Baumstümpfe kürzlich gefällter Bäume im Erfurter Nordpark
In Erfurt wurden viele Bäume gefällt, unter anderem im Nordpark. Bildrechte: MDR Thüringen/Karsten Heuke

Baumfällungen Ausgleichspflanzung: Erfurt mit 10.000 Bäumen im Rückstand

05. April 2023, 11:46 Uhr

In Thüringer Städten werden oft nicht genügend Bäume nachgepflanzt. Wie eine Umfrage von MDR THÜRINGEN unter den fünf größten Städten in Thüringen ergab, werden vor allem im Auftrag der Städte selbst oft mehr Bäume gefällt als neu gepflanzt. Allein Erfurt ist nach eigener Schätzung mit etwa 10.000 Bäume im Rückstand. Das geht aber nicht nur auf Versäumnisse zurück, sondern auf wärmere und trockenere Sommer.

Ein wenig abseits der Fußgängerbrücke über die Straße der Nationen sind es nur ein paar Schritte vom Fuß- und Radweg hinab bis zur Gera. Am Rand der Gera-Aue, die für die Buga im Jahr 2021 weiträumig umgestaltet wurde, wird der kleine Fluss gekreuzt von einer Fernwärmeleitung.

Zwei Rohre kommen auf der einen Seite aus dem Boden, sind über dem Wasser überirdisch und verschwinden auf der anderen Seite wieder im Boden. "Die Brücke muss saniert werden", sagt Jens Düring, Abteilungsleiter im Umwelt- und Naturschutzamt der Stadt Erfurt. Ein Dutzend Bäume sind dafür rund um die Brücke gefällt worden, die Baumstümpfe sind noch zu sehen.

Doch die guten Nachrichten schiebt Düring gleich hinterher. "Hier klappt es mit den Ersatzpflanzungen." 20 neue Bäume sind vorgesehen, mehr als zuvor entfernt wurden. Und das, obwohl die Fernwärmeleitung im Untergrund so manchem Baum im Weg ist.

Viele bürokratische Hürden für einen Baum

Derlei Probleme gibt es noch häufiger in wirklich innerstädtischen Bereichen. "Es ist eben nicht damit getan, dass man ein Loch gräbt und einen Baum reinsteckt", sagt Düring. Manchmal müssten Stellplätze für Autos erhalten werden, manchmal seien Leitungen im Weg und blockierten den Untergrund. "Und der Baum braucht eben viel Raum."

Es ist eben nicht damit getan, dass man ein Loch gräbt und einen Baum reinsteckt.

Jens Düring

Mindestens zwölf Kubikmeter kalkuliere man heute, auch damit Wurzeln tief nach unten führen könnten, um auch in einem Trockensommer noch ausreichend Feuchtigkeit zu bekommen. Doch auch der Denkmalschutz spielt dabei eine Rolle - so hatte die Landesbehörde neu verpflanzte Bäume auf dem Petersberg moniert. Diese seien "illegal gepflanzt worden". Auch bei anderen Bauprojekten müssen immer wieder Bäume entfernt werden, weil sie ursprünglich geplanten Sichtachsen aus vergangenen Jahrzehnten im Weg stehen.

Zu wenig Geld für neue Bäume

Wegen dieser Ziele, die nicht immer in Einklang zu bringen sind, ist die Stadt Erfurt nach eigenen Erhebungen mittlerweile gut 10.000 Bäume im Rückstand bei den Ersatzpflanzungen, die aufgrund eigener Fällungen notwendig wären. Zudem gebe es zu wenig Personal, um die komplizierten Baumpflanzungen ordentlich zu planen.

Hier hakt Christine Beckert ein, die für die Bürgerinitiative "Stadtbäume statt Leerräume" spricht. Das eingeplante Budget für Ersatzpflanzungen in der Stadt sei viel zu niedrig und müsse vervielfacht werden, denn letztlich koste die Pflanzung eines Stadtbaums einen mittleren vierstelligen Betrag - vor allem in den ersten fünf Jahren müsse er schließlich auch intensiv gepflegt werden, um zu überleben. "Bei denen, die in Erfurt an entscheidender Stelle sitzen, da ist das Bewusstsein dafür noch nicht angekommen", sagt Beckert.

Eine Frau sitzt auf einer Bank
Christine Beckert im Hirschgarten. Hinter ihr die Baustelle für das neue Parkhaus. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

In anderen Thüringer Städten gibt es durchaus ähnliche Tendenzen. Auf MDR-THÜRINGEN-Anfrage schickten Jena, Gera, Weimar und Gotha ebenfalls eine Reihe von Zahlen zu Baumfällungen und Neupflanzungen. In der Mehrzahl der Fälle ist die Zahl der Fällungen größer - lediglich das Baumbudget der Stadt Gera im Jahr 2021 weist eine positive Bilanz auf.

Wobei die Stadt Jena darauf hinweist, dass zum Beispiel Neupflanzungen, die nicht als Ersatz für gefällte Bäume hinzukommen, in der Statistik nicht erfasst würden. Zudem wissen die Städte in der Regel nicht genau, wie die Bilanz in den städtischen Wäldern aussieht, weil hier einzelne Bäume nicht erfasst werden.

