Polizei von allen Seiten und trieb die Menschen zusammen. Wir konnten nicht mehr weg. 

Haben die Polizisten und Polizistinnen mit Ihnen gesprochen?

Nein. Mit uns hat niemand gesprochen. Sie zogen den Kessel am Anfang so eng, dass alle Haut an Haut aneinandergepresst standen. Das war wirklich richtig krass. Manche Leute haben richtig schlecht Luft bekommen, so eng wie das war. Es hat sich erst entspannt, als einige angefangen haben ihre Sachen im Kessel zu verbrennen. Dann musste eben Platz gemacht werden. 

 

Berichten zufolge hatten eingekesselte Personen gesundheitliche Probleme. Können Sie das bestätigen?

Eine Person ist ohnmächtig geworden, doch auch die durfte den Kessel nicht verlassen. Die Polizisten haben gar nichts gemacht, nur die Sanis haben sich gekümmert. Die waren wirklich sehr gestresst, weil es die ganze Zeit viel zu tun gab. Die Sanis kümmerten sich auch um die ganze Versorgung mit Essen und Wasser. Den Polizisten war das alles komplett egal, sie haben überhaupt nichts getan und waren irgendwie sehr herablassend zu allen anderen. 

Später wurden Rettungsdecken verteilt. Von wem kamen die? 

Von den Sanis und später noch von solidarischen Menschen, die zur Unterstützung gekommen sind. 

Hat die Polizei Wasser, Decken oder Lebensmittel verteilt? 

Vielleicht war der Wasserwagen, der kurzzeitig zur Verfügung stand, von der Polizei. Doch definitiv kein Essen oder Decken, die verteilt worden sind. Die Wasserflaschen jedenfalls und das Essen - das kam alles von den Sanis und den Leuten, die etwas gespendet haben. Die Polizei hatte zwar eine Toilette aufgebaut, auf die wir hätten gehen können. Zumindest sagten sie das. Doch die Leute, die auf der Toilette waren, kamen nicht wieder. Deshalb wollte da keiner mehr draufgehen. 

Wohin sind die Leute stattdessen auf Toilette gegangen? 

In einem Busch. Relativ am Anfang in den ersten zwei Stunden war ich auch mal dort. Das war so unmenschlich, der Urin schwamm dort. Es gab überhaupt keine Möglichkeit, nicht dort hineinzutreten. Später sollen die Leute sogar dort gesessen haben. Es war ja klar, dass die Leute irgendwann auch mal groß mussten. Jeder hatte Angst auf die Toilette der Polizei zu gehen, weil die Leute, wie gesagt von dort nicht wiedergekommen sind. 

Sie sind mit 17 Jahren minderjährig. Es wurde gesagt, dass Minderjährige priorisiert behandelt werden sollten. Hat die Polizei das umgesetzt? 

Überhaupt nicht. Die Polizei wählte die Leute zufällig aus und zog sie heraus. Sie fragten nicht, wie alt jemand ist. Ich hatte die Hoffnung, dass sie diejenigen, die lange im Kessel bleiben, später einfach ziehen lassen. Doch das ist nicht passiert.  

Der Kessel wurde über zehn Stunden bis in die Nacht erhalten. Gab es die Möglichkeit, sich auszuruhen oder zu schlafen? 

Irgendwann haben ein paar Leute geschlafen, auf dem Boden mit den Rettungsdecken – bis die Polizei den Kessel wieder verkleinerte und alle wieder stehen mussten. Sie haben dann wieder angefangen, Leute rauszuziehen – auf eine brutale Art und Weise. Teilweise haben sie wirklich brutal an den Haaren gezogen, die Leute haben die ganze Zeit immer wieder geschrien. 

Nachts war Flutlicht an. Konnten Sie sich trotzdem ein wenig ausruhen? 

Nicht wirklich. Alle haben sich ein bisschen abgewechselt, sich kurz hingelegt. Doch es war jetzt nicht irgendwie angenehm, weil alle trotzdem immer in Alarmstellung waren. Ich persönlich habe versucht mich zehn Minuten hinzulegen, aber es hat nicht funktioniert.

Gegen 5 Uhr holte die Polizei die letzten Menschen aus dem Kessel – auch Sie. Wie lief das ab?

Bei mir war es tatsächlich nicht so krass wie ich es von vielen anderen gehört habe. Von mir wurden nur Fotos gemacht und das war’s. Ich weiß auch nicht, wie ich da durchgekommen bin. Ich wurde auch nicht durchsucht. 

Wie geht es Ihnen jetzt nach dieser Nacht? 

Keine Ahnung. Ich kann das alles nicht ganz einordnen, es war ja auch so ein krasser Druck. Alle waren permanent angespannt, es war eine riesige Stresssituation.

Redaktionelle Hinweise

  • Die Redaktion möchte an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass das Interview die individuellen Erlebnisse einer einzelnen Person wiedergibt. Diese sind von subjektiven Sichtweisen, persönlichen Wertungen und Interpretationen geprägt. Es war aufgrund der vielschichtigen und vielerorts unklaren Sachlage nicht möglich, diese persönlichen Wahrnehmungen in allen Einzelheiten nachzuprüfen.
  • Die Darstellungen der Ereignisse auf dem Alexis-Schumann-Platz, wie sie die Polizei wiedergibt, sowie deren Sicht auf die Sachlage finden Sie hier. Wir bleiben selbstverständlich an der Sache dran und recherchieren weiter.


 *Name von der Redaktion geändert 

MDR (Erik Hoffmann/tomi)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 09. Juni 2023 | 08:00 Uhr

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