Mitunter seien in manchen Fällen Ersatzpflanzungen auch eher kontraproduktiv. "Häufig sind Fällungen wegen dichtem Bestand erforderlich, die Bäume wachsen schief, weisen Aufbaumängel auf, verdrängen sich gegenseitig", schreibt etwa die Stadt Jena. Ein gefällter Baum ist also nicht per se ein Problem. Und vom Erfurter Umweltamt ist zu erfahren, dass die Zahl der Fällungen in den letzten Jahren auch durch Trockenschäden zugenommen hat - Bäume würden dadurch öfter zum Risiko.

Strengere Selbstverpflichtung für die Stadt

Indes wünscht sich die Erfurter Bürgerinitiative mehr Grün in der Stadt - und fordert dazu auf, die Umbauten zwischen Juri-Gagarin-Ring und Hirschgarten dafür zu nutzen. Dort wird gerade ein Parkhaus gebaut, für das fast 30 Bäume weichen mussten, die nicht alle auch dort neu gepflanzt werden können. Mit dem neuen Parkhaus soll der Parkplatz an der Haltestelle "Lange Brücke" wegfallen. "An der Stelle könnte man den Hirschgarten erweitern. Statt der Parkplätze also Grün schaffen", sagt Beckert.

Dort allerdings plant die Wohnungsgesellschaft Kowo stattdessen Wohnbebauung. Dabei sollte nach Ansicht der Bürgerinitiative eher weniger gebaut werden. "Anstatt Flächen zu entsiegeln oder weniger zu bauen, bauen wir mehr, wir versiegeln mehr, wir verdichten mehr."

Eine Wiese vor Hochhäusern
Ausgleichspflanzungen sind nicht überall erlaubt oder erwünscht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Herbst 2022 hat der Stadtrat der Stadt Erfurt eine strengere Selbstverpflichtung auferlegt, auf dass Bäume und Stadtgrün künftig in der Abwägung eine wichtigere Rolle spielen. Am Dienstag konnte die Stadtverwaltung nicht dazu Stellung nehmen, wie der Rückstand von 10.000 Bäumen abgebaut werden soll.

90.000 Bäume hat die Stadt im öffentlichen Raum, hinzu kommen städtische Waldstücke, wo keine einzelnen Zahlen erfasst würden. Mehrere zehntausend Bäume befänden sich zudem auf privaten Grundstücken. Bei privaten Fällungen in Gärten oder wegen Hausbauten kann das Umweltamt nach einer Frist von zwei Jahren eine Neupflanzung zunächst in Erinnerung rufen, später anmahnen und dann auch eine Strafe verhängen, wenn der neue Baum nicht gepflanzt wird. Aber, so räumt Abteilungsleiter Düring ein, Bußgelder würden von einer Stelle der Verwaltung zur anderen nicht verhängt.

Das sagen unsere User

Reichlich Kritik gab es daran, dass Behörden keine Bußgelder bezahlen müssen: "Würde man als Privatmann dieselbe Sünde begehen..." (Freies Moria) oder "Tja, wenn zwei das Gleiche tun, ist das halt immer noch Dreierlei" (martin) oder Lyn "Für die Obrigkeit gelten offenbar andere Regeln." Aus Sicht von AlexLeipzig finde vieles nur auf dem Papier statt, obwohl sich alle großen Städte Klimaschutz und Maßnahmen gegen die sommerliche Erhitzung auf die Fahnen geschrieben hätten. Die Begründungen jetzt seien "Ausreden". goffmann schlug Patenschaften für Bäume und Neupflanzungen vor. Anwohner könnten dabei über ein internetportal Standorte und Baumwahl vorschlagen, später pflanzen und sich darum kümmern. "Vermutlich wäre es billiger als die Beauftragung eines Unternehmens, hätte aber den Vorteil, dass die Bürger mehr Bezug zu der städtischen Bepflanzung hätten." Zustimmung gab es von AlexLeipzig und MamaEF: "Wie es scheint wurde vergessen, dass die Bewegung Vieler schnell größer und wirksamer sein kann als die Einzelner."

MDR (dvs)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. April 2023 | 19:00 Uhr

17 Kommentare

Matthi vor 45 Wochen

Unsere Innenstädte werden im Sommer immer heißer es wird alles mit Häusern zugebaut aber für Grünflächen Bäume ist kein Platz und Geld da. Hauptsache wir bilden Forschungsgruppen die die Erwärmung untersuchen kostet ja kein Geld.

Matthi vor 45 Wochen

Typisch Erfurt, über eine neue BUGA diskutieren an jeder Ecke neue Baustellen aufmachen obwohl die bestehenden noch nicht abgeschlossen sind aber für Baumpflanzungen kein Geld. Ich gebe den Leuten recht die meinen, dass die Stadt beim Bürger genau hinschaut nur nicht bei sich selbst. Das ist wohl eine moderne Interpretation der Stadt von Recht und Gerechtigkeit in einer Demokratie.

Matthi vor 45 Wochen

Die Stadt erzählt viel wenn der Tag lang ist, ob das mit den Kranken Bäumen auf dem Petersberg zutrifft bezweifle ich, gab es da nicht einen Vorfall wo ein Gutachter der Stadt viele Kranke Bäume auf dem Petersberg festgestellt hat was sich dann im Nachgang als haltlos erwiesen hat. Dieser Vorgang war ja in den Medien.

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